Lea (31) und Ben (95)

15. April 2017 14:24; Akt: 15.04.2017 14:24 Print

Die Nazi-Enkelin und der Holocaust-Überlebende

Ben und Lea wohnen zusammen. Er ist 95, sie 31 Jahre alt, er ein Holocaust-Opfer, sie die Enkelin eines Nazis. Die Geschichte einer besonderen Freundschaft.

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Wenn man sie fragt, was sie mit Ben Stern verbindet, antwortet Lea Heitfeld, sie seien «Roommates» – Mitbewohner. Doch die 31-Jährige und der 95 Jahre alte Ben sind mehr als das: Sie sind ein Beispiel menschlicher Güte. Lea Heitfeld aus Bremen, Enkelin eines Nazi-Soldaten, der bis an sein Lebensende keine Reue für seine Taten zeigte, pflegt und kümmert sich um Ben Stern, einen polnischen Juden, der vor 72 Jahren den Holocaust überlebte.

Das ungleiche Paar kam vergangenen Sommer zusammen. Stern wanderte nach dem Krieg in die USA aus, Heitfeld studiert seit fünf Jahren an der Universität in Berkeley und arbeitet als Freiwillige für eine jüdische Organisation in der Nähe von San Francisco. Bens Tochter Charlene fragte Heitfeld, ob sie ihrem Vater für ein paar Stunden am Tag Gesellschaft leisten könne, denn er fühle sich sehr einsam, seit seine Frau Helen wegen Altersdemenz in ein Heim eingewiesen wurde.

KZ-Nummer 129592

Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut. Ben Stern spricht sieben Sprachen und hat einen guten Sinn für Humor. Ab und zu spricht er vom Horror, den er in den Konzentrationslagern Auschwitz und später Buchenwald erlebte. «Auch wenn es schmerzt», meint er.

Von der Zeit in Auschwitz zeugt noch sein KZ-Tattoo am Unterarm. Häftling Nummer 129592. In einem Dok-Film, den seine Tochter Charlene drehte, erzählt Stern, wie er es schaffte, nicht getötet zu werden. «Jeden Sonntag kamen die Soldaten und forderten uns auf, uns nackt auszuziehen. Dann trat Josef Mengele vor uns und richtete seinen Stock auf jene, die umgebracht werden sollten. Das erste Mal zeigte er nicht auf mich, aber beim zweiten Besuch schon. Ich gab jedoch eine falsche Nummer an. Als diese am nächsten Morgen aufgerufen wurde, meldete sich keiner.»

Kurz danach sei er zusammen mit 7000 anderen Häftlingen nach Buchenwald gebracht worden. «Wir marschierten im Schnee durch den Wald. Wer nicht mithalten konnte, wurde erschossen. Einige sahen wie lebende Skelette aus. Nach 33 Tagen kamen wir endlich an, nur 156 Menschen hatten die Reise überlebt.» Am 8. Mai 1945 wurde Ben Stern von der US-Armee befreit.

Leas Grosseltern zeigten nie Reue

Heitfeld hat keine guten Erinnerungen an ihre Grosseltern. «Ich habe sie nur wenige Male gesehen, wir gingen nicht einmal an ihre Beerdigung.» Nach Kriegsende habe der Grossvater alles verbrannt, was ihn mit dem Nationalsozialismus hätte verbinden können, «obwohl er nichts davon bereute», erzählt Heitfeld der Zeitung «El Mundo». Noch direkter sei ihre Grossmutter gewesen: «Sie sagte immer, sie sei nie so glücklich gewesen wie unter Hitlers Führung.»

Schuldig fühlt sich Lea Heitfeld nicht, «aber doch trage ich eine Verantwortung dafür, dass das, was passiert ist, nicht vergessen wird». Mit ihrem «Roommate» redet sie oft über jene Zeit. An anderen Tagen schauen sie einfach gemeinsam fern. «Was Ben tut, ist ein Akt der Vergebung, der schwer in Worte zu fassen ist. Er öffnete seine Tür einem Menschen, der ihm tagtäglich den Schmerz in Erinnerung ruft.»

(kle)