Getötete Journalistin

17. Oktober 2017 19:39; Akt: 17.10.2017 19:39 Print

Galizia war ein Stachel im Fleisch der Mächtigen

Die getötete maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia galt als «One-Woman-Wikileaks». Ihr Sohn erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei.

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Daphne Caruana Galizia ging nie den einfachen Weg. Die maltesische Journalistin, die am Montag in Malta durch eine Autobombe ums Leben kam, legte sich mit den Mächtigen des kleinen Inselstaates an. Sie prangerte Korruption und Intransparenz in der Politik an, wo sie nur konnte. Das machte sie beim Volk beliebt, aber verhasst und gefürchtet bei vielen Parlamentariern und Behörden.

Nur 25 Minuten vor ihrem Tod verfasste die 53-Jährige einen letzten Eintrag auf ihrem kontroversen Blog. Er schloss mit den Worten: «Wo man nur hinschaut, sieht man Gauner. Die Situation ist verzweifelt.»

Ihre Berichte erzwangen Neuwahlen

Galizia betrieb nicht nur ihren eigenen Blog, der bis zu 400'000 Leser erreichte – eine beachtliche Zahl bei einer maltesischen Gesamtbevölkerung von 420'000 Menschen. Sie schrieb auch für andere Medien. Ihre Themen betrafen fast immer die Missstände im eigenen Land, seien es politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche.

Grösste Aufmerksamkeit fanden im Februar 2016 Galizias Enthüllungen über führende Regierungsmitglieder, die einige Erkenntnisse der Panama Papers zwei Monate später vorwegnahmen. Sie berichtete damals über Trusts in Neuseeland und Offshore-Konten in Panama, die der Energie- und Gesundheitsminister Konrad Mizzi und Keith Schembri, der Kabinettschef von Premierminister Joseph Muscat, eröffnet hatten. Muscats Frau warf die Journalistin zudem vor, Bestechungsgelder auf Konten in Panama zu verstecken. Ihre Berichte erzwangen in Malta Neuwahlen – die die regierenden Sozialdemokraten trotzdem gewannen.

Die «bloggende Furie»

Das US-Magazin «Politico» nahm die Journalistin in diesem Jahr in seine Liste der 28 wichtigsten Menschen in Europa auf. «One-Woman-Wikileaks» oder die «bloggende Furie», wie das Magazin sie taufte, befolge ein simples Mantra, hiess es zur Begründung: Sie schreibe unermüdlich über die «Vetternwirtschaft, die hierzulande als etwas Normales angesehen wird».

Dabei, so berichtet die «Neue Zürcher Zeitung», sei Galizia auch vorgeworfen worden, Politiker unsachlich und persönlich anzugreifen. Die Folge seien Vorwürfe der Verleumdung oder sogar Klagen gewesen, manche Gegner nannten sie eine «Terroristin». Im Visier hatte die Bloggerin nicht nur die Regierung, sondern auch die Opposition – etwa, wenn sie dem Chef der Nationalistischen Partei, Adrian Delia, Betrügereien als Student an der Universität und Untätigkeit im Job vorwarf.

«Jeder bekommt, was er verdient»

Wie vielen Gegnern sie ein Dorn im Auge war, zeigt der Facebook-Eintrag eines Polizisten kurz nach ihrem Tod: «Jeder bekommt, was er verdient, Kuhscheisse! Bin glücklich!» Der Post des Beamten Ramon Mifsud wurde laut «Times of Malta» sowohl vom Justizminister als auch vom Polizeiverband verurteilt, der Mann suspendiert.

Doch glaubt man dem Sohn der Verstorbenen, sind Polizei und Regierung mitschuldig am Tod seiner Mutter. Der Journalist Matthew Caruana Galizia schrieb am Dienstag in einem langen Facebook-Post an die Polizei gerichtet: «Sie ist tot wegen eurer Inkompetenz. (...) Inkompetenz und Fahrlässigkeit haben dazu geführt, dass diese Tat nicht verhindert werden konnte.»

«Krieg gegen Staat und organisiertes Verbrechen»

Der Sohn war zu Hause, nur wenige Meter entfernt, als das Mietauto explodierte, und er sah, wie seine Mutter verbrannte. Er verbittet sich, von einem normalen Mord oder tragischen Umständen zu sprechen. «Tragisch ist, wenn jemand vom Bus überfahren wird. Wenn überall um dich herum Blut und Feuer sind, ist das Krieg. Wir sind in einem Krieg gegen den Staat und das organisierte Verbrechen, was ununterscheidbar geworden ist.»

Seine Mutter sei ermordet worden, weil sie zwischen dem Gesetz und jenen gestanden habe, die es brechen wollten, glaubt Galizia. Vor allem sei sie zur Zielscheibe geworden, weil sie die Einzige gewesen sei, die das getan habe. Daphne Caruana Galizia scheint die Gefahr geahnt zu haben. Vor zwei Wochen hatte sie sich an die Polizei gewandt, weil sie Morddrohungen erhalten hatte.

Richterin gibt Fall ab

Auch der frühere Innenminister Louis Galea wirft der Polizei und den Behörden vor, nicht genug für die Sicherheit der Journalistin getan zu haben. «Dass zugelassen wurde, dass Daphne Caruana Galizia so grausam ermordet wurde, ist ein Scheitern des Staates, seiner Regierung und seiner Institutionen», zitiert die «Times of Malta» den Ex-Minister.

Die EU-Kommission zeigte sich am Dienstag «entsetzt» über den «offensichtlich gezielten Angriff» auf die Journalistin. Sprecher Margaritis Schinas forderte Gerechtigkeit in dem Fall. «Wir setzen darauf, dass das geahndet wird.» Unterdessen zog sich die Vorsitzende Richterin aus dem Mordfall zurück, nachdem die Familie der Journalistin ihr eine zu grosse Nähe zur Regierungspartei vorgeworfen hatte.


Das ausgebrannte Auto der Journalistin. (Video: Tamedia Webvideo/Storyful)

(mlr)