«Krieg gegen Weihnachten»

21. November 2012 16:46; Akt: 21.11.2012 16:56 Print

Atheisten verbannen Jesuskind aus Park

von Martin Suter - Amerikas Atheisten stehen ihren superreligiösen Widersachern in nichts nach: In Santa Monica haben sie erreicht, dass erstmals seit 60 Jahren keine Krippe mehr ausgestellt werden darf.

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In Amerikas jährlich neu ausbrechendem «Krieg gegen Weihnachten» ist in Kalifornien eine frühe Schlacht geschlagen worden. Am Montag hat eine Bundesrichterin im Bezirk Los Angeles mit einem vorläufigen Urteil das «Santa» aus dem öffentlichen Raum von Santa Monica verbannt: Anders als jedes Jahr seit 1953 dürfen christliche Gruppen heuer ihre mannshohen Krippenskulpturen nicht mehr im Palisades Park beim Strand ausstellen.

Die Richterin Audrey Collins segnete mit ihrem Spruch ein Verbot von Santa Monicas Regierung ab. Die Stadtoberen hatten genug von den aufwändigen Querelen, die seit drei Jahren um die Krippenbild-Tradition toben. Um Ruhe zu haben, verboten sie im Juni kurzerhand sämtliche festen religiösen Darstellungen in dem öffentlichen Park.

«Pontius Pilatus war genau so ein Statthalter»

«Die Atheisten haben gewonnen», klagte nach dem Richterspruch William Becker, ein Anwalt des «Komitees für die Krippenszenen von Santa Monica». Vor Fernsehkameras rügte er das Urteil als Ausdruck einer «Erosion des Verfassungsrechts auf freie religiöse Rede». Über Weihnachten sei Schande gekommen: «Pontius Pilatus war genau so ein Statthalter.»

Befürworter der Trennung von Religion und Staat bejubelten die Entscheidung: «Religion ist an sich entzweiend und gehört einfach nicht in einen öffentlichen Park», sagte Anne Laurie Gaylor zur «Los Angeles Times». Die Co-Präsidentin der «Stiftung für Freiheit von Religion» fragte: «Es gibt an jeder Ecke steuerbefreite Kirchen - reicht das nicht?»

Das Urteil beendet eine Tradition, die Santa Monica einst den Titel «Stadt der Weihnachtsgeschichte» verlieh. Fast sechs Jahrzehnte lang errichteten die Krippenfreunde jeweils Anfang Dezember im Palisades Park 14 zwei Meter hohe Schaukästen, in denen die Geschichte der Geburt Jesu mit Skulpturen erzählt wird. Die sogenannten Dioramen enthielten mannshohe Figuren von Maria, Josef, den anderen biblischen Charakteren und natürlich vom «Baby Jesus» in der Krippe.

Atheisten gewannen Mehrzahl der Ausstellungsplätze

Dem bekennenden Atheisten Damon Vix war die religiöse Schau seit langem ein Dorn im Auge. Vor drei Jahren bewarb er sich bei der Stadt darum, auch seinen Nichtglauben präsentieren zu dürfen. Er erhielt die Erlaubnis dazu und stellte ein grosses Schild auf. Geschrieben stand darauf: «Reason’s Greetings» - Grüsse der Vernunft -, ein Wortspiel auf den Weihnachtsgruss «Season’s Greetings».

Vergangenes Jahr legte Vix nach und bewog Dutzende Nichtglaubensgenossen, sich auch um Ausstellungsplätze zu bewerben. Santa Monica war gezwungen, die in dem Park verfügbaren Plätze zu verlosen. Ergebnis: Von 21 Plätzen gingen ausser dreien alle an Atheisten. Vix und seine Co-Atheisten stellten schmucklose Schilder auf, zum Teil mit religionsneutralen Sprüchen früherer US-Präsidenten, zum Teil mit satirischen Botschaften.

Dass die christlichen Darstellungen auf zwei Dioramen zusammenschrumpften, ärgerte breite Teile der Bevölkerung. Als aufgebrachte Vandalen viele der atheistischen Exponate besudelten, lief bei der Stadtverwaltung das Fass über. Letzten Juni verbannten sie sämtliche religiösen Schaustücke aus dem Park - eine Order, die nun von der Richterin gestützt wurde.

Wenig Chancen bei Berufung

Der Urheber der Kontroverse ist mit dem Resultat zufrieden. Ein Verbot sei besser als konkurrierende religiöse und atheistische Darstellungen auf öffentlichem Raum, sagte er zur «New York Times». Es sei «immer übel», wenn sich Religion im Staat breitmache.

Die Befürworter der Krippenschau überlegen sich, ob sie gegen das Urteil Berufung einlegen wollen. Rechtsexperten geben ihnen allerdings wenig Chancen. Richterin Collins habe im Einklang mit anderen Entscheidungen geurteilt, sagte zum Beispiel Charles Haynes, ein Experte für Religionsrecht, zur «Los Angeles Times». In solchen Fällen gelte alles oder nichts, erklärte Haynes. «Wenn der Staat ein begrenztes Forum schafft, kann er nicht nach Weltanschauungen diskriminieren.»

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Atheist am 22.11.2012 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    Atheismus ist auch eine Religion

    Was spricht dagegen, Geschichten anderer kultureller Kreise oder auch unserer zu erzaehlen? Selbst ich war schon in einer Kirche bei einem Krippenspiel, habe die Bibel gelesen und weiss auch ein wenig ueber Mohamed Bescheid. Aber wird nicht mitunter das Eine mit dem Anderen verwechselt? Akzeptant, Tolleranz mit genau dem Gegenteil. @ Rene: Leid gibt es nur wegen der Menschen, die "Religion" fuer sich benutzen oder einfach zu einfach sind, klar zu denken. Und sogar ich hab einen Weihnachts- (Christ-) baum, eine handgeschnitzte Krippe und gerade, weil das nichts mit Religion zu tun hat.

  • Polly am 22.11.2012 17:54 Report Diesen Beitrag melden

    Atheistin und trotzdem Weihnachts-Fan?

    Ich bin selbst nicht gläubig und unterstütze Religionen nicht, aber lasst doch Weihnachten! Es ist ein Fest der Liebe und Wärme, als Kind für mich immer eine Freude (auch jetzt noch) Selbst die Krippen finde ich sehr schön anzusehen, auch wenn ich nicht daran glaube. Für Kinder sind sie auch super. Was soll das Ganze??

  • Eidgenosse am 22.11.2012 17:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mir zeigt das vor allem, dass

    Amerikaner definitiv alle einen Sprung in der Schüssel haben...

  • Rene Schmid am 22.11.2012 04:19 Report Diesen Beitrag melden

    Leid gibt's nur wegen Religionen!

    Jeder kann seinen Glauben halten wie er will aber bitte nicht auf öffentlichen Plätzen. Es wird langsam Zeit aufzuräumen mit diesen religiösen lügen.

  • Muslim am 21.11.2012 20:19 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht Gegeneinander, Miteinander: Bitte

    Solange wir nicht lernen, die anderen Glaubensrichtungen respektvoll zu behandeln, wird die Menschheit noch viel unnötiges Leid erleiden.