Bart-Krieg

27. August 2012 01:56; Akt: 27.08.2012 08:38 Print

Berüchtigter Bischof steht vor Gericht

Es ist ein bizarrer Fall, der von Montag an in Ohio verhandelt wird. Unter Anwendung von Gewalt sollen Anhänger einer Sekte mehreren Mitgliedern die Haare gestutzt haben – im Auftrag ihres Anführers.

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Angeklagt wegen gewaltsamen Abschneidens von Bärten und Zöpfen mehrerer Sektenmitglieder: 16 Männer und Frauen müssen sich am 27. August 2012 vor einem Gericht für Scheren-Attacken verteidigen. Levi Miller, Johnny und Lester Mullet: Die Fotos zeigen drei der Angeklagten nach ihrer Verhaftung im Zusammenhang mit den Scheren-Attacken auf ihre Religionsmitglieder. Auf seinen Befehl gestutzt: Sam Mullet ist Kopf und «Bischof» eines 120 Mitglieder umfassenden Amish-Clans aus Bergholz, Ohio. Der berüchtigte Sektenführer soll das Abschneiden der Bärte angeordnet haben. Vermutet wird, dass sich die Opfer wohl nicht an seine Religionsanweisungen gehalten haben. Am 8.2.2013 wurde Mullet zu 15 Jahren Haft verurteilt. Der 66-Jährige gilt als extrem autoritär. Er soll Prügelstrafen gegen ungehorsame Sektenmitglieder verhängt und Sex mit Frauen praktiziert haben, um diese zu zu «reinigen». Die Amischen sind eine religiöse Minderheit in den USA. Sie sprechen einen alten süddeutschen Dialekt und pflegen einen Lebensstil, der eher in das frühe 19. Jahrhundert passt. Moderne Errungenschaften wie Autos lehnen sie ab. Die Amischen pflegen traditionelle, patriarchalisch geprägte Geschlechterrollen. Bärte und Zöpfe sind den Amischen wichtig: Trägt ein Mann einen gestutzten Bart, ist er unverheiratet, trägt er ihn lang, ist er verheiratet. Frauen haben ihre Haare zu einem Zopf oder Dutt zu tragen. Jegliche Art von Schmuck und Verschönerung ist untersagt, dazu gehört auch das Tragen von Ringen und Make-up. Im US-Bundesstaat Ohio leben derzeit etwa 71 800 Amische. Der Bergholz-Clan ist eine Untergruppe der Religionsgemeinschaft. Insgesamt rund 120 Mitglieder zählen zu dieser Sekte.

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Ein eher ungewöhnlicher Fall beschäftigt derzeit ein Gericht in Amerika. Gleich 16 Männer und Frauen einer amischen Glaubensgemeinschaft müssen sich in Cleveland im Bundesstaat Ohio dafür verantworten, ihren Glaubensbrüdern wegen religiöser Differenzen die Bärte und Haare abrasiert zu haben.

In der Kultur der Amischen - die einen Grossteil des technischen Fortschritts ablehnen - ist diese Rasur eine tiefe Beleidigung und auch die Staatsanwaltschaft nimmt den Fall nicht auf die leichte Schulter. Sie wirft Samuel Mullet, dem Anführer einer amischen Splittergruppe, und den anderen Angeklagten Hassverbrechen vor. Bei einer Verurteilung drohen den Angeklagten Haftstrafen von 20 Jahren oder mehr.

Berüchtigter Bischof

Innerhalb der Glaubensgemeinschaft der Amischen und ihrer Splittergruppen sind Auseinandersetzungen über die Beibehaltung ihres einfachen Lebens und der Zukunft ihres Glaubens nicht ungewöhnlich. Doch in diesem Fall steht vor allem Sektenführer Mullet im Visier der Behörden. Er hat sich mit seinen Gefolgsleuten, dem Bergholz-Clan, vor fast 20 Jahren in die Hügel im Osten von Ohio zurückgezogen.

Schon mehrfach fiel er den Behörden auf und es wurde gegen ihn ermittelt. Unter anderem soll er Prügelstrafen gegen ungehorsame Sektenmitglieder zugelassen und Sex mit verheirateten Frauen gehabt haben, um sie zu «reinigen».

Im vergangenen Herbst soll er laut der Staatsanwaltschaft seinen Anhängern befohlen haben, Kritikern die Haare zu stutzen. Die Mitangeklagten seien auf sein Geheiss hin in vier Häuser in verschiedenen Ortschaften eingedrungen und hätten dort ihren eigenen Religionsmitgliedern die Haare gestutzt. Männern wurden die Bärte und Frauen die Zöpfe abgeschnitten.

«Kircheninterne Massnahmen»

Der 66-jährige Mullet und die übrigen Angeklagten - darunter vier seiner Kinder, sein Schwiegersohn und drei Neffen - weisen die Anschuldigungen zurück und haben die US-Regierung aufgefordert, sich nicht in kircheninterne Disziplinierungsmassnahmen einzumischen. Eine Verständigung im Strafverfahren, durch die sie maximal zwei bis drei Jahre Haft hätten in Kauf nehmen müssen, lehnten sie ab.

(ap)