Umstrittene Technik

09. Juli 2016 08:52; Akt: 09.07.2016 12:29 Print

Bomben-Roboter ist die neue Waffe der Polizei

Wohl zum ersten Mal setzte die Polizei in Texas eine neue Technik ein, um einen Angreifer zu bekämpfen. Experten haben nicht nur moralische Bedenken.

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Ein Fotograf ging während der Schiesserei in Dallas hinter einem Auto in Deckung und musste mit einem Polizisten zwei Stunden lang ausharren. Das Polizeihauptquartier in Dallas ist am Samstag abgeriegelt worden. Grund ist eine anonyme Drohung gegen die Polizei, die nach einer Mitteilung «sehr ernst» genommen wird. US-Präsident Barack Obama hat an die Einheit der US-Bürger appelliert. «Amerika ist nicht so gespalten, wie manche es dargestellt haben», sagte er am Rande des Nato-Gipfeltreffens in Warschau. Micah Xavier Johnson auf Facebook, gepostet am 30. April 2016. Bewohner von Dallas besuchen eine Trauerandacht für die getöteten Polizisten. (8. Juli 2016) Vor dem Polizeidepartment in Dallas können die Menschen Blumen niederlegen. (8. Juli 2016) Vor einer Kirche wurde ein Kreuz aufgestellt. (8. Juli 2016) Die Proteste gegen Polizeigewalt gehen weiter, wie hier in New York. (8. Juli 2016) FBI-Agenten untersuchen den Tatort im Zentrum von Dallas. (8. Juli 2016) Ein Bild der US-Armee zeigt Micah Xavier Johnson als Soldaten. Wie alle Soldaten, hat auch er eine grundlegende Waffenausbildung erhalten. (Twitter/NewsThisSecond) Ein weiteres Bild zeigt Johnson afrikanisch gekleidet und kämpferisch. Er hat die rechte Faust erhoben und blickt ernst in die Kamera. (Twitter/Moeid97). Polizeichef David Brown gab bekannt, dass der verschanzte Schütze in der Nähe des Colleges El Centro von einem Bombenroboter der Polizei getötet wurde. Die Ermittler untersuchen den Tatort im Zentrum von Dallas. Ein grosser Teil der Innenstadt ist abgesperrt. Der 43-jährige Verkehrspolizist Brent Thompson wurde als erstes Opfer identifiziert. Spezialeinheiten durchsuchten die Innenstadt nach Sprengstoff. (8. Juli 2016) Am Rand des Nato-Gipfels in Warschau verurteilte US-Präsident Barack Obama den Angriff auf die Polizisten als verabscheuungswürdig, berechnend und bösartig. (8. Juli 2016) Es gebe keine Rechtfertigung für eine solche Attacke. (8. Juli 2016) Bombenspezialisten durchsuchen derzeit die Stadt nach Sprengstoff. (8. Juli 2016) Im Parkhaus des El-Centro-Colleges hatte sich ein Mann verschanzt und sich ein stundenlanges Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei geliefert. Unter anderem hatte er gedroht, dass er Bomben an mehreren Stellen deponiert habe. (8. Juli 2016) Laut Medienberichten soll er tot sein. (8. Juli 2016) Die Polizei hatte mehrere Stunden mit ihm verhandelt. (8. Juli 2016) Er hatte angegeben, in der Stadt mehrere Bomben gelegt zu haben. (8. Juli 2016) Der Verdächtige verhalte sich unkooperativ und drohte damit, weitere Polizisten zu töten, teilte der Polizeichef von Dallas zuvor in einer Pressekonferenz mit. (8. Juli 2016) Die Beamten waren von ihm in eine 45-minütige Schiesserei verwickelt worden. (8. Juli 2016) Der Verdächtige war in einer Garage umzingelt worden. (8. Juli 2016) In der texanischen Metropole Dallas wurden am Donnerstagabend fünf Polizisten erschossen. (8. Juli 2016) Auf einem Video, das Fox 4 News gezeigt hat, ist zusehen, wie ein Schütze sich hinter einer Säule versteckt und auf zwei Polizisten schiesst. (8. Juli 2016) Während einer Protestkundgebung hatten anscheinend zwei Schützen von erhöhten Positionen aus auf Polizisten geschossen und zehn von ihnen getroffen. Mindestens sieben Menschen wurden verletzt. Teinehmer der friedlichen Demonstration suchen Schutz bei einem Polizeiauto. Die Menschen versuchten, so schnell wie möglich den Ort der Schiesserei zu verlassen. Die Polizei hatte diesen Mann festgenommen und später wieder freigelassen. Er hatte eine Waffe bei sich getragen. «Die Schüsse kamen vom Dach», sagte ein Demonstrant dem Sender KTVT. Die Polizei rief die Demonstranten auf, das Gebiet zu verlassen. Ein Polizist sucht hinter seinem Auto Schutz. Drei Verdächtige wurden festgenommen. Ein Polizist erhält im Spital von Dallas Trost. Über 100 Polizisten waren während den Anti-Rassismus-Protesten im Einsatz. In der Nähe seines Standortes sei ein verdächtiges Paket gefunden worden, Sprengstoffspezialisten seien nun im Einsatz. Der gewaltsame Tod zweier Afroamerikaner bei Polizeieinsätzen hat in den USA die Spannungen gefährlich eskalieren lassen. Ein Mann liegt am Boden und schreit: «Erschiesst mich nicht!» Auslöser der Proteste in Dallas und anderen US-Städten war der Tod von zwei Afroamerikanern durch Polizeischüsse in weniger als 48 Stunden. Im Bundesstaat Louisiana wurde am Dienstag der 37-jährige CD-Verkäufer Alton Sterling von der Polizei durch Schüsse aus nächster Nähe getötet. Am Mittwoch starb im Bundesstaat Minnesota der 32-jährige Philando Castile in seinem Auto, nachdem ein Polizist bei einer Routinekontrolle auf ihn geschossen hatte. Die Polizei im Einsatz. Die Scharfschützen sollen es gezielt auf die Polizeibeamten abgesehen haben. Ein Polizist stoppt einen Autofahrer in Dallas. (7. Juli 2016) Die Strassen um den Tatort werden abgeriegelt. (7. Juli 2016) Nach den Schüssen auf die Polizisten sollen chaotische Zustände geherrscht haben: «Jeder fing einfach nur an zu rennen». (7. Juli 2016)

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Ferngesteuerte Technikkästen, die auf Rädern oder Ketten in die Gefahrenzone fahren und verdächtige Pakete untersuchen oder Bomben unschädlich machen: Das kennt man. Ein funkgesteuertes Gerät aber, das Sprengstoff heranrollt, um einen Verbrecher ausser Gefecht zu setzen, das ist neu. Doch genau so wurde Micah Johnson, der mutmassliche Todesschütze von Dallas, getötet.

«Ich kann mich nicht erinnern, dass Polizisten so ein Gerät als Liefermechanismus tödlicher Gewalt eingesetzt hätten», sagt Jusprofessor Seth Stoughton von der Universität South Carolina, ein früherer Polizist, dem «Atlantic». «Dies ist eine neue Dimension für Polizeitechnologie. Er wirft einige Fragen auf.»

Roboter werden von der Polizei zwar schon länger eingesetzt – aber für tödliche Gewalt? Hier verschaffen sich die US-Behörden mittels Roboter Zugang zu einem Fahrzeug, in dem Sprengstoff gelagert sein soll. (13. Juli 2015) (Bild: AFP)

Ferngesteuerte Gewalt wird in den Kriegen und Konflikten der Gegenwart zwar immer wieder moralisch und rechtlich hinterfragt, sie ist in Gestalt von grossen oder kleineren Drohnen aber gang und gäbe. Die Polizei in den USA nutzt ferngesteuerte Geräte für die Aufklärung per Kamera, das Ausbringen von Tränengas und sogar zur Rettung Verwundeter, wie das «Policemag» berichtet. Betritt die Polizei mit der Robo-Bombe Neuland?

Methode rechtlich irrelevant

Nicht unbedingt, meint Professor Stoughton. Würden Polizisten unmittelbar bedroht, werde der Einsatz von Gewalt seitens des Gewaltmonopols also in einem ersten Schritt gerechtfertigt, sei die Frage nach der Art der Gewalt nur noch zweitrangig. «Wenn jemand auf die Polizei schiesst, können sie ihn eliminieren, indem sie ihn niederschiessen, mit einem Messer erstechen oder mit einem Fahrzeug überrollen. Ich halte die Methode rechtlich für irrelevant.»

«The Verge» berichtet, mit einem ferngesteuerten Roboter habe die Polizei einen Mann vom Suizid abgehalten: Sie brachte ihm Pizza und ein Telefon. 2014 setzte die Polizei in New Mexico einen kleinen Roboter ein, um einen Verdächtigen in einem Motel unschädlich zu machen. Das Gerät fuhr in das Zimmer, eine Kartusche chemischer Munition wurde gezündet, fertig. Aber ist das so einfach?

Es war C4-Sprengstoff

Als Dallas' Polizeichef David Brown ruhig erklärt, dass man das Drama nicht anders habe beenden können als mit dem Sprengstoff liefernden Roboter, sagte er nicht, was genau die Polizei eingesetzt habe. Blendgranaten und Türöffner kennt man auch aus Filmen. Aber, sagt Jurist Stoughton: «Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Polizei irgendwas zur Hand hätte, was sie als Waffensprengstoff einsetzen würde.»

«The Verge» vermutete, es sei Sprengstoff, der für die Sprengung grösserer Bomben eingesetzt werde. Am Abend bestätigte Dallas' Bürgermeister Mike Rawlings genau das: Es war C4-Sprengstoff. Man habe den Mann vor eine Wahl gestellt, und er habe sich entschieden.

Der Einsatz neuer Polizeitechnik werfe seit jeher Fragen auf, sagt Jurist Stoughton: Von Schusswaffen selbst bis zu modernen Eletroschockpistolen (Taser) habe sich noch jedes Mal die Frage angemessenen Einsatzes gestellt. «Ich glaube, wir werden ähnliche Gespräche über Roboter haben, die den Tod bringen.»

Diskussion über Robo-Technik

Im Militär gibt es eine komplizierte und intensive Debatte über die Möglichkeiten von Robo-Technik, weit über Drohnen hinaus. Aber die Experten verweisen auf einen zentralen Unterschied: Sinn und Zweck des eingesetzten Militärs ist die Dominanz über den Gegner. Die Polizei dagegen sei für den Schutz der Bevölkerung da, sagt Stoughton. Und so schwer das zu erklären sei, schliesse das Menschen ein, die Böses tun. «Was es nicht einschliesst, ist der Einsatz tödlicher Gewalt, wenn es möglich ist, sie zu vermeiden.»

Die Polizei von Dallas fällte die Entscheidung, dass ihr Einsatz nicht zu vermeiden war. Die Entscheidung fällten Menschen. Das Gerät war der Lieferant.

(bee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Karl Friedrich am 09.07.2016 11:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was?

    Alter... Es werden leute getöted und ihr kritisiert die Gegenmasnahme? Am besten die Polizei lädt den Täter zu einem Tee ein. Dann können alle Parteien in ruhe miteinander diskutieren.

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  • B. Kerzenmacher am 09.07.2016 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Im...

    Gegensatz zu europäischen Medien schreibt selbst die Washington Post, dass US-Polizisten einen gefährlichen Job haben, dessen Sinn es ist, die Bürger zu schützen und nicht Rassismus auszuleben. In einem Land, wo ein Teil der Bürger eine extrem hohe Gewaltbereitschaft zeigt, kann für einen Polizisten eine Unachtsamkeit tödlich sein. Vielen Beamten kostet dies jährlich das Leben. Andererseits sollte jedem Amerikaner und auch Touristen klar sein, dass man Aufforderungen von der Polizei aus diesem Grund absolut ernst nehmen sollte.

  • René B. am 09.07.2016 12:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Absolut richtiges Vorgehen

    Das Übel eliminieren, und dies möglichst ohne andere Menschen zu gefährden. Meiner Meinung nach wird viel zu oft und viel zu lange mit solchen Verbrechern und Terroristen diskutiert. Ein Satz würde reichen: Ergib dich oder du wirst eliminiert.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • asoz am 09.07.2016 16:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Blabla

    unrealistisch, wird r Funden sein die Geschichte. Ein ausgebildeter Soldat soll in einem Parkhaus mit unzähligen kleinen Hindernissen auf einen kleinen Roboter warten welcher max 3km/h schnell ist? 2 gezielte Schüsse und das Teil ist futsch. Da ja kaum Schaden entstanden ist muß es eine kleine Ladung gewesen sein. also auch eine kleine Wirkung. somit ist eine Distanz von unter 5m nötig um allen durch die Druckwelle jemanden zu töten. also bitte

    • kunz am 09.07.2016 22:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @asoz

      Sie kennen sich wohl nicht so aus mit den Robotern der Polizei und Armee :D

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  • Oliver R. am 09.07.2016 16:25 Report Diesen Beitrag melden

    Problem?

    "Man habe den Mann vor eine Wahl gestellt, und er habe sich entschieden." Wo ist das Problem, es war seine Entscheidung und die ist zu akzeptieren.

  • geni am 09.07.2016 16:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    andere Gesetze

    In den USA gelten einfach andere Gesetze als in der braven Schweiz. Wer mit Munition und Waffen herumwursteln soll auch hart angegangen werden.

  • noname am 09.07.2016 16:09 Report Diesen Beitrag melden

    Polizei = Richter und Henker?

    In eine funktionierenden Rechtsstaat sollte jedes Verbrechen, egal wie eindeutig die Fakten sind, wenn möglich durch ein Gericht beurteilt werden. Oberste Priorität hat die Vermeidung von weiteren Opfern, danach das festnehmen des Täters. Wenn es möglich ist jemanden per Fernsteuerung zu töten sollte es eigentlich auch möglich sein jemanden auf dieselbe Weise ausser Gefecht zu setzen (Betäubungsgas, Taser...)

  • Yoshi2000 am 09.07.2016 16:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    good job

    Tolle Sache besser als Menschen leben zu opfern. Wenn man nicht betroffen ist kann man gut von Moral reden.