09. April 2008 16:42; Akt: 19.11.2008 14:20 Print

Britische Presse: Kindsmissbrauch - kein Thema

Während die Welt am schrecklichen Schicksal von Madeleine McCann atemlos Anteil nahm, haben die meisten Menschen von der gepeinigten Shannon Matthews noch nie etwas gehört. Dafür gibt es auch einen traurigen Grund.

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Die neunjährige Shannon Matthews verschwand am 19. Februar auf dem Heimweg nach der Schule im nordenglischen Dewsbury. Ihr Verschwinden löste einen erfolglosen Grosseinsatz der Suchtruppen aus. Erst 24 Tage später wurde sie gefunden. In der Wohnung, die dem 39-jährigen Onkel des Stiefvaters gehört.

Wenige Tage später wurde auch der 22-jährige Stiefvater festgenommen: Die Polizei hatte auf dem Computer von Craig Meehan 140 pornografische Bilder von Kindern gefunden und eine Verbindung zum Entführer hergestellt: Onkel und Neffe sitzen seitdem wegen dem Verdacht auf Pädophilie und Entführung in Untersuchungshaft.

Mutter wusste stets von der Entführung

Am Mittwoch wurde nun die Mutter des entführten Mädchens offiziell wegen Justizbehinderung und Verletzung der Sorgfaltspflicht beschuldigt. Laut Anklage soll die 32-Jährige ihre Tochter Shannon «vorsätzlich vernachlässigt» haben, so dass diese unnötig gelitten habe. Ausserdem soll sie Informationen gegenüber der Polizei vertuscht haben. Matthews hat inzwischen eingeräumt, von Anfang an von der Entführung ihrer neun Jahre alten Tochter gewusst zu haben.

Schweinische Zettel beim Schulbrötchen

Shannon verbrachte drei Wochen in der Wohnung des Entführers, der von der ehemaligen Ehefrau als «Scheusal» beschrieben wird. Der 39-jährige Michael Donovan soll schon früher Kinder entführt haben. Auch vor den eigenen Töchter soll er nicht Halt gemacht haben, berichtet die Ex-Frau: «Er legte ihnen immer wieder schweinische Zettel zu ihren Schulbrötchen».

Warum reagieren die Medien so gleichgültig?

Während die Geschichte der kleinen Madeleine McCann die ganze Welt beschäftigte, warf der Fall Shannon kaum Wellen. Der Grund der noblen Zurückhaltung der britischen Medien ist in der sozialen Herkunft des Opfers zu suchen. Die britische Journalistin Carole Malone brachte es auf den Punkt: Niemand will was vom «trailer trash» wissen. «Shannon ist eben nicht so schön wie Madeleine McCann, ihre Mutter nicht so chic und eloquent wie Kate McCann – Shannon ist arm und daher für die Medien vollkommen unattraktiv», behauptet Malone.

Shannon Matthews ist unterdessen bei einer Pflegefamilie untergebracht worden. Nach ihrer Familie sehnt sich das Mädchen allerdings nicht – sie habe ein kleines Kätzchen bekommen. Inzwischen versucht die Polizei zu erfahren, was in den 24 Tagen Gefangenschaft passiert ist. Die Geschichte könnte allerdings so grauslich werden, dass die Zurückhaltung der britischen Tabloids nicht mehr lange andauern wird.

(kle)