Entführt und gefoltert

15. November 2012 11:46; Akt: 15.11.2012 14:01 Print

Das unglaubliche Martyrium der Sonia M.

von K. Leuthold, Buenos Aires - In Argentinien entkam am Montag eine 33-Jährige einem sadistischen Pärchen. Die beiden hatten sie regelmässig vergewaltigt, mit Kot gefüttert und am ganzen Körper verbrannt.

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Die 40'000-Einwohner-Stadt Coronel Suárez, knapp 600 Kilometer südwestlich der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, steht unter Schock. Am Dienstag war eine junge Frau im örtlichen Spital aufgetaucht, die angab, drei Monate in Gefangenschaft gewesen zu sein. Die 33 Jahre alte Sonia Molina war von einem Paar entführt und missbraucht worden.

Erste Untersuchungen zeigen, dass das Opfer Zigarettenverbrennungen hat. Am ganzen Körper sind blaue Flecken zu sehen, auch im Genitalbereich. Ausserdem weist Sonia Molina Verletzungen an Händen und Füssen auf. Die Frau erzählte den Ärzten, dass sie im Haus einer bekannten TV-Journalistin und Moderatorin, Estefania Heit, festgehalten worden sei. Der Ehemann der 29-Jährigen, der selbsternannte Heiler Jesús Olivera, sei ihr Komplize gewesen. Das Paar habe sie regelmässig brutal geschlagen und vergewaltigt.

Persönlicher Kontakt nach der Sendung

Alles habe im September angefangen. Damals habe sie in Heits Sendung angerufen. Im Radioprogramm «Si querés, podés» («Wenn du willst, schaffst du es») dürfen Hörer über ihr eigenes Schicksal sprechen. Die meisten Fälle sind hochdramatisch. Auch Molina rief an, um vom sexuellen Missbrauch zu erzählen, den sie als Kind erlebt hatte. «Ich habe zwischen 5 und 14 Jahren sehr gelitten, ohne es meiner Mutter erzählen zu können», beichtete Molina den Zuhörern. «Es ist schwierig, so etwas zu vergeben. Aber noch schwieriger ist es, mit dem Schmerz zu leben.»

Täterin und Opfer seien nach der Sendung wahrscheinlich in persönlichen Kontakt getreten, vermuten die Behörden, für die es in diesem Fall noch viele Unklarheiten gibt. Molina behauptet, in Heits Haus im Flur gefesselt worden zu sein. «Sie verwendeten Plastiktüten, damit sie jede meiner Bewegungen durch das Rauschen des Materials hören konnten.» Heit und Olivera gaben der Frau Hundefutter zu essen und mit Hundekot vermischtes Wasser zu trinken. In den drei Monaten, die sie bei Heit verbrachte, nahm Molina 25 Kilo ab.

«Sie war immer sehr hilfsbereit und aufmerksam»

Am Montag konnte Sonia Molina schliesslich ihren Peinigern entkommen. Den Kollegen beim Sender, bei dem Heit seit 2008 arbeitet, fiel auf, dass Heit nach einem Anruf plötzlich das Büro verliess. Sie gab an, sich um ein Gesundheitsproblem eines Verwandten kümmern zu müssen. Dass die sonst nette Arbeitskollegin während drei Monaten eine Frau gefangen halten würde, hätte sie sich niemand vorstellen können. «Sie war immer sehr hilfsbereit und aufmerksam», sagen die Mitarbeiter von Canal 4. Auch ihr Vorgesetzter Horacio Ducart ist verblüfft: «Niemand hätte gedacht, dass Estefania zu einer solchen Tat fähig sein könnte.»

Vielen war allerdings aufgefallen, dass Heit seit September Facebook-Einträge und Tweets mit starkem religiösen Inhalt postete. So schrieb sie: «Gott liebt dich. Ihr seid das Licht der Welt. Möge das Licht scheinen, damit sein Werk von den Menschen wahrgenommen werden kann.» In ihrem letzten Tweet am 25. Oktober erschien der rätselhafte Text: «Sein oder nicht sein, das ist das Dilemma.»

«Wir dachten, sie studiert in La Pampa»

Heits Anwalt erklärte dem argentinischen Nachrichtenportal «Infobae», dass seine Mandantin und Molina Freundinnen gewesen seien. Heit sei von der Anzeige sehr überrascht, da die beiden eine enge Beziehung gehabt hätten. Molina habe bei Heit wohnen dürfen, meinte der Anwalt. Die Familie des Opfers ahnte nichts: «Wir dachten, sie studiert in La Pampa. Wir haben seit sechs Monaten keinen Kontakt zu ihr.»

Sonia Molina wird derzeit im Spital von Coronel Suárez behandelt. Sie isst nur sehr wenig und schläft unruhig in der Nacht, heisst es im ersten Bericht. Ausserdem wird sie gegen Läuse behandelt.