Zwangsarbeit in China

09. Januar 2013 14:18; Akt: 09.01.2013 15:51 Print

Der Hilferuf aus der Spielzeug-Packung

Eine Mutter in den USA erschrak, als sie in einer Halloween-Garnitur einen Brief fand. Geschrieben hat ihn der Insasse eines chinesischen Arbeitslagers, wo das Spielzeug herkommt.

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Die Führung in Peking überraschte am Montag mit der Ankündigung, schon bald ihre berüchtigten Arbeits- und Umerziehungslager zu schliessen. Zwar kursieren in den chinesischen Medien verschiedene Versionen über die genaue Wortwahl von Meng Jianzhu, dem zuständigen Mitglied des Politbüros. Die Abschaffung der von Mao Zedong gegründeten Sondergefängnisse wäre ein starkes Signal der neuen Führungsriege um Xi Jinping, der im März Staatspräsident wird. Arbeitslager gelten als bequemes Mittel, unliebsame Kritiker ohne ein Gerichtsurteil zu bestrafen.

Das jüngste Zeugnis über die Bedingungen in den chinesischen Lagern stammt aus einem Brief, der auf abenteuerlichem Weg in die USA gelangte. Julie Keith, eine 45-jährige Mutter aus einer Kleinstadt in der Nähe von Portland, hatte vor einem Jahr eine Schachtel Halloween-Dekorationen gekauft, die aber ungeöffnet in der Garage verschwand. Im Oktober 2012, kurz vor dem Halloween-Fest, erinnerte sie sich an die 29.99 Dollar teure Investition. Beim Öffnen entdeckte sie zwischen zwei Styroporblöcken eingeklemmt ein dreimal gefaltetes Stück Papier.

15 Stunden pro Tag Arbeit

Dieses erwies sich als ungezeichnetes Schreiben eines Insassen des Arbeitslagers Masanjia im Nordosten Chinas: «Wenn Sie dieses Produkt zufällig gekauft haben, leiten Sie diesen Brief bitte an die Welt-Menschenrechts-Organisation weiter», heisst es in holprigem Englisch. «Tausende von der kommunistischen Regierung verfolgte Menschen werden Ihnen ewig danken.»

Weiter unten steht, dass besagtes Produkt in Einheit 8, Abteilung 2 hergestellt wurde – unter sehr rauen Bedingungen: «Die Menschen hier müssen 15 Stunden pro Tag arbeiten, ohne Wochenende, sonst droht ihnen Folterung, Züchtigung und Beschimpfungen. Der Lohn: 10 Yuan pro Monat, umgerechnet 1.50 Franken.»

Der Absender lässt ausserdem anklingen, dass er Mitglied der in China verbotenen Glaubensgemeinschaft Falun Gong ist, welche die Mehrheit der Lagerinsassen stellt. Sie seien «völlig unschuldig», aber weil sie andere Überzeugungen hätten als die Kommunistische Partei, würden sie verfolgt und im Lager besonders schlecht behandelt.

Import von Zwangsarbeit-Produkten verboten

Julie Keith war schockiert und wusste zunächst nicht recht, was sie mit diesem unglaublich anmutenden Schreiben anfangen soll. Schliesslich postete sie es auf Facebook und erweckte damit das Interesse der Medien. Durch einen Bericht in einer Lokalzeitung wurde auch die Menschenrechts-Organisation Human Rights Watch (HRW) auf den Fall aufmerksam: «Wir können weder Echtheit noch Herkunft dieses Schreibens bestätigen», sagte die China-Verantwortliche Sophie Richardson von HRW gegenüber «The Oregonian». Allerdings entsprächen die beschriebenen Zustände ihren Kenntnissen über chinesische Umerziehungslager.

Auch die amerikanischen Zollbehörden und die Supermarkt-Kette Kmart wurden durch die Medienberichterstattung aktiv. Der Import von Produkten, die aus Zwangsarbeit hervorgehen, ist laut Gesetz verboten. Wie lange die Untersuchungen andauern werden und ob sie irgendwelche Erkenntnisse liefern werden, ist unklar. Julie Keith hat für sich bereits Konsequenzen gezogen, wenn auch im Kleinen: «Wenn ich etwas nicht unbedingt brauche, kaufe ich nichts mehr, was in China hergestellt wurde.»

(kri)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • ping_pong am 10.01.2013 07:54 Report Diesen Beitrag melden

    Echt??

    Auch das wird sich wieder als Fake herausstellen, wie damals der Gag mit der Flaschenpost aus Südafrika. Die Presse ist einfach viel zu gutgläubig und zu Sensations lüstern. Die Idee dafür ist eigentlich ganz gut, mit wenig Aufwand konnte auf ein grosses Problem aufmerksam gemacht werden.

  • Logo Graf am 09.01.2013 23:33 Report Diesen Beitrag melden

    Dubios

    graphologisch gesehen wurde der Absender in den USA ausgebildet. Klassisches amerikanisches Schriftbild! Daher Fake nicht ausgeschlossen. Oder aber ein Falun Gongler der Chinese ist, in den USA aufgewachsen und in China inhaftiert. Irgendwie dubios, die Geschichte.

  • Dani am 09.01.2013 22:49 Report Diesen Beitrag melden

    Sind wir nicht schuld am Ganzen?

    Jetzt jammern Alle, aber ein Produkt darf nichts kosten. Ihr jammert wie teuer hier alles ist, dabei kassiert ihr in der Schweiz einen guten Lohn. Offensichtlich haben die Menschen vergessen, dass man nicht alles im Leben haben kann, und dies auch nicht umsonst oder halber umsonst. Sogar viele andere Länder wie z.B. Japan produzieren immer weniger selber, weil es nicht mehr rentiert. Aber ein paar hundert Franken mehr für einen TV oder ein Smartphone will niemand bezahlen. Kehrseite: Bei normalen Fabrik-Jobs (nicht Arbeitslager) sind viele Chinesen auch sehr froh,überhaupt eine Arbeit zu haben

  • Alex W. am 09.01.2013 22:21 Report Diesen Beitrag melden

    Holzklötzchen

    Ich hatte damals Holzklötzchen, die ich vom heimischen Schreiner erhielt. Niemand hätte jemals daran gedacht Spielzeug aus China zu haben.

  • Fritz am 09.01.2013 21:58 Report Diesen Beitrag melden

    China macht was es will

    Solange es den globalisierten Ländern dieser Welt gelingt, mit Investitionen in China Geld zu verdienen, wird niemand es ernsthaft wagen, den Chinesisch bezüglich der Menschenrechte, entgegen zu treten.