11. Januar 2007 14:31; Akt: 11.01.2007 15:46 Print

Die Koks-Königin des Balkans

Nacht- und Nebelaktionen sind passé - heute agieren serbische und mazedonische Drogen-Schmuggler im Tageslicht. Teilweise sind sie angesehene Mitglieder der «guten Gesellschaft». Ja, sie haben sogar eine Königin.

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Zumindest krönte jüngst die Presse eine 38-jährige Mazedonierin mit Wohnsitz in Belgrad zur «Kokain-Königin des Balkans». Grund war der angeblich von ihr organisierte Transport einer Ladung kolumbianischen Kokains für den EU-Rauschgiftmarkt.

Allerdings ohne Happy End für die «Koks-Queen»: Das Zeug wurde vorher entdeckt. Knapp eine halbe Tonne reines Kokain, im geschätzten Wert von 92 Millionen Euro (148 Millionen Franken), wurden am vergangenen Sonntag in Mazedonien beschlagnahmt.

Die exakt 486,7 Kilogramm Rauschgift waren in Fässern mit Haushaltsfarben verstaut, stammten aus Drogen-Fabriken in Kolumbien und sollten nach Westeuropa gebracht werden, gab Mazedoniens Regierungschef Nikola Gruevski kurz danach bekannt.

Mazedonien erliess prompt Haftbefehl gegen seine Landsfrau, die jedoch in der Belgrader Zeitung «Politika» am Donnerstag jede Verantwortung vehement bestritt. Und die serbische Polizei weigerte sich, den mazedonischen Haftbefehl auszuführen.

Verfilzte Eliten in den Nachfolgestaaten

Seit Jahren ist der Balkan trotz grösserer Entfernung und erhöhter Frachtkosten eine der wichtigen Routen für den Drogen- Handel aus Lateinamerika nach Europa. Die Schmuggler meideten westeuropäische Häfen, weil dort die Kontrollen immer rigoroser würden, erklärt Milos Vasic, ein Belgrader Journalist.

In den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien seien während der Kriege 1991-1999 dagegen gut ausgebaute Netzwerke zwischen Kriminellen, Geheimdiensten, Kriegsverbrechern und Politikern entstanden, die alle politischen Veränderungen unbeschadet überlebt hätten.

Dass «Drogen-Adel» und Politik eng versippt sind, zeigt sich am Beispiel der jetzt verdächtigten Mazedonierin. Der «Kokain-Königin» soll ihr Onkel, damals noch Chef des Geheimdienstes der südlichen Balkanrepublik, bei ihren Geschäften geholfen haben.

Ihr Mann war Leibwächter des berüchtigten serbischen Freischärlerführers Zeljko Raznatovic-Arkan, der im Auftrag des Milosevic-Geheimdienstes in Kroatien kämpfte. Vor sieben Jahren wurde Arkan in Belgrad ermordet.

Arkan-Witwe singt für Regierungskoalition

Für seine «patriotischen Verdienste» bekam Arkan die Lizenz zum Schmuggeln von Benzin, Zigaretten, Waffen und Drogen. Mit einem Teil seines Reichtums kaufte er den Belgrader FC »Obilic», dessen Finanzleiterin eine Zeit lang die jetzt des Drogenschmuggels verdächtigte Mazedonierin war.

Und die Arkan-Witwe, die populäre serbische Folk-Sängerin Ceca, Freundin und angebliche Trauzeugin der «Koks-Queen», gibt an diesem Samstag in Belgrad ein Konzert. Der Erlös fliesst als finanzielle Stütze in den Wahlkampf der Koalition des aktuellen serbischen Regierungschefs Vojislav Kostunica.

(sda)