Gaza statt «Call of Duty»

17. August 2014 20:11; Akt: 17.08.2014 20:44 Print

Diese Ferien vergraulen Kindern Baller-Games

Wie macht man seinen Kindern am besten klar, dass Computer-Kriegsspiele einen realen Hintergrund haben? Man nimmt sie mit ins Kriegsgebiet. Genau das tat ein schwedischer Vater.

«Ein @IamBjornH verspottete mich und meine Kids und sagte, wir seien in den Nahen Osten gereist, um Aufmerksamkeit zu ergattern. Im Bild die Antwort meiner Jungs», twitterte der schwedische Vater Carl-Magnus Helgegren.

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Mütter und Väter kennen die Situation: Die Kinder hören nicht auf zu betteln, weil sie unbedingt das neuste PC-Kriegsspiel wollen, aber die Eltern sind dagegen, weil sie sich an der realistischen Darstellung von Gewalt in solchen Games stossen. Unermüdlich wird hin und her argumentiert, doch der Generationengraben ist zu tief. In der Regel spricht dann ein Elternteil ein Machtwort.

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Einem schwedischen Vater war das zu simpel. Carl-Magnus Helgegren bestand darauf, dass seine zwei Söhne verstehen, warum er gegen Spiele wie das heiss begehrte «Call of Duty» ist. Schon mehrmals hatte der Journalist, der auch in Konfliktgebieten im Nahen Osten gearbeitet hatte, von Kriegen erzählt, die er miterlebt hatte. Doch dem 10- und dem 11-Jährigen war das zu abstrakt, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt.

Erst die Reise, dann das Vergnügen

Also schlug er den Kindern einen Deal vor: Sie müssten mit ihm in ein Konfliktgebiet reisen – und wenn sie danach das Kriegsspiel immer noch wollten, würde er es ihnen kaufen. Die Söhne waren einverstanden und so flog er mit ihnen – Wochen vor Ausbruch des aktuellen Gaza-Kriegs – nach Israel.

Helgegren kannte eine besatzungskritische Israelin, die sich bereit erklärte, mit der schwedischen Familie in Flüchtlingslager zu reisen, Spitäler zu besuchen und die Mauer zu besichtigen, die palästinensische von israelischen Gebieten trennt. Sie sprachen mit Ärzten und Einwohnern, sie sahen israelische Panzer, zerstörte Häuser und ausgebrannte Autos.


«Mein Sohn Leo mit einem Merkava-Panzer im besetzten Syrien, 60 Kilometer von Damaskus entfernt. Sag den Kindern die Wahrheit, wie Bob Marley sang.»

Auf den Golan-Höhen zum Beispiel erinnerte Helgegren die Kinder an die Giftgasattacken im nur wenige Kilometer entfernten Syrien. Die beiden hatten in Schweden davon gehört. «Doch jetzt sahen sie in Richtung Damaskus und dachten: ‹Wow, das ist wirklich real›», sagte Helgegren zum «Guardian».

Im Flüchtlingscamp Shuafat in Ost-Jerusalem erzählte ihnen ein Arzt, dass er fast täglich Kopfwunden von Kindern nähen muss, denen ein israelischer Soldat einen Schlag mit dem Gewehrknauf verpasst hatte. Und draussen vor der Schule sahen sie Drogendealer.


«Mein Sohn Frank im Flüchtlingslager Shuafat. Im Hintergrund die berüchtigte Mauer. Das ist zehn Meter von der Schule entfernt.»

Fragen über Fragen

Die Kinder begannen nachzudenken – und Fragen zu stellen. «Ich musste ziemlich viel erklären», sagte Helgegren zu «The Local». Was nicht einfach war, ging es doch um Politik, Macht, Religion, Geschichte, aber auch darum, dass Gewalt immer Gegengewalt zur Folge hat.

Wieder zurück in Schweden veröffentlichte Helgegren die Geschichte über seine Reise im schwedischen «Filter» und erhielt jede Menge positive und negative Leserbriefe. Sein ursprüngliches Ziel hatte der Vater erreicht. Auf die Frage, ob sie das Baller-Game immer noch wollten, lautete die Antwort seiner Söhne unisono: «Ach, ist schon ok, Papa, wir wollen solche Spiele nicht mehr.»

(kmo)