Brandenburg

10. Dezember 2017 14:22; Akt: 10.12.2017 16:00 Print

Ein Dorf wird versteigert – für 140'000 Euro

Die Versteigerung eines ganzen Dorfes erregte im Vorfeld viel Medieninteresse. Jetzt kam die Siedlung Alwine unter den Hammer.

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Dieser kleine Weiler hier ist Alwine. Zwar gehört die Siedlung zur Stadt Uebigau-Wahrenbrück, liegt aber einige Kilometer davon entfernt. Das Auktionshaus Karhausen versteigert den Weiler im Auftrag der bisherigen Besitzer: Ein Brüderpaar, von denen der eine verstorben ist. Die Startgebote für den Weiler mit sechs Doppel- oder Mehrfamilienhäusern liegen bei mindestens 125'000 Euro. Auch wenn Alwine eigentlich ein Teil einer Stadt ist, liegt es sehr abgelegen in einem Waldstück. Nach Uebigau und Wahrenbrück sind es jeweils einige Kilometer, ... ... bis in die nächste richtig grosse Stadt Dresden sind es sogar 100 Kilometer. Die abgelegene Lage kann aber auch ein Vorteil sein: Es ist der perfekte Ort für eine eigene Kommune, ... ... einen grösseren Bauernhof oder ein Selbstversorgungs-Projekt. Der Haken: der Zustand der Häuser. Die sechs Häuser sind alle renovierungsbedürftig, die einen mehr als die anderen. Bei manchen Gebäuden blättert der Putz ab, es fehlen Fenster und Dachziegel. Ein künftiger Besitzer müsste also für die Renovationen noch mal viel Geld in die Hand nehmen. Da es sich aber um mehrere Projekte handelt, können die Renovationen auch nach und nach durchgeführt werden. Wer Alwine kauft, der übernimmt erstmal auch die Mieter. In der Siedlung leben 15 Personen, die meisten davon mit DDR-Verträgen. Die jährlichen Mieteinnahmen belaufen sich auf nur gerade 16'000 Euro. Auch das liegt am Zustand der Häuser: Die Mieter zahlen sehr wenig, manche sogar gar nichts – weil die Gebäude, in denen sie leben, so marode sind. Nach umfassenden Renovationen könnten die Mieteinnahmen aber bis auf 30'000 Euro steigen. Die Renovationen hängen auch von den Mietern ab: Ein künftiger Besitzer sollte die Mieter besuchen ... ... und mit ihnen über den Renovationsbedarf der jeweiligen Häuser sprechen. Übrigens: Es gibt in ganz Alwine keine Heizung: Geheizt wird mit Holz und Kohle in Kachelöfen. Gegenüber dem «Stern» sagt Matthias Knake vom Auktionshaus Karhausen: «Bislang haben uns zwar mehr Presseanfragen als Kundenanfragen erreicht, aber ein Käufer wird sich bestimmt finden.» Fühlen Sie sich angesprochen? Stichtag für die Auktion ist der 9. Dezember, das Mindestgebot liegt bei 125'000 Euro.

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«Zum Wohle der Einwohner» von Alwine hat ein Unbekannter die heruntergekommene Siedlung in Brandenburg für 140'000 Euro gekauft. Der anonyme Käufer, der die Summe per Telefon bot, «möchte etwas Gutes tun», berichtet Matthias Knake, Vorstand des Auktionshauses Karhausen, das mit der Versteigerung von Alwine beauftragt war.

Nur soviel gibt er zunächst noch preis: Der Käufer kommt direkt aus Berlin, und er will sich bald mit dem Bürgermeister treffen.

Ein Dorf unter dem Hammer: Alwine hat einen neuen Besitzer. (Video: Tamedia/AFP)

Bewohner haben Angst vor Räumung

In Alwine, einer von Wald umgebenen Ansiedlung teils verfallener und sanierungsbedürftiger Häuser, leben noch etwa 20 Menschen, zumeist im Rentenalter. Für sie ist «das Allerwichtigste», dass nun erste Sanierungsarbeiten beginnen, sagt Peter Kroll, der ehrenamtliche Ortsvorsteher von Domsdorf, zu dem Alwine gehört. Die Wohnungen müssten wieder «bewohnbar und wohnlich werden» – vom Dach bis zum Keller.

Kroll ist gespannt, was für eine Person da vor ihn treten wird. «Was hat sie vor? Und was denken wir davon?», fragt er sich. Die Bewohner hätten natürlich Angst, dass der Käufer der Siedlung sie zur Räumung auffordere. Doch der Ortsvorsteher zeigt sich optimistisch: «Wir hoffen auf Positives», sagt er am Samstag nach der Versteigerung in Berlin.

Anfragen aus der ganzen Welt

«Wirklich schwierig» sei die Suche nach einem Käufer gewesen, berichtet Auktionshaus-Vorstand Knake. Viele potenzielle Kunden seien vor Ort gewesen – und hätten dann Abstand genommen, weil sie den Sanierungsaufwand scheuten. Die riesige öffentliche Aufmerksamkeit hat aber geholfen: Aus der ganzen Welt seien Anfragen gekommen, noch in der Nacht vor der Auktion habe jemand aus Indien sich erkundigt. Ortsvorsteher Kroll hofft deshalb auch auf baldigen Touristenbesuch.

Alwine gehörte bis zur Wiedervereinigung einer nahe gelegenen Fabrik für Kohlebriketts. Bald nach der Wende schloss die Fabrik, vor allem die jungen Menschen zogen fort. Im Jahr 2000 dann kauften zwei Brüder Alwine zum symbolischen Preis von einer D-Mark, stoppten den Verfall aber nicht. Einer der beiden starb, weshalb das Dorf verkauft wurde. 125'000 Euro waren das Mindestgebot – der anonyme Käufer war der einzige Bieter.

(mlr/afp)