Saudische Sitten

27. November 2012 13:13; Akt: 27.11.2012 13:28 Print

Ein SMS warnt, wenn die Frau das Land verlässt

von Philipp Dahm - Verlässt eine saudische Frau ihr Land, wird ihr Mann per SMS informiert. Doch nicht nur die Überwacher bedienen sich moderner Technik – auch Frauenrechtlerinnen wissen sie zu nutzen.

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, ist zum einen durch die strenge (wahhabitische) Auslegung des islamischen Rechts (Scharia) und zum anderen durch das tribale oder traditionelle Gewohnheitsrecht festgelegt. Diese Regelungen können regional variieren. Die Frauen brauchen zwingend einen , der ein Verwandter (Mahram) sein muss. Normalerweise handelt es sich um den Vater oder den Ehemann, dessen Familie den Job ebenfalls übernehmen kann. Ohne diesen Vormund können Frauen nicht heiraten, sich scheiden lassen, reisen (wenn sie unter 45 sind), arbeiten, sich fortbilden oder ein Bankkonto eröffnen. König Abdullah versucht jedoch behutsam, die Gesellschaft zu liberalisieren. Das offizielle Gesetz, das eine Zustimmung des Vormunds für die Beschäftigung einer Frau fordert, wurde 2008 gestrichen. Die weiteren Bestimmungen zur Vormundschaft sind ohnehin nicht offiziell, sondern traditionell. Trotzdem kann die Vormundschaft für Frauen entscheidende Probleme mit sich bringen. Ist etwa der Ehemann Vormund und die Frau will entgegen seinem Willen eine Scheidung, hat sie keine Chance. Mit diesem Gewohnheitsrecht ist auch ein (Namus) verknüpft. Sprich: Die Ehre eines Mannes kann von der Frau tangiert werden, deren Vormund er ist. Der Effekt: Es wird von den Herren erwartet, dass sie die Damen unter Kontrolle haben. Im schlechtesten Fall ist dieses Verhalten durch so genannte «Ehrenmorde» bekannt, bei denen die eigene Verwandtschaft eine nicht gefügige Frau tötet. Die ist in Saudiarabien essentiell. Büros, Banken, Restaurants oder Universitäten haben in der Regel zwei Eingänge und getrennte Schalter für die Geschlechter. Wenn Damen mit Herren verkehren, die keine Verwandten sind, können sie wegen Prostitution belangt werden. Im Bild: Ein Mann liest einen Artikel über Frauen, die endlich weibliche Verkäuferinnen im Dessous-Laden fordern. Während im Islam das Gesicht der Frau in der Regel nicht verdeckt werden muss, ist der in Saudi-Arabien strenger. Hier gelten nur die Augen und die Hände als Körperteile, die gezeigt werden dürfen. Auch beim sind Frauen benachteiligt. Sie dürfen nicht Auto fahren. Auch Taxis können sie nicht nehmen, weil sie mit einem Nicht-Verwandten gar nicht verkehren dürfen. Busse und Züge sind nur dann eine Option, wenn sie zwei Eingänge und einen abgetrennten Hinterbereich für Frauen haben. Im Bild: Die Aktivistin Manal al-Sharif, die auch gegen das Fahrverbot für Frauen kämpft. Auch in Sachen sind die Geschlechter von Anfang an getrennt. Bei Jungen wird mehr Wert auf technische und physikalische Fertigkeiten gelegt, während Frauen zu guten Müttern und Ehefrauen erzogen werden sollen. Obwohl die 2005 offiziell abgeschafft wurde, haben Frauen in Sachen Heirat kein Mitspracherecht. Nach religiöser Lehrmeinung können Mädchen ab neun Jahren verheiratet werden, wobei der Gatte mit Sex warten muss, bis sie in die Pubertät kommt. Männer dürfen bis zu vier Ehefrauen haben, vorausgesetzt, er kann alle gleich gut versorgen. 2004 waren 16 Prozent der weiblichen Teenager verheiratet. Doch es geht aufwärts: Während 1970 nur zwei Prozent der Frauen lesen und schreiben konnten, sind es heute zwischen 71 und 78 Prozent. Und heute sind 60 Prozent der Studenten weiblich. Zudem wurde 2009 mit der König Abdullah Universität für Wissenschaft und Technik die erste Lehranstalt ohne Geschlechtertrennung eröffnet. Erst 2009 arbeitete erstmals eine Frau in der mit: Nora al-Faiz (im Bild) ist stellvertretende Ministerin für Frauen-Bildung. 2011 verkündete König Abdullah, dass Frauen neu in die Schura, einem Beirat des Herrscherhauses, aufgenommen werden können. Ausserdem werden sie bei den Kommunalwahlen 2015 erstmalig kandidieren und abstimmen dürfen. Premiere bei den Olympischen Spielen in London 2012: Zum ersten Mal überhaupt schickt Saudi-Arabien ein weibliches Team ins Rennen.

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Ein saudischer Ehemann konnte es kaum glauben, als er mit seiner Ehefrau am Flughafen von Riad das Land verliess: Die Einwanderungsbehörde informierte ihn per SMS, dass seine Gattin ausgereist ist. Irritiert von der Überwachung, erzählte er seine Geschichte einer bekannten Frauenrechtlerin – ein gefundenes Fressen für Manal al-Sharif, welche die Big-Brother-Botschaft im Internet verbreitete. Weil Twitter für die saudischen Sittenwächter kaum zu kontrollieren ist, war das Echo dort entsprechend gross, meldete die Nachrichtenagentur AFP.

Die Betroffenen flohen sich in Sarkasmus. «Wenn ich ein SMS brauche, sobald meine Frau das Land verlässt, bin ich mit der falschen Frau verheiratet oder ich brauche einen Psychiater», lautete ein Eintrag. «Hallo Taliban, hier einige Tipps vom saudischen E-Government», ein anderer. «Warum fesselt ihr Frauen nicht auch noch mit Tracking-Handschellen?», fragt einer. Oder: «Warum nicht einen Mikrochip einpflanzen?»

«Zustand der Sklaverei»

Twitter-Aktivistin Manal al-Sharif weiss selbst aus leidlicher Erfahrung, wie sich die Desillusionierten unter ihren 90'000 Followern fühlen. 2011 wurde sie über die Grenzen hinaus bekannt, weil sie via Facebook einen stillen Protest gegen ein weltweit einmaliges Gesetz organisierte: das Fahrverbot für Frauen. Nachdem sie alle Frauen mit ausländischem Führerausweis dazu aufrief, am 17. Juni hinters Lenkrad zu steigen und ein Video davon auf YouTube zu posten. Für diese «Anstiftung öffentlicher Unruhe» sass sie neun Tage im Gefängnis.

Twitter, Facebook, YouTube: Während die Opposition auf soziale Netzwerke setzt, zieht der Staat mit der elektronischen Grenzüberwachung nach. «Die Obrigkeit setzt auf Technik, um die Frauen zu überwachen», schimpft Badriya al-Bishir. Die saudische Kolumnistin kämpft schon lange gegen den «Zustand der Sklaverei, in dem Frauen gehalten werden», doch die High-Tech-Methoden sind neu. «Es ist eine moderne Technologie, die den Ewiggestrigen dient, um Frauen einzukerkern.»


Ein englischer Bericht von Al-Jazeera über al-Sharifs Kampagne. Quelle: YouTube/AlJazeeraEnglish

Wie die Behörden vom Grenzübertritt erfahren, ist unklar. Neben Handys könnte der Ausweis die Quelle sein: Das Land hat kürzlich neue Papiere eingeführt, die neben biometrischen Daten auch GPS-Informationen enthalten. Doch die Behauptung, Saudi-Arabien führe ein elektronisches Verfolgungsprogramm für Frauen ein, ist übertrieben: Die SMS wird erst nach Verlassen Saudi-Arabiens gesendet und verrät das Ziel der Reise nicht.

Vormundschaft oder Leibeigenschaft?

Das eigentliche Problem ist ohnehin ein anderes: Während saudische Jünglinge mit 18 Jahren volljährig sind, werden Frauen niemals mündig. Sie brauchen einen männlichen Vormund, der aus der eigenen Familie oder derjenigen des Ehemannes kommt. Die Frauen brauchen ihn für jeden Behördengang – egal, ob es um eine Arbeitserlaubnis, den Besuch von Fortbildungskursen oder das Erstatten einer Anzeige geht. Dass Delikte wie Gewalt in der Ehe kaum geahndet werden, wenn der Gatte zur Meldung der Tat mit aufs Revier muss, liegt auf der Hand (siehe obige Bildstrecke).

So ergeben sich Situationen, die lächerlich wären, hätten sie nicht derart schwere Folgen. 2007 tötete ein Mann seine Tochter, weil sie auf Facebook mit einem Mann gechattet hatte. 2009 sorgte ein Fall für Aufsehen, bei dem eine Frau ausserhalb ihres Stammes heiraten wollte. Der Vater verbot das als Vormund und liess seine Tochter zur Strafe in die Psychiatrie einweisen. Ein Gericht bestätigte das Vorgehen, obwohl die Tochter volljährig war. Der Grund: Dem Vater zu gehorchen sei gesetzliche Pflicht.

«Wenn ich wieder heiraten wollte, müsste ich meinen Sohn fragen»

Die 50-jährige Wajeha al-Huwaider beklagt: «Wenn ich wieder heiraten wollte, müsste ich meinen Sohn fragen.» Sie ist die wohl prominenteste Frauenrechtlerin, seit sie 2008 per Video gegen das Fahrverbot protestierte und 2011 bei deren Aktion Manal Sharif filmte. Dieses Vergehen ist eine Ordnungswidrigkeit. Eine Frau aus Jiddah wurde in jenem Jahr dennoch zu zehn Peitschenhieben verurteilt, weil sie sich hinters Lenkrad gesetzt hatte. König Andullah hob das Urteil später auf.

Der Druck auf die Aktivistinnen ist gross. Manal al-Sharif wurde nach ihrem Auto-Video 2011 vom renommierten «Time»-Magazin in deren jährliche Liste der «100 einflussreichsten Personen» aufgenommen. Das sorgte für eine propagandistischen Konter: Über eine Nachrichtenagentur verbreiteten saudische «Quellen», dass Manal einen Unfall gebaut habe. Die Botschaft: Das Fahrverbot hat seine Berechtigung. Die Aktivistin teilte umgehend mit, das sei «Müll» – über Twitter.

«Wir sind der Besitz eines Mannes»

Drohanrufe sind seither für Manal Alltag. Als sie im Mai 2012 nach Norwegen zum «Oslo Freedom Forum» eingeladen wurde, bat die IT-Spezialistin ihren Arbeitgeber Aramco (Arab American Oil Company) um vier freie Tage. Ihr Boss gab ihr zu verstehen, dass er ihr Engagement nicht gutheisse. Weil sie sich weigerte, auf die Einladung zu verzichten, verlor die Uni-Absolventin ihre Existenzgrundlage. Auch die Wohnung musste die Geschiedene räumen – sie gehört ebenfalls dem Öl-Riesen.

«Ich bin alleinerziehende Mutter und 33, aber es ist alleine schon schwer eine Wohnung zu mieten, ohne dass mein Vater ein Papier unterschreibt, mit dem er seine Einwilligung gibt. Einmal wollte ich meinen Pass verlängern und sie sagten mir, ich solle mit meinem männlichen Vormund wiederkommen. So ist das Leben für eine saudische Frau: Wo auch immer wir hingehen, was auch immer wir erreichen, wir sind der Besitz eines Mannes», klagte sie in Norwegen im Gespräch mit der britischen Zeitung «The Independent».


Manal al-Sharif spricht beim Oslo Freedon Forum. Quelle: YouTube/OsloFreedomForum·

Dass sie sich heute derart für die Liberalisierung einsetzt, ist umso erstaunlicher, als dass die in Mekka geborene IT-Spezialistin früher stockkonservativ war. Ausgerechnet der 11. September hat ihre Meinung geändert. «Ich sagte zu mir selbst: ‹Etwas läuft schief. Es gibt auf der ganzen Welt keine Religion, die eine solche Unbarmherzigkeit, solche Grausamkeit akzeptiert.›»

Früher waren die Saudis toleranter

Früher war die Gesellschaft nicht so radikal, glaubt al-Sharif. «In der saudischen Generation meines Vaters waren Männer viel liberaler als die der heutigen Generation.» Es mag an der Geschichte des Landes liegen, in dem weltliche und geistige Herrscher einen Burgfrieden geschlossen haben: Die Familie der Sauds lenkt den Staat, solange der Klerus die religiöse Oberhoheit bestellt. Dieser Deal ist auch ein grosses Geschäft: Die heiligen Städte Mekka und Medina ziehen alljährlich Millionen fromme Pilger an.

Seit König Abdullah 2005 das Zepter übernommen hat, versucht er das Land vorsichtig – Kritiker sagen zögerlich – zu öffnen. Die erste Frau im Kabinett, die Uni für beide Geschlechter, Korrektur überharter Urteile, kommunales Wahlrecht ab 2015 – die Balance mit den althergebrachten Werten ist schwer. Das zeigt sich auch beim Fahrverbot. Auf dem Land würden Frauen bereits fahren, ohne dass es jemanden schert. Kommt Zeit, kommt Gleichberechtigung. Inschaallah – so Gott will.