Schweizer unter Opfern

12. Februar 2018 13:57; Akt: 12.02.2018 20:03 Print

Video zeigt den Crash der russischen Maschine

Eine Antonow der russischen Fluggesellschaft Saratow Airlines stürzt in der Nähe von Moskau ab. Unter den Opfern ist auch ein 46-jähriger Schaffhauser.

Eine Überwachungskamera hat den Crash gefilmt. (Video: Youtube/CCTV)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Beim Absturz einer Passagiermaschine in einem Moskauer Vorort sind alle 71 Menschen an Bord ums Leben gekommen. Keiner der 65 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder habe das Unglück am Sonntag im Bezirk Ramenski überlebt, teilte die Luftverkehrsbehörde mit.

Auf einer Liste der Passagiere und Crewmitglieder, welche vom russischen Ministerium für Notfälle veröffentlicht wurde, ist der Name eines Schweizers (der Red. bekannt) zu lesen. Es handelt sich dabei um einen 46-jährigen Schaffhauser, der für eine Schweizer Firma arbeitete. Laut seinem Facebookprofil war er verheiratet.

EDA bestätigt Tod eines Schweizers

Die russischen Behörden bestätigen den Tod des Schweizers, wie das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA am Montagmorgen auf Anfrage von 20 Minuten mitteilt.

«Bundesrat Ignazio Cassis spricht allen betroffenen Familien, darunter derjenigen des Schweizer Opfers, sein Beileid aus und wünscht ihnen viel Kraft in dieser schweren Zeit», heisst es in einer Stellungnahme vom Montag.

Der Schweizer war auf dem Weg nach Orsk, um an der Einweihung einer neuen Anlage der örtlichen Raffinerie teilzunehmen, wie die Nachrichtenagentur Interfax berichtet.


900 Einsatzkräfte suchen nach Hinweisen: Der Schnee behindert die Ermittlungen. Video: Tamedia/AFP

Drohnen im Einsatz

Die Arbeiten zur Bergung der Toten sind in der Nacht auf den Montag bei Eis und Schnee fortgesetzt worden. Die Suchtrupps sollen mit Schneemobilen ausgerüstet werden. Rund 900 Einsatzkräfte befinden sich am Absturzort, der nur zu Fuss oder per Schneemobil zugänglich ist. Teilweise mussten sie sich durch hüfthohen Schnee kämpfen. Die Trümmerteile waren im Umkreis von 30 Hektar verteilt.

Video-Drohnen wurden eingesetzt, um die Suche mit Aufnahmen der Absturzstelle zu unterstützen. Bislang fand man rund 400 Leichenteile auf einer Fläche von 12 Hektar Land.

Keine Überlebenden bei Flugzeugabsturz

Der Aufprall muss heftig gewesen sein. Das Staatsfernsehen zeigte wackelige Bilder von kleinen und grossen Trümmerteilen. Sie lagen über weite Strecken im tiefen Schnee auf einer Ebene verteilt. Die Umgebung sei unbewohnt, hiess es.

«Das Flugzeug muss aus grosser Höhe abgestürzt sein», kommentierte ein Nachrichtensprecher die Bilder, die der Sender zugespielt bekommen hatte. Bergungstrupps entdeckten auch die ersten Leichen.

Zivilschutzminister Wladimir Putschkow traf am späten Sonntagabend am Unglücksort ein, um sich ein Bild von der Lage zu machen und die Bergungsarbeiten zu koordinieren. Bei Tageslicht sollten Video-Drohnen Aufnahmen der Absturzstelle machen, um die Suche nach Opfern zu unterstützen.

Vom Radar verschwunden

Die Maschine der Fluggesellschaft Saratow war kurz nach dem Start vom Moskauer Flughafen Domodedowo vom Radar verschwunden. Augenzeugen zufolge war sie in der Luft in Flammen aufgegangen.

Die russische Maschine vom Typ Antonow An-148 war um 14.28 Uhr Ortszeit (12.28 Uhr MEZ) und damit vier Minuten nach dem Start vom Radar verschwunden, wie die Luftverkehrsbehörde mitteilte. Das Flugzeug hatte eigentlich in die Ural-Stadt Orsk nahe Kasachstan fliegen sollen.

Keine Helikopter-Teile gefunden

Russische Nachrichtenagenturen zitierten Augenzeugen im Dorf Argunowo, denen zufolge die Unglücksmaschine brennend vom Himmel stürzte. Zeugenaussagen, wonach die Linienmaschine in der Luft mit einem Helikopter der russischen Post zusammengestossen war, dementierte die Fluggesellschaft. Ein Vertreter des Katastrophenschutzbehörde sagte, es sei kein Trümmerteil eines Helikopters gefunden worden.

Im Staatsfernsehen wurden Bilder der Absturzstelle im Bezirk Ramenski, rund 70 Kilometer südöstlich von Moskau, gezeigt. Mehrere Wrackteile lagen im Schnee. Russland verzeichnet seit Tagen Rekordschneefälle, und zum Unglückszeitpunkt soll schlechte Sicht geherrscht haben.

Mehr als 150 Einsatzkräfte wurden zur Absturzstelle entsandt, auch Helikopter waren im Einsatz. Der Einsatz am Absturzort wurde durch die anhaltenden Schneefälle erschwert. Ein örtlicher Vertreter des Katastrophenschutzministeriums teilte laut russischen Nachrichtenagenturen allerdings mit, dass ein Datenschreiber der Maschine gefunden worden sei.

Das russische Verkehrsministerium erklärte, es würden verschiedene Gründe für den Absturz geprüft, darunter schlechtes Wetter oder menschliches Versagen. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein.

Opfer mehrheitlich aus der Region Orsk

Bei der Unglücksmaschine handelte es sich Berichten zufolge um ein sieben Jahre altes Flugzeug, das die Fluggesellschaft Saratow vor einem Jahr einer anderen Airline abgekauft habe. Saratow war in den 30er Jahren gegründet worden und fliegt 35 russische Städte an. In den vergangenen Jahrzehnten hatte es keine tödlichen Unglücke mit Saratow-Maschinen gegeben.

Nach Angaben des Gouverneurs der Region Orenburg, zu der Orsk gehört, stammten mehr als 60 Insassen der Unglücksmaschine aus der Region. Der Bürgermeister von Orsk, Andrej Odinzow, sagte im russischen Staatsfernsehen, zur Betreuung der Hinterbliebenen der Absturzopfer stünden sechs Psychologen und vier Spitalautos bereit. Orenburg setzte am Montag einen Trauertag an.

Am Moskauer Flughafen Domodedowo wurde ein Krisenzentrum eingerichtet. Der russische Staatschef Wladimir Putin sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. Ausserdem habe der Präsident die Einrichtung einer Sonderkommission angeordnet, teilte sein Sprecher Dmitri Peskow mit. Verkehrsminister Maxim Sokolow besuchte den Unglücksort, wie russische Medien berichteten.

Drei Hauptgründe für Abstürze

In Russland kommt es immer wieder zu Flugzeugabstürzen. Verantwortlich sind neben Pilotenfehlern und schlechtem Wetter oftmals auch der Einsatz von alten, schlecht gewarteten Maschinen.

Der spektakulärste Vorfall der jüngsten Zeit war der Absturz einer russischen Militärmaschine im Dezember 2016 über dem Schwarzen Meer: Unter den 92 Todesopfern waren 64 Mitglieder des berühmten Alexandrow-Ensembles, das auch als Chor der Roten Armee bekannt ist. Der Chor sollte bei den Neujahrsfeiern der in Syrien stationierten russischen Soldaten auftreten. Schuld soll damals ein Pilotenfehler gewesen sein.

(ehs/jen/nxp/sda/afp)