#MeToo-Debatte

10. Januar 2018 15:54; Akt: 10.01.2018 17:47 Print

Französinnen verteidigen «Freiheit zu belästigen»

Eine Gruppe Frauen, darunter die Schauspielerin Catherine Deneuve, äussert sich kritisch zur #MeToo-Debatte. Einige Männer freuts, Feministinnen schäumen.

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In einem Gastbeitrag am 9. Januar 2018 in «Le Monde» zum Thema sexuelle Übergriffe haben die französische Schauspielerin Catherine Deneuve und andere Prominente eine «Freiheit zu belästigen» eingefordert. Catherine Millet, Autorin von «La vie sexuelle de Catherine M.», hat den Beitrag ebenfalls unterschrieben. Die Frauen beklagen in ihrem Aufruf «einen neuen Puritanismus». (Im Bild die Journalistin und Schriftstellerin Abnousse Shalmani). «Vergewaltigung ist ein Verbrechen», heisst es in dem Text. «Aber eine beharrliche oder ungeschickte Anmache ist nicht strafbar.» (Im Bild die Psychologin Sarah Chiche) In ihrem Gastbeitrag beklagen die Frauen einen neuen «Puritanismus». (Im Bild die Lobbyistin Sophie de Menthon, Gründerin der Organisation ETHIC) Sie greifen die Urheberinnen der #MeToo-Debatte an: Die Veröffentlichung von Männernamen führe dazu, dass viele auf eine Stufe mit Sexualstraftätern gestellt würden. (Im Bild Elisabeth Lévy, Chefredaktorin der Zeitschrift «Causeur») Heute würden Männer «zur Kündigung gezwungen, deren einziges Vergehen es ist, ein Knie berührt oder einen Kuss erhascht zu haben». (Im Bild Pornodarstellerin Brigitte Lahaie) Die «Freiheit zu belästigen» sei «unerlässlich für die sexuelle Freiheit». (Im Bild Schriftstellerin Peggy Sastre) Feministinnen werfen den Verfasserinnen des Textes vor, bewusst die Grenzen zwischen Verführung und Übergriffen zu verwischen und «die Millionen von Frauen zu verachten, die Gewalt erleiden». (Im Bild Sängerin Ingrid Caven, die den Gastbeitrag in «Le Monde» ebenfalls unterschrieb). Auch Politikerinnen verurteilten den Text: Die französische Staatssekretärin für Gleichstellung, Marlène Schiappa, twitterte, sie kenne keinen einzigen Mann, der abgesetzt worden sei, weil er ein Knie berührt habe. (Im Bild: Künstlerin Gloria Friedmann) Die frühere Umweltministerin Ségolène Royal nannte den Aufruf «bestürzend». (Im Bild: Journalistin Joëlle Losfeld, Mitautorin des Aufrufs)

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Die französische Schauspielerin Catherine Deneuve und rund 100 weitere bekannte Frauen haben in einem offenen Brief in der Zeitung «Le Monde» die #MeToo-Debatte kritisiert. Sicher, Vergewaltigung sei ein Verbrechen, heisst es in dem Text, «eine beharrliche oder ungeschickte Anmache ist jedoch nicht strafbar».

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Die Frauen beklagen darin «einen neuen Puritanismus». Die Veröffentlichung von Namen sei eine «Denunziations-Kampagne», die dazu führe, dass viele Männer auf eine Stufe mit Sexualstraftätern gestellt würden. Heute würden Männer «zur Kündigung gezwungen, deren einziges Vergehen es ist, ein Knie berührt oder einen Kuss erhascht zu haben».

«Unerlässlich für sexuelle Freiheit»

Die «Freiheit zu belästigen» sei «unerlässlich für die sexuelle Freiheit», heisst es im Text weiter. Der heutige «Drang, die Schweine in den Schlachthof zu schicken», würde nur «Moralaposteln und religiösen Extremisten» in die Hände spielen.

Den Gastbeitrag hat neben Filmstar Deneuve auch die Schriftstellerin Catherine Millet unterschrieben, die mit dem freizügigen Buch «Das sexuelle Leben der Catherine M.» bekannt wurde, sowie die Pornodarstellerin Brigitte Lahaie. Prominente Schriftstellerinnen wie Peggy Sastre oder Abnousse Shalmani sowie die Künstlerin Gloria Friedmann und die Sängerin Ingrid Caven haben ebenfalls unterschrieben.

«Danke, meine Damen ...»

Unter der Leserschaft von «Le Monde» erhält der Aufruf Zuspruch. So etwa schreibt Nutzer «Le Chat du Rabbin»: «Danke, meine Damen, für diese schöne Tribüne, die mit der Schuld-Atmosphäre kontrastiert.» Seit einiger Zeit sehe er sich gezwungen, «mit geschlossenen Augen auf der Strasse zu gehen, aus Angst, den Augen einer Kriegerin zu begegnen, die das Böse im Mann jagt». Jetzt aber werde er wieder «in der Lage sein, den Blick dieser Frau zu treffen, und wage es vielleicht sogar, sie anzulächeln.»

Auch die Kolumnistin Karin Janker der «Süddeutschen Zeitung» favorisiert die Position von Deneuve & Co.: «Die Kritik an der ‹MeToo›-Debatte kommt zur richtigen Zeit», schreibt sie. «Die Frauen erkennen zu Recht eine Tendenz, die gefährlich wäre, würde sie sich auswachsen. Der Diskurs muss sich öffnen, damit klar ist, dass es nicht um Lobbyarbeit gegen Männer geht.»

Feministinnen kontern

Französische Feministinnen dagegen reagierten mit Entrüstung. Der offene Brief «banalisiere sexuelle Gewalt» und verhöhne die Opfer, werfen sie den Verfasserinnen vor. Sie würden damit bewusst die Grenzen zwischen Verführung und Übergriffen verwischen und «die Millionen von Frauen verachten, die Gewalt erleiden».

Auch Politikerinnen verurteilen den Text: Die französische Staatssekretärin für Gleichstellung, Marlène Schiappa, twitterte, sie kenne keinen einzigen Mann, der abgesetzt worden sei, weil er ein Knie berührt habe. Die frühere Umweltministerin Ségolène Royal zeigte sich «bestürzt». Und die ehemalige Senatorin Laurence Rossignol kommentierte: «Diese seltsame Angst, nicht ohne den verlangenden Blick der Männer existieren zu können, treibt intelligente Frauen dazu, riesigen Unsinn zu schreiben.»

Widerspruch auch im Ausland: Die Autorin Van Badham schreibt in ihrer Kolumne im britischen «Guardian»: «Ausgerechnet Woody Allen, ein angeklagter Kinderschänder, hat die Anzeigen gegen Harry Weinstein als ‹Hexenjagd› denunziert.» Mit ihrem Brief solidarisierten sich Deneuve und die anderen Frauen mit Männern wie Allen, Weinstein und vielen anderen, die beschuldigt würden, Frauen missbraucht zu haben. «Ihre Handlungen verteidigen nicht die Freiheit, geschweige denn die sexuelle Äusserung oder die weibliche Identität. Sie beschützen jene, die Ausreden finden, um machtlose Frauen zu bedrängen.»






(kle/afp)