Monatelang missbraucht

16. November 2012 12:55; Akt: 16.11.2012 14:17 Print

Gequälte Sonia M. hätte sterben sollen

von K. Leuthold, Buenos Aires - Das Sadisten-Paar aus Argentinien, das Sonia Molina während drei Monaten gefangen hielt, wollte sie verhungern lassen. Die Details zum morbiden Plan.

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Der Fall der entführten Sonia Molina erschüttert ein ganzes Land. Auf argentinischen Fernseh- und Radiosendern wird seit Mittwoch kaum über etwas anderes berichtet. Im Stundentakt werden neue Details zur haarsträubenden Geschichte bekannt. Sonia Molina war im September von einem Paar entführt und missbraucht worden. Die Täterin, Estefania Heit, ist in ihrer Heimatstadt Coronel Suárez eine bekannte Persönlichkeit. Die Journalistin arbeitet als Reporterin bei «Canal 4». Auf «Radio Coronel Suárez» moderiert sie zudem eine Sendung, in der das Opfer kurz vor seiner Entführung angerufen hatte, um sein trauriges Erlebnis als missbrauchtes Kind zu erzählen.

Offenbar hatten Heit und ihr Ehemann und Komplize Jesús Olivera vor, Molina verhungern zu lassen. Dem Opfer hatten sie während der gesamten Zeit in Gefangenschaft Hundefutter zu essen und mit Hundekot versetztes Wasser zu trinken gegeben. Dabei nahm Molina 25 Kilo ab. «Sonia Molina ist stark unterernährt», bestätigte ein Arzt den Medien. «Wäre sie nicht entkommen, hätte ihre Geschichte in fünf oder sieben Tagen mit Sicherheit einen tragischen Ausgang genommen.»

Die Entführer waren hinter Molinas Geld her

Dass Molina hätte sterben sollen, bestätigt auch ein Abschiedsbrief, den die Ermittler im Haus der Entführer vorfanden. Molina hatte ihnen gesagt, wo Heit und Olivera das Dokument versteckt hatten. «Sie zwangen mich, zu schreiben, dass ich mich aus verschiedenen persönlichen Gründen umgebracht hätte», erzählte Molina. Sie habe sich nicht weigern können, denn «sie haben mich geschlagen».

Die Ermittler glauben, dass die Täter hinter dem wenigen Geld her waren, das Molina besass. «Olivera und Heit haben der Frau eine Stelle bei sich im Haushalt angeboten und ihr geraten, ihr Häuschen zu verkaufen. Nachdem das Opfer mit ihrem Ersparten zu den Tätern gezogen war, begannen die Misshandlungen», erklärte der Bürgermeister von Coronel Suárez, Ricardo Moccero. Der Fall habe schliesslich in der Nacht auf Montag eine Wende genommen. «Molina, die gefesselt im Flur lag, war den beiden etwas zu laut geworden. Sie sperrten sie in ein Zimmer und nahmen die Türklinken heraus. Eines haben sie dabei übersehen: Das Zimmer hat ein Fenster.» Molina konnte fliehen. Im Taxi fuhr sie zum Polizeiposten. Moccero ist überrascht, dass der 33-Jährigen die Flucht gelang. «Sie ist nach zwei Tagen im Spital immer noch so geschwächt, dass sie kaum alleine stehen kann.»

Heit und Olivera haben womoglich einer Sekte angehört

Das Sadisten-Pärchen hat offenbar in Sonia Molina ein leichtes Opfer gesehen. «Arbeitslos, arm, alleinstehend und gequält von einer schwierigen Vergangenheit», erklärt Bürgermeister Moccero weiter. Als sie ihre Situation in Heits Radiosendung schilderte, kamen die Täter wohl auf ihren schrecklichen Plan.

Die Mutter der Täterin sieht den Fall etwas anders. Auch ihre Tochter sei ein Opfer. «Olivera ist der Perverse», sagte Olga Heit in einem Interview mit dem Sender «TN Noticias». Ihre Tochter habe sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen, «seit sie mit diesem Typen zusammen ist.» Die Tat schockiere sie immer noch. «Olivera hat ihr eine Gehirnwäsche verpasst», meint sie. Ihr Schwiegersohn habe ihr nie gefallen: «Schon als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich, dass er verdächtig aussieht», betont die Mutter. Als sie ihrer Tochter von ihren Ängsten erzählte, habe sich diese von der Familie abgewendet. Olga Heit hat einen Verdacht: «Die haben sicherlich einer Sekte angehört.»

So verlief die Verhaftung

Estefania Heit und Jesús Olivera sitzen seit zwei Tagen in Untersuchungshaft. Beide haben bisher die Aussage verweigert. Aus Polizeikreisen ist nun der Ablauf der Verhaftung bekannt geworden. Nachdem das Opfer geflüchtet war, rief Olivera seine Frau beim Sender an. Heit verliess sofort ihren Arbeitsplatz, gab jedoch an, für die Abendnachrichten wieder da zu sein. Sie holte ihren Mann ab und fuhr ihn ins nächste Dorf, Pigüe, etwa 50 Kilometer von Coronel Suárez entfernt. Von dort sollte Olivera mit einem Bus weiterreisen.

Als Polizisten die beiden an ihrem Wohnsitz verhaften wollten, waren sie schon weg. Die Polizei simulierte daraufhin Verkehrskontrollen auf allen Hauptstrassen rund um Coronel Suárez. Als Heit und Olivera auf der Route nach Pigüe angehalten wurden, wurden sie gebeten sich auszuweisen. Heit geriet sichtlich in Panik und weil sie als Reporterin gute Kontakte zur Polizei hatte, rief sie beim Polizeiposten an, um sich zu erkundigen, worum es sich bei der Kontrolle handelte. Der hochrangige Polizist brachte sie auf die falsche Spur: Es sei «nur eine Verkehrskontrolle», sagte dieser am Telefon. Sie solle unbesorgt sein.

Täterin will am nächsten Morgen wieder arbeiten gehen

Nachdem die beiden identifiziert waren, wurden sie vorbeigelassen. Gleichzeitig informierten die Beamten ihre Kollegen am Zielort. Jesús Olivera wurde verhaftet, als er in einen Bus steigen wollte. Heit, die bereits wieder auf der Heimreise war, telefonierte mit ihrem Arbeitgeber. Sie sei für die Spätnachrichten wieder auf der Redaktion, meldete die Journalistin. Ihr Vorgesetzter, der bereits von ihrer Tat in Kenntnis gesetzt worden war, schickte sie aber nach Hause. Er habe schon einen Ersatz organisiert, meinte er. Sie solle am nächsten Morgen für die 8-Uhr-Nachrichten kommen.

Kaum zu Hause angekommen, wurde Heit von zwei Polizisten verhaftet. Die 29-Jährige fragte nicht einmal, worum es ging. Seelenruhig meinte sie nur, sie könne nicht mitkommen: «Ich muss morgen früh den Nachrichtendienst machen.» Olivera und Heit drohen wegen Freiheitsberaubung und sexueller Belästigung bis zu 20 Jahre Haft.

Radiosendung «Si querés, podés», in der das Opfer Heit ein Interview gibt