Sicherheitsfrage

14. Juni 2018 08:32; Akt: 14.06.2018 09:18 Print

Ist Russland gegen Terror und Hooligans gewappnet?

Jihadistische Anschläge und Hooligan-Gewalt sind die zwei grossen Sorgen an der am Donnerstag beginnenden Fussball-WM in Russland.

Bildstrecke im Grossformat »
Russland hat anlässlich der WM «beispiellose Sicherheitsmassnahmen» ergriffen. So bewacht das Kurzstrecken-Flugabwehrraketen-System Panzir den Luftraum über dem Stadion von St. Petersburg. Wie viele Beamte im Einsatz sind, wurde nicht mitgeteilt. Aber alle Sicherheitskräfte des Landes sind aufgeboten und insgesamt 15 Ministerien und Behörden involviert. WM-Fans müssen sich wie auch reguläre Touristen nach der Ankunft in den Aufenthaltsorten amtlich registrieren. «Wahrscheinlich ist auch, dass elektronischer Datenverkehr mitzulesen versucht wird», schreibt Deutschlandfunk.de. «Einfallstor sind offene WLAN-Netze, die auch in Stadien angeboten werden» (im Bild: eine Überwachungskamera in der Samara-Arena). Mitarbeiter des Katastrophenschutzministeriums üben für den Ernstfall im Stadion von Rostow am Don. Dieser Flitzer kommt nicht weit: Auch in der Moskauer WEB-Arena fanden Anfang Juni Übungen statt. Ausschreitungen durch Hooligans und Terroranschläge sind die grösste Sorge von Alexej Lawrischtschew, Leiter der Sicherheitseinsätze beim russischen Inlandsgeheimdienst FSB (Mitte). Die Anschläge der vergangenen Jahre legten Experten zufolge nahe, dass die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in der Lage ist, Angriffe in Russland während der Weltmeisterschaft zu verüben. Über 8000 Jihadisten aus Russland und den ehemals sowjetischen zentralasiatischen Republiken haben sich dem IS oder anderen islamistischen Gruppen im Nahen Osten angeschlossen. Wie viele von ihnen in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind, ist unklar. Ein weiteres Risiko ist die Gewalt durch Hooligans. Gerade russische und britische Hooligans stehen sich seit den unvergessen brutalen Ausschreitungen an der EM in Marseille feindselig gegenüber. Ob sich derlei Szenen an der WM in Russland wiederholen könnten, darüber gehen die Einschätzungen auseinander. Rund 10'000 britische Fans reisen für die WM nach Russland. In Grossbritannien sorgt man sich, dass sie wegen der Affäre um den im britischen Salisbury vergifteten Ex-Spion Sergej Skripal aus politischen Gründen zusätzlich in den Fokus russischer Hooligans und Sicherheitskräfte geraten könnten. Die Affäre hatte die Beziehungen beider Länder zuletzt schwer belastet.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Gastgeber Russland ergreift zur WM Sicherheitsmassnahmen von nie dagewesenem Ausmass. «Die Massnahmen sind wirklich beispiellos und seit langem geplant», sagt der Leiter der Sicherheitseinsätze beim russischen Inlandsgeheimdienst FSB, Alexej Lawrischtschew. Heisst: Alle Sicherheitskräfte des Landes sind aufgeboten, «sowohl in der Polizei wie im Katastrophenschutzministerium».

Umfrage
Haben die Russen die Sicherheit im Griff?

Wie Anton Gussew, im russischen Innenministerium für den Bereich Sport zuständig, weiter erläutert, sind insgesamt 15 Ministerien und Behörden involviert. Wie viele Beamte im Einsatz sind, will er nicht mitteilen.

Befürchtung, dass mitgelesen wird

Die drastisch verschärften Sicherheitsmassnahmen sehen etwa vor, dass vom 14. Juni bis zum 15. Juli Reisen innerhalb des Landes beschränkt sind. In den elf Städten, in denen WM-Spiele ausgetragen werden, wird das Demonstrationsrecht eingeschränkt. An den Bahnhöfen wurden Metalldetektoren aufgestockt, an U-Bahnhöfen wird Gesichtserkennungssoftware
eingesetzt.

Dazu müssen WM-Fans und Touristen sich nach ihrer Ankunft in den Aufenthaltsorten amtlich registrieren. «Wahrscheinlich ist auch, dass elektronischer Datenverkehr mitzulesen versucht wird», schreibt Deutschlandfunk.de. «Einfallstor sind offene WLAN-Netze, die auch in Stadien angeboten werden.»

Terror und Hooligans als Hauptsorge

Ausschreitungen durch Hooligans und Terroranschläge – das sind die zwei Hauptsorgen der Russen. Letztere sind weniger im Engagement Russlands im syrischen Bürgerkrieg begründet als im Umstand, dass sich über 8000 Jihadisten aus Russland und den ehemals sowjetischen zentralasiatischen Republiken dem IS oder anderen islamistischen Gruppen im Nahen Osten angeschlossen haben.

Wie viele von ihnen unentdeckt in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind, ist unklar. Experten sind sich jedoch sicher, dass der IS einige Kämpfer angewiesen hat, Schläferzellen in der Heimat zu bilden, die bei Bedarf aktiviert werden können – zum Beispiel während der mehr als vierwöchigen WM.

Der IS hatte bereits Ende letzten Jahres deutlich gemacht, dass er die WM im Blick hat: Fotomontagen zeigten Fussballstars Lionel Messi und Neymar in orangefarbenen Anzügen am Boden, hinter ihnen ein schwarz vermummter IS-Henker. Diese Propaganda vor einer WM sei «beispiellos», heisst es in einem Bericht des Instituts CTC der US-Militärakademie. Die Anschläge der vergangenen Jahre legten überdies nahe, «dass die Gruppe in der Lage ist, Angriffe in Russland während der Weltmeisterschaft zu verüben». Der Weltfussballverband Fifa hat indes mehrmals versichert, «volles Vertrauen» in Russlands Sicherheitskonzept für die WM zu haben.

«Festival der Gewalt» angekündet

Das andere Problem, die Hooligans, trat bereits vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft in Frankreich in einer beispiellosen Gewaltorgie hervor. Unvergessen die Bilder aus Marseille, wo sich russische und englische Hooligans brutalste Strassenschlachten lieferten.

Ob sich derlei Szenen an der WM in Russland auch nur annähernd wiederholen könnten, darüber gehen die Einschätzungen auseinander. So versichert Russland, mit seinen Sicherheitsmassnahmen auch auf derartige Gewalt gewappnet zu sein. Stadionverbote für heimische und ausländische Fans wurden verhängt, 1200 britische Hooligans dürfen offenbar erst gar nicht anreisen.

Briten in Sorge wegen Skripal-Affäre

Andererseits sorgte eine BBC-Dokumentation unlängst für Aufsehen: Darin kündigten russische Hooligans für die WM ein «Festival der Gewalt» an. In den Städten selbst und rund um die Stadien dürfte es aller Voraussicht nach ruhig bleiben. Hooligan-Forscher Robert Claus hält es aber nicht für ausgeschlossen, dass sich gewaltsuchende Fans ausserhalb der Stadtzentren zu Schlägereien verabreden.

In Grossbritannien ist derweil die Sorge aufgekommen, dass die rund 10'000 anreisenden britischen Fans aus politischen Gründen erst recht im Fokus russischer Hooligans, aber auch russischer Behörden, stehen könnten: Die Affäre um den im britischen Salisbury vergifteten Ex-Spion hatte die Beziehungen beider Länder zuletzt schwer belastet. Britische Politiker befürchten, dass ihre Landsleute deswegen zum Ziel von Gewalt werden könnten, wie der «Guardian» berichtet.

Wie die Schweiz schicken auch die Briten eigene Sicherheitskräfte nach Russland. Zudem hat das Land sich mit 30 weiteren Botschaften zusammengetan, um seinen konsularischen Schutz in Russland zu erweitern.

(gux/afp)