09. November 2006 13:09; Akt: 09.11.2006 13:58 Print

Mario M. drohte mit Selbstmord

Die für heute geplante Fortsetzung des Prozesses gegen den perversen Sextäter Mario M. fällt in Wasser. Der 36-jährige ist offenbar mit den Nerven am Ende. Auf dem Dach drohte er der Polizei, sich in den Tod zu stürzen.

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Man fragte sich schon: Warum in aller Welt griff die Polizei nicht ein, um den Sextäter mit Gewalt vom Dach zu holen? Jetzt wurde bekannt: Mario M. drohte mit Selbstmord. Laut einem Bericht von Spiegel online drohte Mario M. damit, sich vom Dach auf einen spitzigen Zaun zu stürzen.

Erst in der Nacht zum Donnerstag gab der 36-Jährige auf und stieg in eine Hebebühne ein, mit der er vom Dach geholt wurde. Mario M. «geht es passabel», er sei aber angeschlagen, sagte die Polizei. Der Mann sei für mindestens acht bis zwölf Stunden nicht verhandlungsfähig, sagte der Vorsitzende Richter Tom Maciejewski. Deshalb werde der Prozess an diesem Tag nicht fortgesetzt. Der nächste Verhandlungstermin ist der 21. November.

Nach rund 20 Stunden allein auf dem Dach hatte Mario M. am frühen Donnerstagmorgen zunächst zwei Polizeibeamte zu sich gelassen. Zuletzt regnete es stark. Am Abend warf man dem 36-Jährigen eine Decke zu, damit er nicht zu frieren brauchte. Essen oder Getränke seien dem Angeklagten nicht gegeben worden, weil er nicht danach verlangt habe, sagte die Polizei. Die Polizei hatte draus geschlussfolgert, dass der Mann mit seinen Kräften am Ende war.

Schliesslich liess er sich zur Aufgabe bewegen. Dem Ende des Dramas waren lange Gespräche mit dem Angeklagten vorausgegangen. Die Verhandlungsstrategie sei damit erfolgreich gewesen, sagte die Polizei. Mario M. wurde daraufhin in seine Zelle gebracht, wo er sich mit seinem Anwalt unterhielt.

Wiedersehen vor Gericht

Als Konsequenz aus der Panne der Justizvollzugsbehörden kündigte der Vater Stephanies an, seine Tochter werde nicht wie geplant am Donnerstag als Zeugin vor Gericht aussagen. Das Gericht besteht aber weiterhin auf dem Auftritt der 14-Jährigen. Ob Stephanie heute vor Gericht ihrem Peiniger wiedersehen wird, ist deshalb noch ungewiss.

Bereits am ersten Prozesstag am Montag hatte der Angeklagte für Tumult im Gerichtssaal gesorgt und musste von mehreren Polizisten überwältigt werden. Und Mario M. scheint psychisch schwer angeschlagen zu sein, wie seine hoffnungslose Flucht aufs Gefängnisdach zeigt.

Mario M. ist angeklagt, die 14 Jahre alte Stephanie auf dem Weg zur Schule entführt und fast fünf Wochen lang in seiner Dresdner Wohnung gefangen gehalten und wiederholt vergewaltigt zu haben. Laut Anklage hat er die damals 13-Jährige auch wiederholt mit dem Tod bedroht.

Der Verteidiger des Angeklagten, Andreas Boine, erklärte, seine Aufgabe sei nicht leichter geworden. Er müsse darauf achten, dass sein Mandant am Leben bleibe, und sei froh, dass sich die Situation so gelöst habe. Dem Ende des Dramas waren lange Gespräche mit dem Angeklagten vorausgegangen.

Spektakuläre Flucht

Gestern war er unter den Augen von zwei Bewachern um 07.24 Uhr plötzlich losgespurtet und sich ohne Hilfsmittel die Fassade eines Gefängnisgebäudes hochgehangelt. Der Leiter der Justizvollzugsanstalt, Ulrich Schwarzer, sagte, offenbar habe er sich an den Gitterstäben der Fenster festgehalten. Die Beamten hätten ihn nicht mehr zu fassen bekommen. Das Gebäude ist rund zehn Meter von der Begrenzungsmauer des JVA-Geländes entfernt.

Die Polizei schickte Spezialkräfte zum Gefängnis und setzte auch Hubschrauber ein. Vor Ort erschien auch der Verteidiger von Mario M., Andreas Boine. Psychologen des Landeskriminalamts nahmen gegen 10.00 Uhr Kontakt zu dem 36-Jährigen auf. Zwei der Experten fuhren mit einer Hebebühne in seine Nähe und sprachen stundenlang mit Mario M., der fast die ganze Zeit auf dem Dach stand, die Hände in den Hosentaschen.

Für die Polizei bestehe keine Notwendigkeit, ein Risiko einzugehen. Man habe überhaupt keine Eile und werde nur eingreifen, wenn keine Gefahr entstehe. Ein Sprungtuch auszubreiten, sei nicht an allen Stellen des Gebäudes möglich.

Rücktritte gefordert

Politiker aus Union und FDP forderten Konsequenzen aus der Justizpanne, der sächsische Justizminister Geert Mackenroth (CDU) schloss seinen Rücktritt nicht aus.

Für eine solche Entscheidung sei es momentan noch zu früh, sagte Mackenroth im ZDF-Morgenmagazin. Er schliesse aber überhaupt nichts aus. «Ich klebe nicht an meinem Amt. Ich werde mich dann entscheiden, wenn wir den Sachverhalt mit Hilfe des Ausschusses im Landtag und mit anderen aufgeklärt haben.» Derzeit stehe ein Rücktritt nicht im Raum.

FDP-Chef Guido Westerwelle sprach laut «Bild»-Zeitung von einem «Justizskandal, der zum Himmel schreit - und nach persönlichen Konsequenzen der Verantwortlichen». Der CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler nannte die spektakuläre Kletteraktion des Gefangenen auf das Dresdner Gefängnisdach einen «ungeheuerlichen und beispiellosen Vorgang».

Niemand dürfe sich wundern, «wenn im Volk Gedanken an Selbsthilfe aufkommen», wurde Gauweiler zitiert. Der frühere Berliner CDU-Justizsenator Rupert Scholz sagte dem Blatt, der Vorfall sei eine Katastrophe für das Opfer. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden.





(ap)