Plötzlich Ruhm

13. Januar 2018 19:26; Akt: 14.01.2018 17:14 Print

Ein Michelin-Stern für eine Strassenküche in Bangkok

Mit legendären Krabben-Omeletts begeistert die 72-jährige Köchin Jay Fai Gäste wie Kritiker. Die Auszeichnung nimmt sie mit Gleichmut und fragt: «Wieso erst jetzt?»

Plötzlicher Ruhm: Ein Michelin-Stern für eine Strassenküche in Bangkok. Video: Tamedia/AFP
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Seit mehr als drei Jahrzehnten betreibt Supinya Jansuta, genannt Jay Fai, ihr unscheinbares Strassenlokal in Bangkok. Jetzt ist sie plötzlich zu internationalem kulinarischem Ruhm gekommen: Der angesehene Restaurantführer «Michelin» zeichnete ihr Lokal mit einem Stern aus.

Erstmals waren die «Michelin»-Tester in Thailand unterwegs, bedachten 17 Köche in der thailändischen Hauptstadt mit Sternen. Doch der Fall von Jay Fai und ihrem gleichnamigen Lokal ist ein besonderer.

Michelin-Stern für Strassenküche in Bangkok

Einheimische findens zu teuer

Das Jay Fai wird in zahlreichen ausländischen Reiseführern erwähnt. In den Augen der meisten Einheimischen ist es jedoch zu teuer. Bei genauerer Betrachtung der Gerichte der 72 Jahre alten Köchin zeigt sich jedoch die hohe Frische und Qualität der Zutaten.

«Das Erste, was die Menschen über das Jay Fai sagen, ist, dass es zu teuer ist», berichtet Oliver Irvine, Redaktor des englischsprachigen «BK Magazine», das wöchentlich erscheint und die Gastronomieszene Bangkoks rezensiert.

«Es ist ein alter, klassischer Strassenladen, der zwischen 800 und 1000 Baht (23 bis 29 Franken) für sein berühmtes Krabben-Omelett nimmt, was weit über den Preisen der Strassenküchen liegt. Aber wenn du das Ding aufschneidest, zerbirst es buchstäblich mit den frischesten Krabben der ganzen Stadt.»

«Taxifahrer wie Feinschmecker geraten ins Schwärmen»

Es ist das einzige Restaurant im Bangkok-Führer, das in der Rubrik «Strassenküchen» mit einem Stern ausgezeichnet wurde. «Das Jay Fai ist ein Ort, bei dem sowohl Taxifahrer wie Feinschmecker ins Schwärmen geraten. Und es ist leicht zu sehen, warum das so ist», schreiben die Tester.

Bangkok ist bekannt für seine Strassenküchen, in denen es von den bekannten Nudelgerichten bis hin zur scharfen Tom-Yam-Gung-Suppe alles gibt, was die thailändische Küche zu bieten hat.

Militär schliesst einige Strassenküchen

Die Läden mit ihren Metalltischen und Plastikstühlen ziehen preisbewusste Einheimische ebenso an wie abenteuerlustige Touristen. Doch zuletzt haben die Behörden des vom Militär regierten Landes einige der Betreiber aufgefordert, bestimmte Stadtviertel zu verlassen. Sie sehen die Küchen dort als illegale Belästigung.

Trotzdem war die Regierung im vergangenen Jahr dem Vorbild anderer asiatischer Nationen gefolgt und hatte 4,1 Millionen Dollar gezahlt, damit die Michelin-Tester fünf Jahre lang Restaurants in Thailand bewerten. Die Prüfungen seien «ausschliesslich unabhängig und anonym» erfolgt, bekräftigt man bei «Michelin».

«Ich koche seit 30 bis 40 Jahren»

Das Jay Fai erhielt wie 13 andere Restaurants in Bangkok einen Stern, drei weitere Lokale bekamen zwei Sterne: das indische Restaurant Gaggan, das französische Le Normandie und das Mezzaluna, wo europäische Küche serviert wird. Drei Sterne gab es für kein Lokal in dem Land.

Köchin Jay Fai sagt, sie freue sich über die Ehre, fragt sich aber, warum sie erst so spät kam. «Ich koche seit 30 bis 40 Jahren», sagt sie. Allerdings freue sie sich, dass Thailand und die thailändischen Köche endlich wahrgenommen würden. «Ich hoffe, mehr Thailänder werden im nächsten Jahr ausgezeichnet. Nicht nur wieder das Jay Fai», sagt die Frau mit der dicken Schutzbrille, während sie Gemüse in einem flammenden Wok wendet.

Anstehen lohnt sich

Bis zur Auszeichnung war das Jay Fai ein relativ ruhiger Ort. Doch inzwischen herrscht dort ständig Hochbetrieb. Der Laden öffnet um drei Uhr nachmittags und schliesst um zwei Uhr in der Nacht. Doch schon lange vor der Öffnung stehen die Gäste mittlerweile Schlange. Nachmittags hängt an den meisten Tagen ein «Full House»-Schild aus, weil kein Platz mehr für weitere Gäste ist.

David Goldman, ein Tourist aus Los Angeles, musste zwei Stunden anstehen, bis er einen Tisch bekam. Es habe sich gelohnt, findet der Amerikaner. «Das Essen war ausgesprochen frisch. Es war wohl das beste thailändische Essen, das ich je hatte«, sagt Goldman. «Den einzigen Tipp, den ich für jemanden habe, der hierherkommt, ist: Bringen Sie ein Buch mit, um die lange Wartezeit zu überbrücken.»

(gux/ap)