USA

20. September 2014 22:32; Akt: 20.09.2014 22:32 Print

Mit Kriegswaffen Kinder schützen

von Tami Abdollah, AP - Granatwerfer und Sturmgewehre: Seit einiger Zeit nutzt die US-Polizei ausgemustertes Kriegsgerät der US-Streitkräfte, um Schulen vor Massakern zu schützen.

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Das Material kommt kostenlos und wird gerne angenommen: Von minensicheren Fahrzeugen über Sturmgewehre bis hin zu Granatwerfern reicht das Waffenarsenal, das die US-Streitkräfte an die Polizei liefert, die auch für den Schutz von Schulen zuständig sind. Mindestens in 26 US-Schulbezirken wird das ausgemusterte Material von der Polizei gehortet. Seit den martialischen Auftritten der Sicherheitskräfte in Ferguson im August wird deren Ausstattung mit Kriegswaffen jedoch kontrovers diskutiert.

Einige Schulbezirke haben bereits angekündigt, die Kriegswaffen wieder zurückzugeben, andere dagegen wollen die Sturmgewehre behalten. Rund zwei Dutzend Bürgerinitiativen haben in dieser Woche einen Brief an das US-Verteidigungsministerium geschickt, der das Pentagon auffordert, die Lieferungen an die Polizei einzustellen.

Minensichere Transporter behalten

Der grösste Schulbezirk in den USA ist der von Los Angeles: 1840 Quadratkilometer gross und mit 900'000 Schülern und Studenten drei mal so Bevölkerungsreich wie Zürich. Die zuständige Polizeibehörde sagte kürzlich zu, drei Granatwerfer zurückzugeben, weil sie «nicht essenziell sind zum Schutz von Leib und Leben im Rahmen der Mission» der Polizei. Die 60 Sturmgewehre und einen minensicheren Truppentransporter, der bereits in Afghanistan und dem Irak eingesetzt wurde, wollen die Polizisten aber behalten.

Polizeichef Steve Zipperman sagt, dass die Sturmgewehre für die Ausbildung benötigt würden und der Transporter dankbar angenommen worden sei, weil sich die Behörde keine schusssicheren Autos leisten könne. Es werde aber nicht sichtbar auf einem Schulparkplatz abgestellt, sagt Zipperman. «Es wird nur in Ausnahmesituationen eingesetzt, um lebensrettende Massnahmen in einer lebensbedrohlichen Situation durchzuführen», sagt der Polizist. «Ich hoffe, dass wir es nie einsetzen müssen.»

Sturmgewehre nach Schul-Schiesserei angeschafft

Seit dem Massaker an der Columbine High School in Littleton im US-Staat Colorado von 1999 mit 15 Toten versorgten sich immer mehr Polizeibehörden mit dem kostenlosen Kriegsgerät von den US-Streitkräften. In Florida, Georgia, Kansas, Michigan, Nevada, Texas, Utah und Kalifornien nahm die Polizei Kriegswaffen angesichts schmaler werdender Haushalte dankbar an. Der demokratische Abgeordnete Adam Schiff kritisiert: «Ein Szenario, in dem ein Granatwerfer oder ein minensicherer Truppentransporter vonnöten ist, ist an einer Schule nur schwer vorstellbar.»

Dennoch hat beispielsweise die Leiterin des Schulbezirks von Texarkana in Texas nicht vor, ihre Sturmgewehre zurückzugeben. Sie wurden erst nach der Schiesserei an einer Schule von Newtown in Connecticut vor zwei Jahren angeschafft. Auch die Schulpolizei von Pinellas County in Florida verfügt über 28 Sturmgewehre. Sie seien noch nie eingesetzt worden, sagt Polizeichef Rick Stelljes, und er hoffe, dass das auch so bleibt. Aber er möchte eben auch «auf das Szenario des schlimmsten vorstellbaren Falls» vorbereitet sein. Ähnlich sehen das seine Kollegen in Utah und Nevada, wo mit Reno ein wichtiger Uni-Standort liegt.

Vom Truppentransporter zum Krankenwagen mit Teddybär

In San Diego hat die Polizei eine Idee umgesetzt, um ihre Kritiker zu beschwichtigen: Sie behielt ihren minensicheren Truppentransporter, aber sie spritzte ihn weiss und brachte ein Rotes Kreuz an. Die Waffenhalterungen und die Aufklärungskuppel wurden entfernt und das Fahrzeug wurde zum Krankenwagen umgebaut. Sogar an Teddybären zur Beschwichtigung von panischen Kindern wurde gedacht.

Im angrenzenden Baldwin Park School District von Südkalifornien kündigte die Polizeichefin Jill Poe an, ihre drei Sturmgewehre zurückzugeben, die unter ihrem Vorgänger angeschafft wurde. «Ehrlich gesagt, ich weiss nicht, warum wir die Dinger besorgt haben», sagt sie. «Sie sind nie in der Praxis eingesetzt worden, und das bleibt auch so.»