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09. Dezember 2017 20:45; Akt: 11.12.2017 03:20 Print

Priester vergewaltigte und tötete eine 25-Jährige

Ein Mordfall in Texas beschäftigte die Polizei über 57 Jahre. Obwohl fast sicher war, wer der Täter war, kam es nie zu einer Verurteilung. Dafür sorgten Kirche und Staatsanwaltschaft.

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Sie war die Miss All South Texas Sweetheart und die Erste ihrer Familie, die einen College-Abschluss hatte. Vor allem aber war die 25-jährige Schönheit aus McAllen, Texas, strenggläubig. Das sollte Irene Garza zum Verhängnis werden.

Im April 1960 fuhr sie vor dem Osterfest zur Beichte in die Sacred Heart Catholic Church. Zwei Tage später fand man ihre Leiche in einem Abwasserkanal. Die junge Frau war geschlagen, gewürgt und vergewaltigt worden.

Es geschah bei der Beichte

Jetzt, über 57 Jahre nach der Tat, sprach ein Gericht einen Schuldspruch in dem Fall. Es verurteilte John Feit, damals als Priester in der Kirche tätig, wegen Mordes. Das Strafmass steht noch aus. Feit hatte auf nicht schuldig plädiert. Dem heute 84-Jährigen drohen bis zu 99 Jahre Gefängnis.

Schon 1960, als Garzas Leiche gefunden worden war, war der Verdacht der Polizei bald auf den damals 27-jährigen Priester gefallen, wie die «Washington Post» schreibt. Feit hatte angegeben, die 25-Jährige wohl als einer der Letzten lebend gesehen zu haben, als er ihr die Beichte abnahm. Dass er dies nicht in den dafür vorgesehenen Räumlichkeiten getan hatte, weckte den Argwohn der Beamten.

Indizien noch und noch

Dass Augenzeugen in den Tagen nach dem Mord an Garza an Feits Hand Kratzer bemerkt hatten und aussagten, dass seine Brille kaputt war, machte es nicht besser. Zudem hatte er für die Mordnacht kein Alibi. Ein Gegenstand, den man im trockengelegten Kanal fand, gehörte dem Priester. Schliesslich gab es einen Lügendetektor-Test – den Feit nicht bestand.

Kam die Aussage von Maria America Guerra hinzu: Die Studentin war wenige Wochen zuvor in einer Kirche im benachbarten Edinburg von einem Mann angegriffen worden, den sie als Priester Feit identifizierte. 1962 wurde er wegen schwerer Körperverletzung und geplanter Vergewaltigung angeklagt.

Ein unheiliger Deal und John F. Kennedy

Doch er kam um eine Haftstrafe herum – offenbar gab es einen Deal zwischen der damaligen Staatsanwaltschaft und der katholischen Kirche. Das Ansehen der Kirche sollte nicht beschmutzt werden, immerhin waren hohe Politiker und Beamte von Hidalgo County Katholiken. Zudem war es das Jahr, in dem John F. Kennedy um das Amt des US-Präsidenten kämpfte. Ein im Prozess neu vorgelegter Brief eines hohen Kirchenvertreters macht deutlich, dass man besorgt war, Kennedy, der Katholik aus Massachusetts, könnte die Wahl verlieren, sollte ein katholischer Priester wegen Mordes verurteilt werden.

Es wurde deswegen beschlossen, den jungen Priester statt ins Gefängnis in eine Abtei für sündige Priester zu schicken. Später gab Feit sein Amt als Priester auf und gründete in einem anderen Bundesstaat eine Familie.

Neue Belastungszeugen

2002 entschloss sich der Priester Dale Tacheny, seine Schweigepflicht zu brechen. Er sagte aus, dass Feit ihm gegenüber den Mord an Garza gebeichtet habe. Ein weiterer Priester, Father Joseph O'Brien, behauptete dasselbe: Er habe Feit nach Garzas Verschwinden zur Rede gestellt, worauf dieser die Tat gestanden habe. O'Brien starb 2005.

Bis heute bestreitet Feit, die Tat irgendjemandem gegenüber gestanden zu haben.

«Eine lange, lange, lange Reise»

Dennoch bedrängten Garzas Familie und Freunde die Behörden immer wieder, den Fall neu aufzurollen. Als 2014 Ricardo Rodriguez Chef der Staatsanwaltschaft wurde, geschah dies schliesslich: Feit wurde 2016 verhaftet.

Nach dem Schuldspruch von dieser Woche sagte eine in Tränen aufgelöste Verwandte des Mordopfers Garza: «Jetzt wurde der Gerechtigkeit Genüge getan. Es tut mir leid. Ich bin so müde. Es war eine lange, lange, lange Reise.»

(gux)