OPs auf dem Vormarsch

17. Dezember 2012 16:26; Akt: 17.12.2012 16:26 Print

Schön unter dem Schleier

Noch vor kurzem korrigierten Schönheitschirurgen in Afghanistan Kriegswunden oder Narben von Säureattacken. Heute lassen sich die Afghaninnen ihre Nasen formen oder die Brüste vergrössern.

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Die Forderung nach einem Verbot der Burka hat den islamischen Dresscode für Frauen ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Hier eine Übersicht über die wichtigsten Schleiertypen. Überall in der muslimischen Welt ist der verbreitet. Der Ausdruck Hidschab bezeichnet manchmal auch die gesamte islamisch korrekte Bekleidung für Frauen; er wird aber oft nur für das Kopftuch verwendet. Der Hidschab lässt das Gesicht frei, bedeckt aber die Ohren, die Halsregion und eventuell die Schultern. Der Hidschab kann bunt sein und durchaus auch als modisches Accessoire verwendet werden. Unterschiedliche Formen des Kopftuchs werden genannt. Die Al-Amira (Bild) besteht aus zwei Teilen; einer Art Kappe und einem schlauchförmigen Tuch. Die . Der Kopf ist bei der Abaya bedeckt, das Gesicht bleibt frei. Die Hände bleiben unbedeckt oder werden, bei strenger Auslegung, bedeckt. Die Abaya ist in der gesamten arabischen Welt verbreitet, vor allem auf der arabischen Halbinsel. Der (Farsi für «Zelt») ist die iranische Variante der Abaya. Er besteht aus einem grossen, in aller Regel dunklen Tuch, das die Form eines Halbkreises hat. Das Tuch wird über den Kopf und um den Rumpf geschlungen, so dass lediglich das Gesicht - oder auch nur ein Teil des Gesichts - frei bleibt. Der Tschador lässt das Gesicht und die Hände frei; er hat allerdings keine Schlitze für die Hände. Er wird in der Öffentlichkeit über der eigentlichen Kleidung getragen. Beim handelt es sich um eine Gesichtsverhüllung. Der Schleier wird in Kombination mit einem Tschador getragen, oder mit einem anderen langen, meist dunkel gefärbten Gewand. Es gibt unterschiedliche Formen; manchmal wird das Gesicht total verhüllt, wobei der Stoff blickdurchlässig ist, so dass die Trägerin ihre Umgebung sehen kann. Andere Formen lassen einen Augenschlitz frei, sind ansonsten aber blickdicht. Der Niqab ist vor allem in Saudi-Arabien, im Jemen und in anderen Regionen der Arabischen Halbinsel verbreitet. Die , die extremste Form der Verhüllung, ist vor allem in Afghanistan und zum Teil auch in Pakistan verbreitet. Sie besteht aus einem grossen Stofftuch, das oft in einem hellblauen Farbton gehalten ist. Im Kopfbereich ist eine Art von flacher Kappe eingenäht; die Augenpartie weist eine Aussparung auf, die quasi als Sichtfenster dient. Es ist durch ein Gitter aus Stoff oder Rosshaar abgedeckt. Das Gesicht ist daher bei der Burka vollständig bedeckt.

Die Burka gehört zu den umstrittensten Symbolen islamischen Glaubens. Neben dieser extremen Form gibt es im Islam aber noch viele andere Verhüllungen für Frauen: Ein Schleier-ABC.

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Fehler gesehen?

Obwohl viele Afghaninnen einen Grossteil ihres Lebens hinter einem Schleier verbringen, ist der Trend zur Schönheitsoperation auch in Afghanistan angekommen. Während noch vor einigen Jahren Kriegswunden oder Narben häuslicher Gewalt wie Säureattacken behandelt wurden, sind inzwischen Nasen-OPs sehr beliebt.

Auch Brustvergrösserungen und Bauchstraffungen hat Klinikleiter Aminullah Hamkar in Kabul im Angebot. Noch vor einem guten Jahrzehnt war kosmetische Chirurgie für Afghaninnen undenkbar.

Kriege hinter sich gelassen?

Während der Herrschaft der fundamentalislamischen Taliban von 1996 bis 2001 durften Frauen nicht einmal reisen, studieren oder überhaupt ohne Begleitung auf die Strasse. «Vor zehn Jahren ging es nur um Narbenkorrekturen», sagt Klinikdirektor Hamkar. «Seit zwei oder drei Jahren haben wir einen ständigen Strom von jungen Männern oder Frauen, die zu uns kommen, einfach weil sie sich besser und schöner fühlen wollen.»

Der 53-jährige Klinikchef hält das für ein gutes Zeichen. Immerhin zeige es, dass zumindest in der Hauptstadt die Menschen die Gewalt jahrzehntelanger Konflikte hinter sich lassen. Afghanistan wurde 1979 von der damaligen Sowjetunion besetzt, es folgte ein Bürgerkrieg.

Der Trend zur grossen Nase

«Ich war immer neidisch auf die längeren und grösseren Nasen meiner Schwestern, während ich eine kleine, flache Nase hatte», sagt die 18-jährige Schaida nach ihrer Nasen-OP in Hamkars Klinik.

Die Polizistin gehört zur Minderheit der Hasara, von denen viele leicht mongolische Züge mit Mandelaugen und flacheren Nasen haben. Sie begab sich unters Messer, nachdem Freunde und Kollegen Nasen und Augen hatten operieren lassen. «Jetzt mit grösserer Nase fühle ich mich besser und zufriedener», sagt Schaida lächelnd.

Nur mit örtlicher Betäubung

Etwa zwei Schönheitsoperationen pro Woche absolvieren die beiden Chirurgen der Klinik, der Rest ist Wiederherstellungschirurgie. Die meisten Schönheitsoperationen werden aus Kostengründen nur unter örtlicher Betäubung vorgenommen. Bei Nasenvergrösserungen schneiden die Ärzte statt teurem Silikon ein Stück Knorpel aus der Rippe zurecht.

Eine typische Nasenvergrösserung kostet umgerechnet etwa 232 Euro - für viele Afghanen mehr als ein Monatseinkommen. Doch seit dem Sturz der Taliban vor elf Jahren wächst eine Mittelklasse heran, die sich auch von Ländern wie Dubai und europäischen Staaten beeinflussen lässt und sich auch Schönheitschirurgie leistet.

Einfluss aus den Golfstaaten

Hamkar erzählt die Geschichte einer 18-Jährigen aus dem konservativen Osten Afghanistans, die früh geheiratet, Kinder bekommen und gestillt hatte. Als ihr Mann von einem Arbeitsaufenthalt in Dubai zurückkam, fand er sie nicht mehr schön genug: Ihre Brüste könnten mit dem Standard im Ausland nicht mithalten, erklärte er.

«In anderen Ländern sind solche Fälle für mich als plastischer Chirurg nichts Neues, aber hier in Afghanistan war das etwas Neues», sagt der Arzt.

Suche nach Glück und Schönheit

Auch der ehemalige Armeeoffizier Mohammed Ibrahim stimmte der Operation seiner Tochter zu, als sie ihre Nase verkleinern lassen wollte. Jahrzehntelanger Krieg habe die Jugend um ihr Recht gebracht, sagt er.

«Heute erfreuen wir uns einer relativen Demokratie und ich möchte nicht, dass meine Tochter sich hässlich und isoliert fühlt. Deshalb habe ich gleich zugestimmt, sie hierher zu bringen, damit sie eine bessere Nase haben und glücklich sein kann.»

(sda)