Experiment

31. August 2017 21:30; Akt: 02.09.2017 01:22 Print

Schwarzer gibt sich online als weisser Rassist aus

Der Afroamerikaner Theo Wilson aus Denver schlüpfte online für acht Monate in die Haut eines weissen Rassisten. Und lernte dazu.

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In der hyper-politisierten Gegenwart verlieren immer mehr Menschen die Fähigkeit, sich ins Denken von anderen hineinzuversetzen. Sie bewegen sich in «Echo-Kammern» und nehmen nur noch wahr, was sie ohnehin schon glauben.

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Der schwarze Slam-Poet und Schauspieler Theo Wilson versuchte den Ausbruch aus diesem intellektuellen Gefängnis. Der Mann aus Denver wollte verstehen, was die rechtsradikalen Trolls antreibt, die seine Facebook-Posts immer wieder aggressiv unter Beschuss nehmen. Wilson schritt zum Selbstversuch und gab sich als weisser Rassist aus.

Lucious25 geht unter Rassisten

Wilson schuf ein «Geisterprofil»: Unter dem Namen Lucious25 mischte er sich 2015 online unter Rechtsradikale und beteiligte sich an deren Diskussionen. «In wenigen Wochen hinterfragte Wilsons alternative Identität den Geburtsort von Barack Obama und wetterte gegen Black Lives Matter», schreibt die «Washington Post». Nach ein paar Monaten war er ein unzufriedener Dauergast auf Alt-Right-Websites, die bei weissen Rassisten populär sind, wie Info Wars und American Renaissance und schrieb Kommentare zu rassistischen YouTube-Videos.

Wilson führte das Experiment acht Monate lang durch. Über seine Erfahrungen berichtete er Anfang Juli in einem auf YouTube erhältlichen TED-Vortrag (Video siehe unten). «Ehrlich gesagt, es war irgendwie aufregend», gesteht er darin. «Ich habe Tage damit verbracht, mich durch mein neues Rassistenprofil zu klicken und mich im Land der Arier auszutoben.»

Strom von Sündenböcken

Wie er in einem Interview mit der «Post» erklärt, schockierte ihn, was er erlebte. «Es gibt immer noch Leute, die Schwarze als nicht vollständig menschlich betrachten und glauben, wir hinkten bezüglich Evolution hinterher. Ich las, dass unsere Gesichtsmerkmale affenähnlich seien und die dunkle Haut unsere Primitivität beweise. Manche Leute glauben, der Unterschied zwischen uns sei der zwischen zwei Arten, nicht Rassen.»

Zu seinem Erstaunen verspürte er aber auch Mitgefühl mit den weissen Hassern. «Ich begann zu verstehen, wie es mit ihnen so weit gekommen ist.» Die Anhänger der Alt-Right bewegten sich online in einer Medienblase, die ihnen einen endlosen Strom von Sündenböcken liefere, glaubt er.

Die Online-Welt verstärke bei den Rassisten das Bedürfnis, alles Negative auf schwarze Körper zu projizieren. Für die in solchem Denken Gefangenen sei Rassismus ein «bequemer Käfig».

«So vorhersehbar wie die Schwerkraft»

Trotz des erlernten Mitgefühls – er habe wenig Hoffnung auf grundlegende Veränderungen, sagt Wilson. «Die gesellschaftlichen Kräfte, die den Rassismus allgegenwärtig machen, werden nicht ohne Weiteres verschwinden.» Wie Wilson der News-Website Westword in Denver sagte, war für ihn der gewalttätige Protest der Rechtsradikalen in Charlottesville nicht überraschend. «Das war so vorhersehbar wie die Schwerkraft.»

Politisch spiele allenfalls eine Rolle, dass ein Neonazi mit dem Auto in eine Gegendemonstrantin gefahren sei, sagt Wilson. «Der einzige Lichtblick war, dass die Alt-Right jede moralische Rechtfertigung verlor, die sie hätte haben können. Das endete, als Heather Heyer getötet wurde.»

Theo Wilson erzählt von seinem Online-Experiment:


(Quelle: YouTube/TEDx Talks)

(sut)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Michi am 31.08.2017 22:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich habe auch mal in den USA gelebt

    Und Rassismus ist kein exklusiv weisses Problem!

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  • White Boy am 31.08.2017 23:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur bei weissen?

    Geht mal auf Internetforen bei denen die Schwarzen in der Mehrheit sind.Ich habe es satt die ganze Zeit nur zu hören dass nur weisse Rassistisch sein können.

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  • Kritiker am 31.08.2017 21:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    BLM

    Gilt gegen Black Lives Matter bereits rechtsradikal? Auch wenn sich BLM für Rassentrennung und gegen Weisse einsetzt?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mikado am 02.09.2017 18:30 Report Diesen Beitrag melden

    Rassismus = unreflektierte Überzeugung

    Der neue US-Konsul könnte South-Carolina, D.Trump und die Schweiz in Tuchfühlung bringen. Ich wusste nicht was ich davon halten soll. Ich habe jedoch ein Stäbchen bewegt, das die politische Arbeit der Schweiz gegenüber den Amerikanern zum Kriegsende in Erinnerung rief. Die Rolle der Amerika-Schweizer beim Brückenbau zum Verständnis. McMullin hat in seinem Profil eine dieser CH-USA Zusammenarbeiten erwähnt, die an Vorhandenes anknüpfen lässt. Ich habe etwas Boden gefunden.

  • Tom Hug am 02.09.2017 17:59 Report Diesen Beitrag melden

    Wieso sind destruktive Kommentare..

    am beliebtesten? Es geht in dem Bericht nicht darum, zu behaupten, Rassismus sei ein weisses Problem! Es geht um Rassismus an und für sich, und er mit der Feststellung, dass er bei allen Menschengruppen auftritt, keine Spur besser oder gar tolerierbar!

  • Ingo Interessiert am 02.09.2017 16:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Statistisch repräsentativ?

    Interessante Umfragewerte wenn man die sonstigen Kommentare hier zu Flüchtlingen, Einwanderern aus Nachbar- und aus ferneren Ländern in anderen Nachrichtenbeiträgen liest. Denn auch diese oft recht fragwürdigen Kommentare lassen sich per Definition als Rassismus klassifizieren.

  • Roulett am 02.09.2017 16:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich stehe dazu...

    Hautfarben oder sonstige NATÜRLICHE Merkmale eines Menschen sind mir egal. Bei dem sogenannten Religionen, hört bei mir die aufgezwungene Akzeptanz aber auf. Wenn Frauen gezwungen werden, sich zu verschleiern, dann sollte man auch diesen Rassismus vielleicht mal thematisieren. Ich akzeptiere keine Religion, die Frauen gegenüber Männer Wort wörtlich untertan macht. Und Jede und Jeder, die/der dies blanko akzeptiert, macht sich da mitschuldig.

  • Monika Metzger am 02.09.2017 15:35 Report Diesen Beitrag melden

    Ich nicht er auch!

    Hier in der Komentarspalte wird ja nur mit dem Finger auf andere gezeigt. Wem nützt das was? Jede Form von Rassismus ist zu verurteilen. Entschuldigt ein "Ich nicht er auch!" Deren Denken und Taten?