Deutsche in der Schweiz

29. Oktober 2009 15:04; Akt: 29.10.2009 17:45 Print

So spannte «Bild» die SVP vor den Busen

von Marius Egger - Dem deutschen Axel-Springer-Verlag gehört unter anderen die «Bild»-Zeitung und der Internetauftritt usgang.tv. Bei Letzterem ist Alena Gerber Moderatorin. Sie ist der Traum aller Boulevard-Journalisten. Für eine gute Story fehlte also nur noch der Aufreger. In diese Lücke sprangen die SVP-Polterer Hess und Fehr noch so gerne.

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Den offiziellen Startschuss gab die «Bild»-Zeitung am Dienstag. «Schweizer Politiker will deutsches Model aus der Schweiz rauswerfen», titelte die Zeitung mit den grossen Lettern und liess im Internet weitere Geschichten über die Moderatorin Alena Gerber von usgang.tv folgen. Den inoffiziellen Startschuss gabs schon Wochen zuvor.

Als der Name Gerber fiel

Es muss vor zwei, drei Wochen gewesen sein. So genau weiss das Erich Hess, Präsident der Jungen SVP, nicht mehr. Doch was er mit dem «Bild»-Reporter «bei einem Getränk» besprochen hatte, weiss der Jungpolitiker noch. «Wir haben uns über die Deutschen in der Schweiz unterhalten.» Dass sie den Schweizern die Jobs wegnehmen und wie sie arrogant erscheinen mit ihrem Hochdeutsch, sei unter anderem Inhalt des Gesprächs gewesen. So erzählt es Hess. Das Übel ist für den Jungpolitiker schon länger klar: die Personenfreizügigkeit. Während dieses Gesprächs, so erinnert sich Hess, fiel auch der Name Alena Gerber.

«Ein gutes Beispiel»

Es war der Start der inszenierten Geschichte, die am Dienstag in die Endphase ging. Bei Hess klingelte an diesem Tag das Telefon, «und dann ging alles ganz schnell». Der Reporter von «Bild» teilte ihm mit, er wolle die Geschichte mit den Deutschen in der Schweiz aufnehmen. Attraktiver Aufhänger: Alena Gerber. Hess sagt heute, er hätte die Geschichte gerne mehr auf die «Problematik der Personenfreizügigkeit» gelenkt, um eine Debatte zu lancieren. Ein unmögliches Unterfangen angesichts des interessanten Aufhängers in Form eines Busenwunders. Hess wars trotzdem recht: «Alena Gerber fand ich ein gutes Beispiel.» Er packte die Chance: Noch am selben Abend um 22.15 Uhr stand ein Kamerateam von Bild.de in einem Berner Hotel auf der Matte und entlockte Hess die Aussagen: «Sie ist grundsätzlich eine ganz schöne Frau, aber man merkt eine deutsche Arroganz dahinter.» Es sei wahrscheinlich nicht ganz so gemeint, palavert Hess weiter, «aber wir Schweizer fassen das so auf».

Die Gelegenheit beim Schopf packen

Am gleichen Dienstag klingelte auch bei Hans Fehr, SVP-Nationalrat und AUNS-Geschäftsführer, das Telefon. Am Draht der «Bild»-Reporter, auch ein alter Bekannter. «Ich kenne ihn, weil er auch in Eglisau wohnte», sagt Fehr. Und der Reporter spricht offenbar ohne Umschweife: «Wir wollen eine saftige Story machen», hat dieser gemäss Fehr gesagt. «Die Geschichte sollte aber eher lustig werden und zum Schmunzeln anregen», so Fehr weiter. Dem SVP-Politiker war schnell klar: «Ich wollte die Gelegenheit packen und die Debatte um die Deutschen in der Schweiz und die Personenfreizügigkeit lancieren.» Auch Fehr weiss, dass das Boulevard-Herz anders schlägt. «Mir war völlig klar, dass es auf diese Schiene geht», gesteht er. Die Personenfreizügigkeits-Debatte, die Hess und Fehr offenbar anstrebten, wurde mit keinem Wort erwähnt. In einer weiteren Folge der Gerber-Soap verrät sie dafür treuherzig: «Ich lerne jetzt Schwizerdütsch!»

Fehr ist trotzdem überzeugt: «Die Story ist vielleicht nicht so lustig, aber für die Debatte ist sie wichtig.» Frau Gerber habe die Story auch gedient und mit der Kritik könne sie umgehen, ist er überzeugt.

Die SVP bekommt ihr Fett weg

Interessant: Der Manager von Alena Gerber outete sich selber als SVP-Mitglied. Sowohl Hess als auch Fehr beteuern aber, Claudio Catrambone nicht zu kennen, also habe es auch keine Absprache gegeben. Die «Bild»-Zeitung wiederum hat ihr Handwerk verstanden. Alena Gerbers zwei Argumente garantieren Auflage und Klicks. Und usgang.tv neue Popularität. Ob das Zufall ist, sei dahingestellt: Die Internetseite usgang.tv gehört der Firma Amiado. Die Firma Amiado gehört dem Axel-Springer-Verlag.

Klar ist: Die SVP bekommt in den Kommentarspalten von 20 Minuten Online nach dem Auftritt der beiden Polteris ihr Fett weg: René Wetter schreibt: «Die SVP macht sich lächerlich.» Er ist bei weitem nicht der einzige unter den 400 Kommentatoren, der so denkt.