Sonnen ohne Oberteil

14. September 2014 16:47; Akt: 14.09.2014 16:47 Print

Soziale Medien schränken Brüste ein

von Thomas Adamson, AP - In den 1960er Jahren waren Frankreichs Strände bekannt für ihre freizügigen Sonnenanbeterinnen. Heute zeigen sich die Damen lieber zugeknöpft - überwiegt die Angst vor den sozialen Medien?

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die junge Brigitte Bardot mit Schmollmund oben ohne an der Côte d'Azur - Fotos wie diese prägten jahrelang das französische Frauenbild. Trotz Protesten der katholischen Kirche weigerten sich die französischen Behörden, Frauen das Sonnen im «Monokini» - dem einteiligen Bikini - zu verbieten. Was damals ein Skandal war, wäre heutzutage keinerlei Aufregung mehr wert. Auch die Einstellung der Französinnen selbst scheint sich verändert zu haben: Nach einer Umfrage des Magazins «Elle» würden sich nur zwei Prozent der Frauen unter 35 Jahren barbusig in der Öffentlichkeit zeigen.

«Es wird als vulgär betrachtet», sagt die 60-jährige Muriel Trazie, die sich am Seine-Ufer in Paris sonnt. «Die Menschen sind prüder geworden.» Und die 22-jährige Sandra Riahi ergänzt: «Ich habe das noch nie gemacht. Es wäre mir peinlich.»

Angepasster als früher

Sonnen ohne Oberteil - das war in den 1960er Jahren auch ein Sinnbild für Emanzipation und Befreiung. Viele Französinnen waren stolz darauf, dass sich die Behörden ihres Landes dem Druck konservativer Kräfte widersetzten und das barbusige Sonnenbad nicht verboten. Der Monokini war «in» und wurde in den folgenden Jahren ein wichtiger Bestandteil der Bademode.

Aber Mode verändert sich. Heute trägt frau am liebsten den einteiligen Badeanzug – nach Ansicht vieler Franzosen der Hauptgrund dafür, dass das Sonnen oben ohne «out» ist. Manche Soziologen jedoch sind der Ansicht, dass mehr dahinter steckt: Junge Französinnen würdigten die Errungenschaften des Feminismus nicht mehr, glaubt Jean-Claude Kaufmann, Autor des Buches «Frauenkörper - Männerblicke. Soziologie des Oben-ohne». «Heute sind junge Französinnen angepasster als früher», sagt er. «Sie haben viele Freiheiten, also sind sie bequem geworden und nehmen diese als gegeben.»

Angst vor Verbreitung auf Social Media

Andere Experten verweisen darauf, dass sich die französische Gesellschaft generell stärker wieder konservativen Werten zugewendet habe. Dies zeige sich auch an Vorschriften und Regeln der öffentlichen Verwaltungen. Was das barbusige Sonnenbaden angeht: Im Pariser Park Monceau hängt ein Plakat, auf dem Frauen aufgefordert werden, das Bikini-Unter- und Oberteil zu tragen.

Kaufmann sieht einen Zusammenhang zwischen der Hinwendung zum Konservatismus und der Finanzkrise: «In unsicheren Zeiten kleidet man sich konservativer.» Demgegenüber interpretierte die Frauenzeitschrift «Elle» das Ergebnis ihrer Umfrage als Zeichen für ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein: Frauen seien sich des Hautkrebsrisikos bewusst, und die Haut um die Brustwarzen sei besonders empfindlich.

Andere wiederum sehen soziale Medien als Grund für die Zurückhaltung: So glaubt Nathan Assouline, Aufseher am aufgeschütteten Strand am Seine-Ufer in Paris, dass viele Frauen befürchteten, von Unbekannten fotografiert zu werden und die Bilder bei Twitter oder Facebook wiederzufinden. «Hier laufen eine Menge Männer herum», sagt er. «Meine Aufgabe ist es, sie daran zu hindern, mit ihren Handys Fotos zu machen. Sie versuchen es immer wieder.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.