Schweizer Pädophiler

06. Juni 2018 18:58; Akt: 06.06.2018 20:19 Print

Was J. W. dem Kommissar anvertraute

von Ann Guenter, Freiburg - Am Mittwoch stand der Schweizer J. W. in Freiburg vor Gericht – angeklagt in einem der schlimmsten Missbrauchsfälle Deutschlands. Zwei Fehler führten die Ermittler auf seine Spur.

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«Wir haben auf mehreren Datenträger von J. W. sehr viele gewalttätige Videos und anderes Material gefunden», sagt ein Kriminalbeamter. «Ich war mir vieles von L. gewohnt, aber das war sehr schlimm.» Der Schweizer J. W. steht seit dem 6. Juni 2018 in Freiburg (D) vor Gericht. Es ist der dritte Prozess im Missbrauchsfall eines neunjährigen Buben. Der 37-jährige Schweizer wird beschuldigt, den Jungen zwischen Spätherbst 2016 und Januar 2017 dreimal vergewaltigt zu haben. Dem aus dem Kanton St. Gallen stammenden Mann wird zudem der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornos vorgeworfen. W. sass vor Gericht zusammengesunken auf der Bank. Zuvor war er in Handschellen in den Saal gebracht worden. Am frühen Morgen warteten alle gespannt auf den Angeklagten, auch sein Verteidiger Robert Phleps. Katja Ravat ist die Verteidigerin der Nebenanklage. Der Fall um den Buben aus dem baden-württembergischen Staufen sorgt seit seinem Bekanntwerden für Entsetzen. Um Geld zu verdienen, boten Berrin T. (47) und ihr Lebensgefährte Christian L. (37) das Kind für einen vierstelligen Betrag im Internet zur Vergewaltigung an. Am 16. Mai 2018 war bereits Knut S. (rechts) wegen Vergewaltigung des neunjährigen Jungen zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Der 50-Jährige ist Stabsfeldwebel bei einer deutsch-französischen Brigade im Elsass. (16. Mai 2018) Zuvor wurde auch ein 41-Jähriger verurteilt: der Angeklagte Markus K. auf dem Weg ins Landgericht Freiburg. (12. April 2018) Der 41-jährige Deutsche hat sich in mindestens zwei Fällen an dem Jungen vergangen.

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Die deutschen Ermittler sprechen von einem der grössten Verfahren der vergangenen Jahre – ein Missbrauchsfall in dieser Schwere, hiess es vor rund fünf Monaten, kenne man eher aus dem asiatischen Raum: Christian L.* und Michaela Berrin T.* boten deren neunjährigen Sohn im Internet zur Vergewaltigung an. Mehrere Männer, darunter der Schweizer J. W.* aus Au SG, bezahlten einen dreistelligen Betrag und nahmen das «Angebot» an.

Am Mittwoch stand W. – dünn, keine 1.70 Meter gross – vor dem Freiburger Landgericht. Zuvor waren bereits zwei Deutsche wegen schweren Missbrauchs und Besitzes von kinderpornografischen Materials verurteilt worden: der Deutsche Markus K. zu zehn Jahren Haft und anschliessender Sicherheitsverwahrung, der Soldat Knut S. zu acht Jahren.

Nervös und rote Flecken am Hals

Als W. in Handschellen in den Saal kommt, wirkt er eingeschüchtert und nervös. Der schmächtige Mann mit den klobigen Schuhen und einem dunkeln Karohemd hält sich einen Ordner vor das Gesicht, hat rote Flecken am Hals. Sein Anwalt Robert Phleps verlangt gleich zu Beginn um den Ausschluss der Öffentlichkeit aus dem Prozess, ein Antrag, den Staatsanwältin Nikola Novak vehement ablehnt.

Dem Antrag der Verteidigung gibt der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin aus juristischen Gründen teilweise statt. Das gilt für das Vorleben und die sexuelle Biografie des Angeklagten sowie sichergestelltes Videomaterial, aber auch für die Aussagen des psychiatrischen Gutachters, die Plädoyers sowie das letzte Wort des Angeklagten vor dem Urteil.

Beklemmung im Saal bei Anklageschrift

Diesen Ausführungen des Richters hört der gelernte Maurer aufmerksam zu, immer wieder schluckt er leer. Als die Staatsanwältin die Anklageschrift verliest, macht sich Beklemmung im Saal breit.

W. gab sich beim ersten Treffen in einem Wald bei Staufen als Polizist aus, «verhörte» den Buben, um glaubhaft zu wirken, drohte ihm, ihn ins Heim zu stecken, sollte er nicht tun, was er verlangte.

Der Lebensgefährte der Mutter, Christian L., war auch bei zwei weiteren Treffen dabei, während der Angeklagte sich an dem Kind vergriff. Der Neunjährige hatte keine Chance, sich zu wehren. Er wurde gefesselt, beleidigt und gedemütigt.

Die Männer filmten ihr Tun mit verschiedenen Kameras, bis zu 30 Minuten lang. W. gab dem Kind nach dem ersten Treffen 50 Euro und ein gebrauchtes Samsung Notebook – ein «Geschenk», das später zu seiner Identifizierung führen sollte.

Die Fehler des Angeklagten

Das wird durch die Aussagen von Hauptkriminalkommissar Martin Schmidt (66) am Nachmittag klar: Als W. dem Buben seinen Laptop schenkte, ging er davon aus, alle Daten gelöscht zu haben. Die Ermittler aber konnte diese nach Festnahme des Haupttäters Christian L. wiederherstellen. Neben 30'000 kinder- und anderen pornografischen Aufnahmen stiessen sie auch auf Anhaltspunkte über den früheren Besitzer des Laptops.

Zum Verhängnis wurde W. auch sein in Österreich ordnungswidrig parkierter weisser Renault Twingo, dessen Kennzeichen die österreichische Polizei aufnahm. Zusammen mit den Angaben von Haupttäter Christian L. führte dies die Ermittler auf die Spur in die Schweiz.

«Unaufgeräumtes, eher vermülltes» Zimmer

Der 36-Jährige wohnte bei seiner Mutter in einem Zimmer, das Kommissar Schmidt als «unaufgeräumt, eher vermüllt» beschreibt. Schmidt ist es auch, der den Schweizer bei der Auslieferung an Deutschland nach Lörrach fährt. W. habe auf der Fahrt «von sich aus zu reden begonnen», so Schmidt. «Er gab an, dass es ihm sehr leidtue. Er wisse, dass er das nie mehr gut machen könne.»

Dem Kommissar vertraute er auch an, dass er sich nach einer Sendung von Stern-TV für das Darknet zu interessieren begonnen habe. Als er es dann selbst «ausprobierte», sei er wegen des pornografischen Materials erst erschrocken. Aus dem Schrecken wurde offenbar schnell Faszination. Fortan war er als «Alphaville» oder «Alpha» im Darknet unterwegs, wo er auf das «Angebot» von Christian L. und dessen Partnerin stiess.

Verteidiger: J. W. ist ein «unbeschriebenes Blatt»

W. legte ein handgeschriebenes Geständnis ab. Bei dem ledigen und nicht vorbestraften Angeklagten handle es sich um «ein unbeschriebenes Blatt», sagte Verteidiger Robert Phleps. Da er nicht vorbestraft ist, muss der Schweizer mit einer Sicherheitsverwahrung wie beim zu zehn Jahren Haft verurteilten Markus K. tatsächlich nicht rechnen.

Am Donnerstag geht es im Prozess gegen W. weiter. Schwer belasten dürfte ihn Christian L., der als Zeuge geladen ist – und kommenden Monat als Hauptangeklagter selbst vor Gericht steht.

*Namen der Redaktion bekannt

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