Missbrauchsprozess in Freiburg (D)

11. Juni 2018 17:23; Akt: 11.06.2018 17:23 Print

Stiefvater gesteht fast alles, Mutter schweigt

Hauptprozess in der Staufener Missbrauchserie: Die angeklagte Berrin T. wusste von Anfang an, dass ihr Lebensgefährte als Pädophiler einschlägig vorbestraft war.

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Im Fall des im Darknet zum sexuellen Missbrauch verkauften Jungen aus Staufen bei Freiburg müssen sich die Mutter (hinten links) und der Stiefvater (Mitte) des Kindes vor dem Landgerichts Freiburg verantworten. (11. Juni 2018) Die Staatsanwaltschaft wirft der 48 Jahre alten Berrin T. und dem 39 Jahre alten Christian L. unter anderem besonders schwere Vergewaltigung, schweren sexuellen Missbrauch von Kindern, besonders schwere Zwangsprostitution und Verbreitung kinderpornografischer Schriften vor. Die Verlesung der Anklage gegen das Paar zog sich über mehr als drei Stunden. Darin listeten die Ankläger mehr als 50 Taten auf, die die Mutter und ihr als Pädophiler einschlägig vorbestrafter Lebensgefährte zu verantworten haben sollen. Vergangene Woche stand der Schweizer J.W. im selben Fall vor Gericht. Ein Ermittler, der ihn mehrfach vernommen hat, zeichnete das Bild eines Sadisten. (6. Juni 2018) «Wir haben auf mehreren Datenträger von J. W. sehr viele gewalttätige Videos und anderes Material gefunden», sagt ein Kriminalbeamter. «Ich war mir vieles von L. gewohnt, aber das war sehr schlimm», so ein Beamter über die bei J. W. gefundenen Daten. Es war der dritte Prozess im Missbrauchsfall eines neunjährigen Buben. Der 37-jährige Schweizer wird beschuldigt, den Jungen zwischen Spätherbst 2016 und Januar 2017 dreimal vergewaltigt zu haben. Dem aus dem Kanton St. Gallen stammenden Mann wird zudem der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornos vorgeworfen. W. sass vor Gericht zusammengesunken auf der Bank. Zuvor war er in Handschellen in den Saal gebracht worden. Am frühen Morgen warteten alle gespannt auf den Angeklagten, auch sein Verteidiger Robert Phleps. Katja Ravat ist die Verteidigerin der Nebenanklage. Der Fall um den Buben aus dem baden-württembergischen Staufen sorgt seit seinem Bekanntwerden für Entsetzen. Um Geld zu verdienen, boten Berrin T. und ihr Lebensgefährte Christian L. das Kind für einen vierstelligen Betrag im Internet zur Vergewaltigung an. Am 16. Mai 2018 war bereits Knut S. (rechts) wegen Vergewaltigung des neunjährigen Jungen zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Der 50-Jährige ist Stabsfeldwebel bei einer deutsch-französischen Brigade im Elsass. (16. Mai 2018) Zuvor wurde auch ein 41-Jähriger verurteilt: der Angeklagte Markus K. auf dem Weg ins Landgericht Freiburg. (12. April 2018) Der 41-jährige Deutsche hat sich in mindestens zwei Fällen an dem Jungen vergangen.

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Im Hauptprozess um den Missbrauchsfall von Staufen hat der Stiefvater des Tatopfers ein weitgehendes Geständnis abgelegt. Die Anklage sei «bis auf ein paar Kleinigkeiten» richtig, sagte Christian L.* am Montag vor dem Landgericht Freiburg.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 39-Jährigen und der 48 Jahre alten Berrin T.* unter anderem besonders schwere Vergewaltigung, schweren sexuellen Missbrauch von Kindern, besonders schwere Zwangsprostitution und Verbreitung kinderpornografischer Schriften vor.

Der Fall war vor fünf Monaten von den Ermittlern öffentlich gemacht worden und sorgt seither bundesweit für Entsetzen. Experten sprechen von einem beispiellosen Missbrauchsfall.

Kind nannte L. «Papa»

Die Verlesung der Anklage gegen das Paar zog sich über mehr als drei Stunden. Darin listeten die Ankläger mehr als 50 Taten auf, die die Mutter und ihr als Pädophiler einschlägig vorbestrafter Lebensgefährte zu verantworten haben sollen.

Wie Staatsanwältin Nikola Novak sagte, lernte sich das Paar Ende 2014 oder 2015 bei der Tafel in Staufen kennen. Es habe sich «eine Art familiäre Beziehung» entwickelt, das Kind habe «Papa» zu L. gesagt. Dabei habe die Mutter über die pädophilie Orientierung ihres Partners «von Anfang an» Bescheid gewusst.

Mutter wusste von Kontaktverbot zu Kindern

Sie habe auch gewusst, dass er nach einer entsprechenden Verurteilung unter Führungsaufsicht gestanden habe und ihm jeder Kontakt zu Kindern verboten gewesen sei, sagte Novak. Dennoch habe sie bewusst der Beziehung zugestimmt.

Bereits kurz nach Beginn der Partnerschaft begann das Paar laut Anklage mit dem sexuellen Missbrauch eines leicht behinderten dreijährigen Mädchens aus der Nachbarschaft. Berrin T. habe auf das Mädchen aufgepasst, es sei dann zu «abgesprochenen sexuellen Übergriffen» auf das Kleinkind gekommen.

Berrin T. billigte Übergriffe «vollumfänglich»

Parallel dazu habe der Missbrauch des Sohns der Angeklagten begonnen. Dabei habe die Mutter im Auftrag ihres Partners verschiedene Vergewaltigungstaten an ihrem Sohn vollzogen. Auch habe ihr Partner das Kind vergewaltigt, sie habe dabei «vollumfänglich» die Übergriffe auf das Kind gebilligt.

Bald nach Beginn der Missbrauchstaten begann das Paar laut Anklage damit, den Jungen im Darknet - dem verborgenen Teil des Internets - für Vergewaltigungen gegen Geld anzubieten. Die Vermittlung im Darknet habe nur L. betrieben, allerdings habe auch die Mutter etwa auf ihrem Smartphone zahlreiches Bildmaterial von den gefilmten Vergewaltigungen ihres Kinds gespeichert.

Sicherungsverwahrung gefordert

Die Staatsanwaltschaft will neben einer Haftstrafe eine Sicherungsverwahrung der beiden Angeklagten erreichen. Der als Haupttäter angeklagte L. räumte bereits als Zeuge in anderen Verfahren zu der Tatserie seine eigenen Vergehen ein und belastete auch die Mutter des Kinds schwer.

Diese äusserte sich bislang noch nicht zu den Vorwürfen. Mit Spannung wird erwartet, ob sie im Prozess Angaben machen wird. Ihr Verteidiger Matthias Wagner sagte der Nachrichtenagentur AFP, seine Mandantin wolle aussagen. Ob ihr das angesichts des grossen öffentlichen Interesses auch tatsächlich gelinge, könne er aber noch nicht abschätzen. Das grösste Ziel seiner Verteidigung sei, die Sicherungsverwahrung für seine Mandantin zu verhindern.

Das Kind lebt inzwischen in Obhut des Jugendamts. Es muss in dem Verfahren nicht aussagen. Als Beweismittel liegen neben Zeugenaussagen umfassende Videodateien vor.

(sda/afp)