Team um FBI-Agent ermittelt

01. November 2017 20:01; Akt: 01.11.2017 20:12 Print

Wer hat Anne Frank verraten?

Ein internationales Expertenteam sucht Antworten zum wohl berühmtesten Verrat in der NS-Geschichte: Wer gab Anne Franks Versteck preis?

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Flucht vor den Nationalsozialisten: Ab Juli 1942 lebten die Franks in einem Versteck im Hinterhaus einer Amsterdamer Wohnung. 1944 wurden sie entdeckt und deportiert. Anne Franks Vater veröffentlichte später das Tagebuch seiner Tochter, das sie in dem Versteck an der Prinsengracht schrieb. Das berühmte Tagebuch bekam Anne Frank zu ihrem 13. Geburtstag, zwei Tage später, am 14. Juni 1942, begann sie zu schreiben. Das erste Faksimile, eine originalgetreue Kopie der sechs umfassenden Tagebücher von Anne Frank. Otto Frank, auf dem Bild, der Vater von Anne, wurde am 27. Januar 1945 in Auschwitz befreit und lebte von 1953 bis zu seinem Tode 1980 in Birsfelden bei Basel. Ein Auszug aus dem Tagebuch vom 1. August 1942. «Es ist ein Wunder, dass ich nicht alle Erwartungen aufgegeben habe, denn sie scheinen absurd und unausführbar. Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das innere Gute im Menschen glaube.» Mit Sätzen wie diesen wurde Anne Frank nicht nur zum Symbol für die Opfer des menschenverachtenden Terrors im Nationalsozialismus, sondern auch für den Glauben an die Humanität. Das Hinterhaus: Hier lebte Annes Familie gemeinsam mit dem Ehepaar van Pels und Sohn Peter und dem Zahnarzt Fritz Pfeffer drei Jahre in einem Versteck Otto Franks Firma. Juli 1938: Anne Frank und ihre ältere Schwester Margot. April 1941: Anne wollte immer Schriftstellerin oder Journalistin werden. Mai 1941: Anne auf dem Balkon der Wohnung in Amsterdam. Juli 1941: Otto Frank mit seiner Tochter vor dem Rathaus in Amsterdam. Portrait von Anne Frank: Neben das Bild hat sie am 10. Oktober 1942 in Niederländisch geschrieben «So wie auf diesem Foto wünschte ich immer auszusehen. Dann hätte ich vielleicht eine Chance, nach Hollywood zu kommen.»

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Der Fall der berühmten jüdischen Tagebuchschreiberin Anne Frank (15) bewegt zurzeit die Gemüter in mehreren Ländern – aber aus unterschiedlichen Gründen. Ein internationales Ermittlerteam geht in den Niederlanden der Frage nach: Wer hat Anne Frank und ihre Familie damals verraten? Und in Deutschland herrscht Empörung wegen eines Zuges, der ihren Namen tragen soll. Doch von vorn.

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Ein deutscher Zug mit dem Namen Anne Frank – geschmacklos oder nicht?

Am 4. August 1944 entdeckte die Gestapo die Jüdin Anne Frank und sieben weitere Personen in ihrem Amsterdamer Versteck in der Prinsengracht 263. Der Vater Otto Frank überlebte als Einziger der im Hinterhaus eines Firmengebäudes versteckten Juden. Doch wer die Gruppe verraten hat oder wie die Polizei sonst auf das Versteck gestossen ist, ist bis heute ein Rätsel.

Ehemaliger FBI-Agent und 9/11-Ermittler

Jetzt rollt ein Expertenteam um den pensionierten FBI-Agenten Vince Pankoke den Fall neu auf. Mithilfe moderner forensischer und kriminalistischer Methoden hoffe man, Licht ins Dunkel zu bringen, so der 59-Jährige. Pankoke jagte früher kolumbianische Drogenhändler und analysierte die Handy-Kommunikation der 9/11-Attentäter.

«Wir gehen neuen Hinweisen nach», sagt Pankoke der «New York Times». Die Ermittler hoffen, mit einem Aufruf auf ihrer Website «Cold Case Diary» neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Schwarmintelligenz und 3-D-Modelle

Daneben bedienen sich die Ermittler der Schwarmintelligenz des Internets und rekonstruieren alte Zeugenaussagen. Mithilfe eines 3-D-Computer-Modells des Verstecks von Anne Frank untersuchen die Experten zudem, bis auf welche Entfernung Geräusche aus dem Haus gehört werden könnten. Das Team erhofft sich etwa, Passagen des Tagesbuches von Anne Frank neu deuten zu können.

Ein Beispiel: Frank beschreibt, wie sie kurz vor ihrer Entdeckung ein Klopfen an der Wand hört. Wollte den Untergetauchten da jemand signalisieren, dass sie zu laut sind? Oder sie in eine Falle locken? Als der Fall 1948 und dann nochmals 1963 von der niederländischen Polizei untersucht wurde, lagen die heutigen kriminaltechnischen Möglichkeiten noch in weiter Ferne.

Vor allem aber durchkämmen die Experten digitale Archive mit Millionen von Seiten eingescannten Materials, darunter aus dem Nationalarchiv in Washington und Archiven in den Niederlanden, Deutschland und Israel.

Erste Fortschritte im Tun

Lange stand der Lagervorarbeiter Wilhelm van Maaren im Fokus der Ermittlungen, doch mittlerweile sind neue Namen und Theorien aufgetaucht. Einige Experten sind sogar der Ansicht, dass es vielleicht gar keinen Verräter gab, sondern die Polizei das Versteck der Frank-Familie per Zufall entdeckte.

Ermittlungsergebnisse will das 20-köpfige Expertenteam am 4. August 2019 präsentieren – am 75. Jahrestag der Razzia im Frank-Gebäude. Die Kosten der Nachforschungen werden sich im sechsstelligen Bereich bewegen, deshalb wirbt das Team auf seiner Website um Spenden. Erste Fortschritte habe man schon erzielt, berichtet FBI-Veteran Pankoke: Ein früherer Nachbar des Hinterhauses habe sich gemeldet und den Namen eines Nazi-Kollaborateurs genannt.

Deutschland: Diskussionen um «Anne Frank»-Zug

Für Schlagzeilen sorgt Anne Frank derzeit auch in Deutschland. Die Deutsche Bahn will einen ICE nach der 15-Jährigen benennen und handelt sich damit den Vorwurf der Geschmacklosigkeit ein. Schliesslich habe ihre Vorgängerin, die Deutsche Reichsbahn, während der NS-Zeit Millionen Juden in die Konzentrationslager transportiert, so das Argument. Anne Frank war im KZ Bergen-Belsen ums Leben gekommen. Die Deutsche Bahn beteuerte nach einem Shitstorm in den sozialen Medien, sie habe nicht beabsichtigt, Anne Franks Andenken zu beschädigen.



(mlr)