Geldspiel

18. August 2012 18:50; Akt: 18.08.2012 18:50 Print

Wettrennen ums Steuergeld der ZockerWettrennen ums Steuergeld der Zocker

von Martin Suter - Angesichts leerer Kassen vergeben die US-Gliedstaaten immer mehr Casino-Lizenzen. Doch die wachsende Konkurrenz schmälert die Steuererlöse und schafft Probleme.

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Seniorinnen im Casino des Borgata-Hotels in Atlantic City. (Bild: Keystone/AP/Mary Godleski)

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Auf Coney Island wartet womöglich eine hell klimpernde Zukunft. Der schmale Streifen am Südende des New Yorker Stadtteils Brooklyn ist derzeit bloss für seinen kilometerlangen Strand bekannt, für einen Vergnügungspark mit hölzerner Achterbahn und für Nathan’s Hotdog-Ess-Wettbewerb. Jeden Sommer wetteifern Fresser mit leeren Mägen darum, möglichst viele Hotdogs in sich hineinzustopfen.

Geht es nach dem Willen von Gouverneur Andrew Cuomo, wird sich der Bundesstaat New York in Coney Island bald Dollarscheine in die Kasse stopfen. Die Vergnügungsmeile ist als einer von drei möglichen Standorten für das erste richtige Casino des Gliedstaats vorgesehen. Auch Sheldon Silver, der mächtige «Speaker» der grossen Parlamentskammer, soll sich für ein Casino in Coney Island erwärmen, wurde diese Woche aus seinem Umfeld vermeldet.

«Wer nicht verdient, macht etwas falsch»

Das Einnahmenpotenzial eines solchen Casinos wäre riesig. Im Stadtteil Queens betreibt New York City seit letztem Jahr ein erstes «Racino», so genannt, weil es auf dem Areal der Pferderennbahn Aqueduct Race Track liegt. Dort sind zwar nur elektronische Gambling-Maschinen erlaubt. Dennoch setzte die Betreiberfirma Resorts World Casino mit 4500 Slot Machines und 500 Baccarat-Automaten im Juli die Rekordsumme von 1,13 Milliarden Dollar um.

Die Zahlen erstaunen nicht angesichts der Monopolsituation des Aqueduct-«Racinos» im Riesenmarkt von New York City. «Es ist wie wenn man den einzigen Schnapsladen der Stadt besitzt», sagte der Gambling-Analyst Jeff Hooke zu AP. «Wenn man damit nicht viel Geld verdient, macht man etwas falsch.» Vom Monatsgewinn, der knapp 60 Millionen Dollar beträgt, sahnt die Kasse des Staats New York 68 Prozent ab. Zusammen brachten die inzwischen neun «Racinos» im ersten Halbjahr 620 Millionen Dollar ein, wovon der grösste Teil ins Erziehungswesen fliesst.

Natürlich will New York nicht als einziger Bundesstaat die munter sprudelnde Geldquelle der Casinos nutzen. Im Mai öffnete Ohios erstes Casino in der darbenden Stadt Cleveland seine Türen. Das Parlament von Maryland erwägt eine Ausweitung des gegenwärtigen Casinobetriebs und plant die Eröffnung eines Geldspieltempels nahe der Hauptstadt Washington. Trotz seiner puritanischen Wurzeln kommt sogar der Neuengland-Staat Massachusetts auf den Geschmack. Insgesamt erlauben heute 16 Gliedstaaten das Spiel ums Geld.

Las Vegas und Atlantic City darben

Die wachsende Konkurrenz lehrt die etablierten Gambling-Mekkas das Fürchten. Das Casino in Cleveland wird Zocker vom bestehenden Geldspiel-Etablissement in Erie, Pennsylvania, weglocken. Die künftigen Gambling-Paläste in Massachusetts werden die Geldspielhäuser in Rhode Island und Connecticut konkurrenzieren. Das Casino bei Washington dürfte Delaware zu schaffen machen, wo bisher die einzigen Slot Machines der Region stehen. Der kleine Gliedstaat ist derart angewiesen auf die Geldspieleinnahmen, dass man dort mit der Legalisierung von Online-Poker voranprescht. Da das Internet-Geldspiel aber auf die Bevölkerung des jeweiligen Territoriums limitiert bleibt, sind nur bescheidene Steuereinnahmen zu erwarten.

Besonders schwer trifft das Gerangel der Gliedsstaaten ums Gambling-Geld die zwei gestandenen Zentren des Geldspiels: Las Vegas und Atlantic City brauchten lange Zeit keine Konkurrenz zu fürchten. Sie lebten davon, dass Spieler auch weite Anfahrten in Kauf nahmen, um ihr Glück zu versuchen. Das hat der Zocker heute nicht mehr nötig. Entsprechend sind die Umsätze zurückgegangen. In Atlantic City fielen die Casino-Umsätze seit 2006 um ein Drittel. Die Casinos auf dem Strip in Las Vegas schreiben derzeit rote Zahlen.

Hohe Erwartungen bleiben unerfüllt

Angesichts der tendenziell sinkenden Einnahmen rügen Kritiker das Wettrennen der Gliedstaaten um Geldspielerlöse. Es handle sich um ein «Katzengold für Politiker», schreibt Steven Malanga in der «New York Post». Nach einer Studie des Pew Center on the States seien in den zehn untersuchten Fällen die hohen Erwartungen der Kassenwarte praktisch immer unerfüllt geblieben.

Auch die oft beschworenen Zugewinne an Jobs durch Casinos täuschen, weil in der Regel andere Jobs verloren gehen. Malanga zitiert eine Studie von 1999, wonach als Folge von Casino-Eröffnungen im Grossraum Atlantic City Hunderte von Restaurants und Bars zumachten. Die Arbeitslosigkeit wuchs über jene im ganzen Gliedstaat New Jersey hinaus. Das jährliche Durchschnittseinkommen in der Stadt nahm in den dreissig Jahren seit 1980, als das Geldspiel eingeführt wurde, inflationsbereinigt um bloss 700 Dollar zu.

Gesellschaftlicher Schaden wird ausgeblendet

Selten werde auch der soziale Schaden durch das Geldspiel in Erwägung gezogen, kritisiert Malanga. Im Schnitt besteuern US-Bundesstaaten Geldspielgewinne mit 42 Prozent, einem weit höheren Satz als bei jeder anderen Konsumsteuer. Diese Abgabe berappen zu einem überwiegenden Teil ärmere, weniger gut ausgebildete Zocker, die mit ihrer Spielsucht oft ganze Familien ins Elend treiben. Bei elektronischen Geldspielautomaten, so ergab eine Studie 1998 in Montana, tragen die sogenannten Problemspieler 36 Prozent zu den Casino-Umsätzen bei.

Studien wie diese sollten die moralischen Argumente gegen das Geldspiel eigentlich stärken. Doch vor dem Hintergrund der leeren Staatskassen erlahmt der Widerstand. Immer mehr US-Politiker greifen nach dem Strohhalm der Geldspieleinnahmen, um keine unbequemen Sparmassnahmen vorschlagen zu müssen. Der Schluss Malangas: Auch Politiker sind süchtig nach Geldspiel.