Junge auf der Flucht

03. Dezember 2012 16:30; Akt: 03.12.2012 16:58 Print

Wo steckt Jeremie?

Die deutsche Polizei sucht nach einem 11-jährigen Buben, der seit zehn Tagen auf der Flucht ist. Das Kind war seinen Eltern weggenommen und bei einer Pflegefamilie untergebracht worden – in einem Wanderzirkus.

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Jeremie ist auf der Flucht: Der Elfjährige war seinen Eltern weggenommen und in einem Wanderzirkus platziert worden. (Bild: Polizei)

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Der elfjährige Jeremie aus Mecklenburg ist abgehauen. Seit eineinhalb Wochen weiss man nicht, wo er ist. Die Behörden glauben, dass er in Richtung Hamburg unterwegs ist, denn er hatte sich zuletzt telefonisch zweimal bei seinem Grossvater in der Hansestadt gemeldet. Das Kind war zunächst mit einem Kleintransporter seiner Pflegeeltern auf der Flucht. Diesen parkierte er am Tag nach seinem Verschwinden in Hamburg-Billstedt vor einer Friedhofszufahrt und ging zu Fuss weiter.

Die Geschichte des kleinen Ausreissers hat einen tragischen Hintergrund: Das Kind ist Opfer eines erbitterten Sorgerechtstreits. Wie die «Bild»-Zeitung berichtet, war Jeremie seinen Eltern weggenommen und bei einer Pflegefamilie untergebracht worden. Doch auch diese Lösung war nicht die beste: Jeremies Pflegeeltern wohnen und arbeiten in einem Wanderzirkus.

Nicht zum ersten Mal verschwunden

Die Polizei suchte bereits mit einem Helikopter nach dem Jungen. Auch ein Waldstück im Raum Lübtheen wurde durchsucht. Ein Polizeisprecher erklärte den Medien, dass Jeremie schon mehrfach ausgerissen sei. Der Junge sei zudem im Umgang mit Autos offenbar geübt. Er soll schon einmal in Hamburg mit einem Wagen unterwegs gewesen sein und einen Verkehrsunfall gebaut haben.

Die Polizei vermutet, dass Jeremie sein Verschwinden geplant hat. Er habe sich am 20. November in einem unbeobachteten Moment die Schlüssel des weissen Mercedes-Transporters genommen und sei davongefahren.

Scheidungskind landet im Zirkus

Inwischen wird der Fall Jeremie auch auf politischer Ebene debattiert: Nach Angaben der Hamburger Grünen brachte das Verschwinden des Jungen eine Reihe von Ungereimtheiten aus der Jugendhilfe-Praxis ans Licht. Die Unterbringung des Kindes in der Zirkusfamilie ohne pädagogische Ausbildung koste die Hansestadt monatlich rund 7400 Euro. Trotz der verordneten intensivpädagogischen Betreuung habe nur alle zwei Wochen eine Pädagogin den Jungen besucht.

Der Amtsvormund soll zudem Jeremie in zwei Jahren nur fünfmal gesehen haben, vorgeschrieben sei ein monatlicher Kontakt. Massnahmen wie die Unterbringung in einem Zirkus seien erst ab 14 Jahren empfohlen. Für Jeremie war sie bereits mit neun Jahren angeordnet worden. Bei der Untersuchung von Jeremies Fall flog auf: Elf weitere Hamburger Kinder sind an ähnlichen Orten untergebracht, darunter auch in einer wandernden Stunt- und Monstertruck-Show.

(kle)