US-Knast muss sparen

24. November 2012 21:42; Akt: 24.11.2012 21:53 Print

Wolfshunde sind die besseren Gefängniswärter

von Martin Suter - Sie sind billiger und bissiger: Statt auf menschliche Wärter setzt Amerikas grösster Hochsicherheitsknast auf Kreuzungen zwischen Wölfen und Hunden. An ihnen kommt keiner vorbei.

Wolfshunde im Angola-Gefängnis in Lousiana. (Video: Youtube/wolfhavenWA)
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Chief neigte zu Gewalt. Manchmal verliess er sein Zuhause und terrorisierte die Nachbarschaft nördlich von Baton Rouge in Louisiana. Zwar konnte man Chief keine Körperverletzung nachweisen. Dennoch wurde sein Treiben den Anwohnern zuviel. Sie gingen vor Gericht und siegten. Der Richter verurteilte Chief zu lebenslänglich im «Angola»-Hochsicherheitsgefängnis.

Doch Chief gesellte sich nicht zu den Gefangenen, sondern zu den Wärtern, wie das «Wall Street Journal» berichtet. Chief ist nämlich eine Kreuzung zwischen einem kanadischen Wolf und einem deutschen Schäferhund. Die aggressive Hybride ist wie geschaffen dafür, Fluchtversuche von Häftlingen zu vereiteln. Anstatt eingeschläfert zu werden, landete das in einer Familie aufgewachsene Tier in einem Zwinger mit ebensolchen Wolf-Hund-Kreuzungen, die in der Nacht um die Zäune des «Louisiana State Penitentiary» patrouillieren.

«Wildest Show in the South»

Das nach Angola, dem Herkunftsland der früheren Sklaven benannte Hochsicherheitsgefängnis von Louisiana ist mit 73 Quadratkilometern grösser als Manhattan. In seinen sieben Haftkomplexen sind 5300 Gefangene eingeschlossen, mehr als die Hälfte davon lebenslänglich wegen Tötungsdelikten. Zum «Angola»-Areal gehört zudem ein Golfplatz und ein Rodeo-Ring, wo Inhaftierte jeden Oktober dem Publikum laut Eigenwerbung die «Wildest Show in the South» vorführen.

Die heimlichen Stars in «Angola» sind jedoch die Wolf-Hund-Hybride. Der langjährige Direktor Burl Cain liess sie züchten, um trotz weniger Geldmittel die Sicherheit des Gefängnisses gewährleisten zu können. In den letzten fünf Jahren kürzte der Gliedstaat im Mississippi-Delta sein Budget von jährlich 135 Millionen auf 115 Millionen Dollar. In der Folge musste Cain laut «Wall Street Journal» 105 seiner 1200 Wärter entlassen. Die Mehrheit der 42 Wachttürme sind nicht mehr besetzt.

Entflohen ist dennoch kein Häftling. Seit letztem Jahr schleichen in drei der sieben Gefängniskomplexe nachts die Wolf-Hund-Kreuzungen zwischen zwei Zäunen. Sie sind kräftig und schnell, bis zu 60 Kilogramm schwere und ihre langen Fangzähne wirken abschreckend.

Truthahn überlebte Ausflug nicht

Die rund achtzig Vierbeiner – darunter auch normale Hunde für andere Dienste – kosten das Gefängnis bloss 80’000 Dollar im Jahr und damit nicht einmal so viel wie die Löhne zweier Wärter. Die Aufzucht und Erziehung der gefährlichen Tiere sind jedoch anspruchsvoll. Auf die Frage, wie man einen Wolf-Hund trainiere, sagte der Cheftrainer Robert Tyler: «Sehr sorgfältig und mit vielen Hot Dogs.»

Laut Tyler gehen die Tiere nur langsam eine Vertrauensbeziehung mit Menschen ein. Anders als normale Hunde hören sie bloss auf einen Halter. Sie eignen sich als Wärter, weil sie tagsüber schlafen und nachts aktiv werden. Zwischen den Zäunen in «Angola» kontrollieren sie ein Territorium von etwa hundert Meter Länge. Sie sind bei ihrer Arbeit extrem schnell. Gefängnisdirektor Cain erzählt, dass sich einmal ein wilder Truthahn im Hundegehege verirrte. «Wolf», der stärkste der Wolf-Hund-Hybride, schnappte und tötete den Vogel, bevor er wieder wegfliegen konnte.

Der unternehmerisch denkende Burl Cain züchtet auf dem «Angola»-Areal auch Pferde, die er an Vollzugsbehörden sonstwo in den USA verkaufen kann. Doch vor den hybriden Wächtern haben andere Gefängnisse Respekt: Offenbar hat noch niemand Wolf-Hund-Kreuzungen verlangt.