Berlin

27. März 2018 14:23; Akt: 27.03.2018 14:23 Print

2.-Klässlerin bedroht, weil sie nicht an Allah glaubt

Religiöses Mobbing ist an Berliner Schulen ein Problem. Ein Vater macht nun den Fall seiner Tochter publik.

storybild

An vielen Berliner Schulen kommt es zu antisemitisch motiviertem Mobbing: Die Rütli-Oberschule im Stadtteil Neukölln. (Symbolbild) (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

In Deutschland wird aktuell über Fälle von schwerem Mobbing aufgrund der religiösen Herkunft diskutiert. Für besonderes Aufsehen sorgt ein Vorfall an der Paul-Simmel-Primarschule im Berliner Stadtteil Tempelhof.

«Unsere Tochter wurde von muslimischen Schülern angepöbelt, weil sie nicht an Allah glaubt», erzählt der Vater einer Schülerin in der «Berliner Zeitung». Einer der Schüler soll der damaligen Zweitklässlerin gedroht haben, sie zu schlagen und anschliessend umzubringen.

Eltern als Dummköpfe beschimpft

Damals hätten die Mitschüler noch nicht gewusst, dass ein Elternteil des Mädchens jüdischen Glaubens ist. Rund drei Jahre später – im vergangenen Februar – sei es zu einem weiteren Vorfall gekommen. Die Schülerin wurde von einem muslimischen Mitschüler gefragt, ob sie Jüdin sei, was das Mädchen bejaht habe. Darauf habe der Mitschüler das Wort Jude mehrmals in bedrohlichem Ton wiederholt. «Wir Eltern wurden von dem Mitschüler als Dummköpfe beschimpft, weil wir unsere Tochter nicht im Glauben an Allah erziehen», sagt der Vater in der «Berliner Zeitung».

Als Massnahme hat die Schule eine Gegenüberstellung zwischen den Schülern organisiert. Diese beschreibt der Vater als traumatisierend für seine Tochter. Er wünscht sich von der Schulleitung, dass im Unterricht Toleranz und Religionsfreiheit permanentes Thema sei.

Die «Bild» (Bezahlartikel) berichtet über einen weiteren Vorfall an der Schule. Ein Sechsjähriger soll seiner Mutter zufolge gewürgt worden sein. Bereits in der Kita, die sich neben der Paul-Simmel-Primarschule befindet, sei ihrem Sohn gesagt worden, «seine Familie werde in der Hölle schmoren, weil er nicht an Allah glaube», erzählt die Atheistin Anna S. der Zeitung.

Anzeige wegen IS-Enthauptungsvideo

Die Schulleitung nimmt diese Probleme ernst. «Über 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler sind nichtdeutscher Herkunft», sagt der Leiter der Paul-Simmel-Primarschule in der «Berliner Zeitung». «Viele haben vor der Grundschule keine Kita besucht und kommen bei uns das erste Mal mit Kindern aus anderen Kulturkreisen zusammen.» Demnächst soll es zu einem Krisentreffen zwischen Eltern, Schulleitung und Schulaufsicht kommen.

In Whatsapp-Gruppen der Primarschüler kursiere zudem ein Enthauptungsvideo des IS, sagt der Schulleiter. Dies habe zu einer polizeilichen Anzeige geführt, Eltern seien in einem Brief darüber informiert worden.

Das Problem mit antisemitischen und religiösen Konflikten an Berliner Schulen grassiert seit Jahren. Unter religiösem Mobbing haben mitunter auch muslimische Schüler zu leiden, wenn sie sich etwa nicht an den Fastenmonat Ramadan halten.

Konsequenzen gefordert

Inzwischen haben mehrere Institutionen reagiert. Er habe das Gefühl, dass solche Vorfälle vor allem im grossstädtischen Milieu zunähmen, sagte etwa der Vorsitzende des Zentralrats der Juden Josef Schuster am Dienstag im ZDF-«Morgenmagazin». Berlin nehme dabei offensichtlich «leider eine führende Rolle» ein.

Der Verein «Werteinitiative/jüdischdeutsche Positionen» verlangt Konsequenzen. Betroffene Lippenbekenntnisse als Reaktion würden nicht ausreichen, sagt der Vorstandsvorsitzende Elio Adler im «Tagesspiegel». Es müsse zur Pflicht für Schulleiter werden, Vorfälle etwa beim Antisemitismus-Beauftragten des Bundeslandes zu melden.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, forderte die Länder zum Handeln auf und sprach sich für unabhängige Beschwerdestellen aus. Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger warf der Politik Versäumnisse vor. «Man stösst an Grenzen, wenn man den Eindruck hat: Die Politik interessiert das nicht», sagte er der Nachrichtenagentur AFP am Dienstag. Er bemängelte, erst nach einem öffentlichen Aufschrei schaue die Politik auf betroffene Schulen.

(chi/mlr)