Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Missbrauchs-Vorwurf
28. September 2009 17:28; Akt: 28.09.2009 17:28 Print
«Bizarrer» Richter trieb Polanski in die Flucht
von Peter Blunschi - Roman Polanski hatte Sex mit einer 13-Jährigen, das ist unbestritten. Doch das Verfahren gegen ihn verlief fragwürdig. Ein Dokumentarfilm porträtiert den Regisseur als Opfer eines medien- und promigeilen Richters.
-
Polanskis Verhaftung: Warum wurde Polanski gerade jetzt verhaftet?
-
Star-Regisseur verhaftet: Polanski könnte gegen Kaution freikommen
-
Kritik an Verhaftung: «Freiheit für Polanski»
-
Polanskis Verhaftung: «Wir werden gegen die Auslieferung kämpfen»
-
Nach Polanski-Verhaftung: Frankreich will Bereinigung der Affäre Polanski
- Dossiers
-
Polanski verhaftet
- Was meinen Sie?
-
Polanski-Verhaftung
-
Samantha Geimer
Im März 1977 wurde Roman Polanski im Beverly Wilshire Hotel in Los Angeles verhaftet. Der Starregisseur wurde beschuldigt, die 13-jährige Samantha Gailey im Haus seines Freundes Jack Nicholson – der nicht anwesend war – mit Champagner und Pillen betäubt und im Whirlpool vergewaltigt zu haben. Polanski bestritt den Geschlechtsverkehr nicht. Er wurde in sechs Punkten angeklagt, darunter Kindsmissbrauch und Analverkehr.
Was danach geschah, schildert der Dokumentarfilm «Roman Polanski: Wanted and Desired» von Marina Zenovich – er wurde letztes Jahr am Zurich Film Festival gezeigt – auf beeindruckende Weise. Im August einigten sich Anklage und Verteidigung, dass Polanski nur wegen illegalem Sex mit einem 13-jährigen Mädchen angeklagt werden sollte. Er würde mit einer bedingten Strafe davonkommen, dem Opfer bliebe ein Prozess erspart.
Vorliebe für Fälle mit Hollywodstars
Auftritt Laurence J. Rittenband: Der Richter hatte sich den Fall unter den Nagel gerissen. Er wird im Film als medien- und promigeil beschrieben. Laut dem Magazin «Time» liess er einen Gerichtsdiener ein Dossier anlegen mit allen Artikeln, die über ihn erschienen. Das waren nicht wenige, denn Rittenband hatte eine Vorliebe für Fälle, in die Hollywoodstars verwickelt waren. Er hatte gemäss CNN den Vorsitz bei der Scheidung von Elvis Presley, dem Sorgerechtsstreit von Marlon Brando und einer Vaterschaftsklage gegen Cary Grant.
Rittenband ordnete an, dass Roman Polanski zwecks psychologischer Tests für 42 Tage in ein Hochsicherheitsgefängnis eingeliefert wird. Eine schlimme Erfahrung für den Filmemacher, der den Holocaust überlebt hatte und die brutale Ermordung seiner Frau Sharon Tate ertragen musste. Kurz vor der geplanten Urteilsverkündung informierte Rittenband die Anwälte, er wolle ihn nochmals für 48 Tage ins Gefängnis schicken. Das war zuviel: Am 1. Februar 1978 flüchtete Roman Polanski nach Frankreich.
Illegale Absprachen mit Staatsanwalt
Für Filmerin Marina Zenovich hatte er allen Grund dazu: Laurence Rittenband – er starb 1994 – soll illegale Absprachen mit der Staatsanwaltschaft getroffen haben. Er habe gefürchtet, sein Image würde beschädigt, wenn er Polanski nicht einsperrt. Wäre er nicht geflohen, hätte der Richter sein «bizarres Verhalten» fortgesetzt. Das Opfer Samantha Gailey – heute verheiratete Geimer – stützt im Film diese Annahme: «Der Richter genoss die Publizität. Es war ihm egal, was mit mir oder mit Polanski geschieht.»
Im letzten Dezember beantragten Roman Polanskis Anwälte die Einstellung des Verfahrens. Richter Peter Espinoza wies das Ansinnen im Februar zurück, er räumte jedoch ein, dass es im ursprünglichen Verfahren zu «ernstlichem Fehlverhalten» gekommen war und bezog sich ausdrücklich auf den Film «Wanted and Desired». Sollte Polanski persönlich vor Gericht erscheinen, könnte der Fall neu beurteilt werden.
Anwalt der Opfers ist enttäuscht
Samantha Geimers Anwalt Larry Silver zeigte sich nach dem Richterspruch vom Februar enttäuscht, dass Espinoza «die klaren Beweise für Korruption bei Gericht und Anklage nicht berücksichtigt hat». Wäre Polanski fair behandelt worden, würde seine Klientin nicht nach 32 Jahren «immer noch unter der Publizität leiden, die der Fall erzeugt hat». Ihre Gefühle hielt Samantha Geimer bereits 2003 in der «Los Angeles Times» fest: «Manchmal denke ich, wir haben beide lebenslänglich bekommen.»
Bei einer Auslieferung Polanskis in die USA könnte der Fall schnell erledigt und beigelegt werden. Im schlimmsten Fall drohen ihm aber 50 Jahre Gefängnis. Vorerst gilt weiter, was der Film in seinem Titel ausdrückt: In den USA ist der Regisseur «wanted» (=gesucht), in Europa ist er «desired» (=begehrt).

























