«Zu dunkelhäutig»

21. September 2013 09:58; Akt: 21.09.2013 09:58 Print

Miss America könnte niemals Miss India werden

Manche Amerikaner empörten sich, dass die indischstämmige Nina Davuluri Miss USA wurde. In Indien hätte sie es allerdings gar nie zur Miss gebracht: Dort gälte sie als «nicht weiss genug».

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«Und die Araberin gewinnt Miss America. Typisch.» «Asiatisch oder indisch, ist das euer Ernst, wir sind hier in Amerika, oh mein Gott.» Dies waren nur zwei der zahllosen Tweets, die in der Folge der Miss-America-Wahl die Twittersphäre explodieren liessen. Einmal mehr stellte sich das rassistische Amerika bloss.

Weitgehend unbemerkt von der US-amerikanischen Rassismus-Debatte lief derweil eine parallele Diskussion: Wie würde Davuluri in der asiatischen Beauty-Industrie abschneiden? Die kurze Antwort lautet: Keine Chance. Sie ist zu dunkelhäutig.

Chemo-Peelings und Medikamente

Abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, wurde die Miss-India-Wahl stets von auffallend weisshäutigen Missen gewonnen. Die Journalistin Susan Runkle beobachtete bei den Vorbereitungen zur Miss-India-Wahl 2003: «Jede einzelne Teilnehmerin nimmt irgendeine Form von Medikamenten, die ihre Haut verändern soll. [...] Die Kandidatinnen unterziehen sich Chemo-Peelings und täglichen Medikamenten-Dosen, wovon einige ziemlich unangenehme Nebenwirkungen haben können.»

Dies ist das Resultat einer tiefverwurzelten Bevorzugung von Hellhäutigkeit auf dem Subkontinent. So soll helle Haut ursprünglich mit der gebildeten Herrscherkaste der Brahmanen im alten Hindu-Kastensystem assoziiert worden sein. Ähnlich wie im alten Europa vor der Ära des Tourismus galt helle Haut auch hier als Merkmal dafür, dass man nicht an der prallen Sonne seine Arbeit verrichten muss. Eine andere These besagt, dass nach mehr als zwei Jahnhunderte britischer Herrschaft weisse Haut mit Überlegenheit gleichgesetzt wird.

Lieblich hell

Was auch immer die Ursache sein mag, ein Resultat davon ist, dass die Hautaufhellungs-Produkte ein Millionengeschäft für die Kosmetikindustrie sind. Alleine die seit den Siebzigerjahren erhältliche Hautlotion Fair & Lovely erwirtschaftet laut «Guardian» einen Umsatz von 400 Millionen Franken. Seit kurzem gibt es zwar Gegenbewegungen wie das 2009 lancierte «Dark Is Beautiful», doch allgemein wird weiterhin Hellhäutigkeit mit Schönheit gleichgesetzt.

«Gemäss der Logik von Fair & Lovely wird die aktuelle Miss America arbeitslos und unverheiratet bleiben», so der ironische Kommentar vom indischen Blogger Gabbar Singh. Journalistin Lakshmi Chaudry schreibt in der «First Post»: «Es ist vermutlich ein Glück, dass Davuluri keine Bollywood-Ambitionen hegt. Sogar das Krönchen einer Miss America wird sie nicht auf eine Zelluloid-Leinwand in unserer Nähe hieven – es sei denn, sie erlebt jene übernatürliche Farbanpassung, die unseren beliebtesten Bollywood-Schauspielern geschehen ist.»

Andere indische Kommentatoren weisen darauf hin, leider müsse man - obwohl man mit Recht den rassistischen Shitstorm gegen Miss America in den USA ankreide - einsehen, dass in Indien dieselbe Mentalität gang und gäbe ist: «Stellt euch vor, was passiert wäre, wenn eine Amerikanerin Miss India gewonnen hätte», schreibt Vishal Dadlani. «Es käme zu Tumulten auf der Strasse, das Parlament müsste den Ausnahmezustand ausrufen.»

Amerikanerin und stolz darauf

Während der Miss-America-Wahl wurde Nina Davuluri befragt, wie sie dazu stehe, dass viele Models sich Behandlungen und Eingriffen unterziehen, um «weniger asiatisch» auszusehen. Ihre Antwort: «Für mich wird Miss America stets das Mädchen von nebenan bleiben. Und Miss America verändert sich kontinuierlich. Ich würde nicht das Aussehen von jemanden ändern wollen. Seid stolz darauf, euch selbst zu sein!»

Amerikanische wie indische Rassisten müssen endlich eingestehen, Nina Davuluri ist vor allem eines: Eine Amerikanerin.

(obi)