Murray-Prozess

04. November 2011 12:16; Akt: 04.11.2011 12:40 Print

Mit einem Bein im Gefängnis

von Martin Suter - Der Prozess gegen Michael Jacksons Arzt befindet sich auf der Zielgeraden. Die Schlussplädoyers zeigten, dass die Anklage die besseren Karten hat.

Bildstrecke im Grossformat » test
Das Strafmass für den bereits schuldige gesprochenen Conrad Murray beträgt vier Jahre. Am wird das Urteil gefällt. Conrad Murray, Jacksons ehemaliger Leibarzt, wird der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen. : Im Prozess gegen den Leibarzt des verstorbenen Popstars Michael Jackson beraten die Geschworenen über ein Urteil. Gemäss dem Gutachter Paul White könnte Popstar Michael Jackson sich die tödliche Dosis Propofol selber verabreicht haben. Damit wird der Angeklagte Leibarzt Conrad Murray entlastet. Viele Jacko-Fans glauben jedoch fest an die Schuld des Arztes und protestierten auch am 28. Oktober vor dem Gerichtsgebäude gegen den «Dr.Death». Zuvor sprachen im Prozess viele Indizien gegen Murray: Am 21. Oktober 2011 wurden die Zeugen geladen. Die Verteidiger des wegen fahrlässiger Tötung angeklagten Herzspezialisten Conrad Murray griffen die Aussage des renommierten Anästhesisten Steven Shafer (l.) an. Shafer hatte zu Protokoll gegeben, Murray habe seinem Patienten eine tödliche Menge des Narkosemittels Propofol intravenös verabreicht - etwas was, Verteidigungs-Chef Ed Chernoff (l.) freilich bestreitet. Die Aussage von Alon Steinberg am 12. Oktober belastet Murray zusätzlich: Der Herzspezialist sagte, Michael Jackson wäre noch am Leben, wenn Murray rechtzeitig die Sanitäter gerufen hätte. Am 11. Oktober 2011 wird der Jury das wohl letzte Bild des toten King of Pop vorgelegt. Der Gerichtsmediziner Dr. Christopher Rogers (mit Staatsanwalt David Walgren r.) zweifelt derweil die Version der Verteidigung an, wonach sich Jackson die tödliche Überdosis Propofol selbst verabreicht haben soll. Langsam wird es eng für den früheren Leibarzt Dr. Conrad Murray (l.) und sein Verteidiger J. Michael Flanagan. Diverse medizinische Gutachten werden präsentiert ... ... Obduktionsberichte ... ... Polizeinotizen ... ... ... Infusions-Spritzen ... ... genaue Berechnungen zum Mageninhalt Jackos ... ... und immer wieder: ... ... Fotos ... ... aus der Neverland-Ranch ... ... vom Zeitpunkt des Todes von Michael Jackson. Polizeidetektiv Scott Smith sagt aus ... ... während sich Richter Michael E. Pastor fragt ... ... weshalb das Datum auf dem Obduktionsfoto falsch sei. Der Prozess gegen Michael Jacksons früheren Leibarzt wurde in Los Angeles am 27. September eröffnet. Der Herzspezialist Conrad Murray ist wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Im Falle eines Schuldspruchs drohen dem 58-jährigen Mediziner bis zu vier Jahre Haft. Am vierten Prozesstag sagte der Rettungssanitäter Richard Senneff vor Gericht aus. Senneff wirft Jacksons Leibarzt Verschleierung vor: Murray habe nie gesagt, dass er seinem Patienten das Anästhetikum Propofol gegeben habe. Ein weiterer Sanitäter, Martin Blount, bestätigte Senneffs Einschätzung, Jackson sei kurz nach der Ankunft der Rettungskräfte gestorben. Ausserdem erklärte Blount, er habe beobachtet, wie Murray die auf dem Boden liegenden Flaschen Licodain griff und in eine schwarze Tasche warf. Am dritten Prozesstag führte Staatsanwalt David Walgren ein Fläschchen Propofol als Beweisstück vor. Eine Überdosis des Betäubungsmittels soll zum Tod von Jackson geführt haben. Jacksons Bodyguard Alberto Alvarez sagte aus, Murray habe ihn angewiesen, einen Infusionsbeutel mit einer Kochsalzlösung in einer Tüte zu verstauen. Alvarez fügte hinzu, er habe zunächst angenommen, er solle die Gegenstände verpacken, weil Jackson ins Krankenhaus gebracht werde. Auch Kai Chase, die persönliche Köchin des King of Pop musste vor Gericht aussagen. Richter Michael Pastor wird das Urteil im Prozess fällen. Im Gerichtssaal wurde ein Bild gezeigt von Micheal Jacksons Holmby Hills Schlafzimmer. Jacksons Geschwister Randy und Janet Jackson bei ihrer Ankunft am Gericht ... ... und auch La Toya Jackson verfolgt den Prozess. Auf Plakaten und mit lauten Rufen forderten Jackson-Fans «Gerechtigkeit für Michael» ... ... und wünschten Jacksons Leibarzt nichts Gutes. Am 7. Oktober wurde Murrays Aussage bei der Polizei vor Gericht erstmals öffentlich abgespielt.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Beobachter des sensationellen Verfahrens gegen Dr. Conrad Murray vor dem Strafgericht in Los Angeles kamen am Donnerstag in den Genuss von Plädoyers der Sonderklasse. Staatsanwalt David Walgren und Verteidiger Ed Chernoff versuchten mit eindringlichen Schlussbemerkungen die zwölf Geschworenen auf ihre Seite zu ziehen. Nach den fast vier Stunden dauernden Plädoyers waren sich die Experten einig: Die Anklage hat gute Chancen, dass die Jury Murray der fahrlässigen Tötung Michael Jacksons schuldig spricht.

Walgren machte gleich zu Beginn klar, dass Murray seiner Ansicht nach die fundamentalen Verpflichtungen als Arzt nicht wahrgenommen hat. Zwischen ihm und Jackson habe nicht das Verhältnis eines Doktors zu seinem Patienten geherrscht, sondern das eines Angestellten zu seinem Arbeitgeber. Murray habe pro Monat 150 000 Dollar dafür erhalten, dass er dem gestressten, unter Schlaflosigkeit leidenden Popstar jede Nacht das gefährliche Narkosemittel Propofol gab. «Michael Jackson vertraute Conrad Murray, und dieses Vertrauen bezahlte er mit dem Leben.»

Ein «wesentlicher Faktor» für Jacksons Tod

Der Staatsanwalt erklärte den Geschworenen, dass ein Arzt kriminell fahrlässig handle, wenn er seine rechtlichen Verpflichtungen so krass missachte wie Conrad Murray. Für eine Verurteilung reiche es, wenn Murray ein «wesentlicher Faktor» für Jacksons Tod gewesen sei, nicht dessen alleiniger Urheber. Dann rekonstruierte Walgren im Detail, was sich in der Nacht vom 24. auf den 25. Juni 2009 in Jacksons Anwesen in Los Angeles möglicherweise zugetragen hat. Er kam zum Schluss, dass das Szenario von Murrays Verteidigern, wonach der Arzt bloss eine Spritze mit 25 Milliliter Propofol-Lösung gespritzt haben soll, unmöglich stimmen kann.

Murray hatte nämlich seit seinem Antritt als Leibarzt des «King of Pop» Anfang April fast 15 Liter des potenten Anästhesiemittels bestellt. Unter Abrechnung der Restbestände müsse Jackson jeden Tag die riesige Menge von etwa 200 Millilitern über eine Infusion erhalten haben, argumentierte Walgren. Das sei hoch riskant, denn normalerweise werde Propofol nur im Operationssaal unter maximaler Kontrolle verwendet, nie gegen Schlaflosigkeit in einer Privatwohnung. Der Arzt habe an Michael Jackson ein «pharmakologisches Experiment» mit tödlichem Ausgang durchgeführt.

Spuren verwischt

Als Murray um die Mittagszeit Jacksons Atemstillstand bemerkte, wartete er 20 Minuten, bevor er den Notfall anrief. Laut Walgren nutzte er die Zeit, um Spuren zu verwischen: «Er hatte andere Sorgen: Conrad Murray zu schützen.» Nachher habe er den Ambulanzpflegern und den Ärzten in der Notfallstation des Spitals verheimlicht, Jackson Propofol gegeben zu haben. «Er wusste um seine Schuld, und er machte absichtlich falsche und irreführende Angaben.»

Walgren unterliess es nicht, das Opfer zu vermenschlichen. Rührend schilderte er, wie optimistisch Jackson am Vorabend seines Todes gewesen sei und wie er sich auf seine Londoner Konzertserie gefreut habe. Dann betonte er, dass wegen Conrad Murrays Pflichtvergessenheit Jacksons drei Kinder ohne Vater aufwachsen müssten. Als sie dies hörten, wischten sich Michaels im Gerichtssaal sitzende Mutter Katherine und seine Schwester La Toya Tränen vom Gesicht.

Propofol selbst gespritzt?

Nach Walgrens Breitseite hatte Verteidiger Ed Chernoff einen schweren Stand. Er räumte zwar ein, dass Murray nicht vorbildlich gehandelt habe. Doch dann versuchte er, einen Zeugen der Staatsanwaltschaft nach dem anderen unglaubwürdig zu machen. Sowohl der Experte der Anklage wie ein Leibwächter hätten eigennützig ausgesagt, behauptete er. In Wahrheit hätten die Ankläger ihre Version nicht lückenlos bewiesen. Es gebe viele Hinweise darauf, dass Michael Jackson sich in unbeobachteten Momenten selbst ein Beruhigungsmittel verabreicht und später eine zusätzliche Propofol-Dosis gespritzt habe.

Die Umstände des Todes des «King of Pop» erschienen bloss suspekt, weil das Opfer eine prominente Persönlichkeit gewesen sei, sagte Chernoff den Geschworenen. «Man bittet euch, Conrad Murray für Handlungen von Michael Jackson zu verurteilen», wiederholte er mehrere Male. «Es muss einmal gesagt werden: Wenn es um jemanden anderen als Michael Jackson ginge - würde dieser Arzt heute hier sein?»

Urteil könnte rasch kommen

Die sieben Männer und fünf Frauen der Jury werden ab Freitag umfangreiches Beweismaterial aufarbeiten müssen. Es handle sich um sachkundige Geschworene, sagten Prozessbeobachter am HLN-Fernsehen. Eine Frau verfüge über einen Abschluss als Biochemikerin, der Bruder eines anderen Jury-Mitglieds sei ein medizinischer Notfalltechniker. Vor diesem Hintergrund, und weil neun der zwölf Geschworenen vorgängige Jury-Erfahrung besitzen, spekulieren Kommentatoren, dass das Urteil relativ rasch kommen könnte. Im Fall eines Schuldspruchs muss Murray mit bis zu vier Jahren Gefängnis rechnen, er dürfte seine ärztliche Bewilligung verlieren.