Traktat

26. Juli 2010 13:20; Akt: 05.08.2010 14:35 Print

Der verlorene Anstand der Eva H.Der verlorene Anstand der Eva H.

von Philipp Dahm - Die bisher bekannt gewordenen Äusserungen Eva Hermans über die Loveparade-Tragödie sind happig. Doch es kommt noch dicker.

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Bei der grössten Musikparty der Welt kam es am 24. Juli 2010 in Duisburg zu einer Massenpanik. Das Unglück ereignete sich am späten Samstagnachmittag kurz vor 17.30 Uhr an dem Zugangstunnel zu dem Veranstaltungsgelände am alten Güterbahnhof der Ruhrgebietsstadt. Sie wollten zur Party und erlebten die Hölle. Nur flüchten aus dem Hexenkessel! Im furchtbaren Gedränge an einem Zugangstunnel ... ... zur Partyzone wurden sie erstickt, ... ... zerquetscht ... ... und totgetreten. Die Bilanz: 19 Tote und 342 zum Teil schwer Verletzte. Augenzeugen berichteten von dramatischen Szenen bei der Massenpanik, während das umzäunte Partygelände wegen Überfüllung geschlossen wurde. An der Rampe ... ...habe man kaum noch Luft bekommen. Dieser Videostill zeigt den Moment kurz vor dem Ausbruch der Panik. Die Polizei und Sanität waren vor Ort. Die Verletzten wurden in die Spitäler gebracht. Zehn hätten wiederbelebt werden müssen. Rettungskräfte seien zunächst nicht durchgekommen. Der Schock sass bei den Ravern tief. Unglauben, Unverständnis. Gegen die Veranstalter wurden schwere Vorwürfe erhoben. Das Festgelände in Duisburg war für maximal 250 000 Menschen freigegeben. Es kamen 1,4 Millionen. Um eine weitere Panik zu vermeiden, wurde die Technoparty nach dem tödlichen Zwischenfall nicht sofort abgebrochen und aus Sicherheitsgründen erst gegen 23.00 Uhr beendet. Die insgesamt dritte Loveparade im Ruhrgebiet war am Nachmittag friedlich gestartet. Ab 14.00 Uhr rollten 15 sogenannte Floats (riesige Paradewagen) über das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs der Ruhrgebietsstadt. Erstmals fuhren sie nicht wie in früheren Jahren durch die Innenstadt, sondern auf einem abgesperrten Gelände im Kreis. Die Veranstalter verkündeten am Tag nach der Katastrophe das Aus für die Loveparade, die seit 1989 fast jedes Jahr Millionen Besucher angezogen hatte.

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Dass Eva Herman nicht gerade für eine vorwärts schauende, liberale Philosophie steht, hat die Autorin mit ihren Aussagen und Büchern schon lange bewiesen (20 Minuten Online berichtete). Doch die reaktionäre Art und Weise, mit der sie jetzt das Loveparade-Unglück kommentiert hat, ist das Allerletzte: Die 51-Jährige schert nicht nur eine, sondern gleich zwei Generationen über einen Kamm und meint offenbar, dass ihr eigenes, kümmerliches Weltbild der Massstab aller Dinge sei.

In dieser Welt scheinen jugendliche Techno-Fans samt und sonders hirnlose Hascher und durchgeknallte Drogen-Doofis zu sein. «Dieses ‹friedliche Fest fröhlicher junger Menschen› ist in Wahrheit eine riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie, geplant, genehmigt und zum Teil finanziert von der Stadt Duisburg», schreibt die Autorin auf der Webseite des «Kopp»-Verlags. «Mit glasigen Blicken wiegen sich die dünn bekleideten Körper in rhythmischem Zucken wie in Trance.»

Mit dem Rausch fallen auch die Hemmungen, analysiert Herman aus der Ferne: «Viele Mädchen haben den Busen blank gezogen, manche sind fast völlig nackt. Sie wiegen sich in ekstatischer Verzückung im ohrenbetäubenden Lärm, Begriffe wie Sittlichkeit oder Anstand haben sich in den abgrundtiefen Bassschlägen ins Nichts aufgelöst.» Bei der Loveparade handele es sich um eine Veranstaltung, «die symbolisch doch nur für den kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft steht».

Evas apokalyptische Vision

Auffallend ist der missionarische und auch der apokalyptische Ton des Traktats. Von «riesigen, dunklen Wolken der Enthemmung und Entfesselung» ist da etwa die Rede: «Man muss nicht ausgesprochen prüde sein, um sich hier nach kurzer Zeit mit Grausen abzuwenden.» Die Besucher der Veranstaltung seien «ekstatisch und wie im Sog folgen sie dem finsteren Meister der sichtbaren Verführung».

Wie unanständig Eva Herman selbst ist, zeigt sie nicht nur in der pauschalen Diffamierung aller Techno-Fans und Loveparade-Besucher. Auch die vorige Generation bekommt ihr Fett weg und wird als Wurzel dieses Übels benannt: Das Unglück sei die Schuld und «das Ergebnis der Achtundsechziger», weiss Eva Herman. «Wer sich betrunken und mit Drogen vollgedröhnt die Kleider vom Leib reisst, wer die letzten Anstandsnormen feiernd und tanzend einstürzen lässt, und wer dafür auch noch von den Trägern der Gesellschaft unterstützt wird, der ist nicht weit vom Abgrund entfernt. Die Achtundsechziger haben ganze Arbeit geleistet!» Damit werden schon zwei Generationen von ihr über einen Kamm geschert.

Erst Fairness fordern, dann Gift spucken

Merkwürdig nur, dass die Autorin ihre eigenen, so hoch gelobten christlichen Werte und Normen dabei völlig ausklammert. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein, möchte man der Deutschen zurufen. Man möchte ihr eindringlich nahelegen, dass es unfair ist, über eine Million Menschen in einen Topf zu werfen, man will ihr sagen, dass Anstand nichts mit dem Musikgeschmack zu tun hat. Und man fragt sich, wann Eva Herman die Meinung anderer respektiert, denn Respekt hatte ja auch sie so dringend eingefordert, als sich unsere nördlichen Nachbarn über ihr Buch und ihren Kerner-Auftritt aufgeregt haben.

Sie sei damals nicht fair behandelt worden, hatte die Moderatorin nicht zu Unrecht nach Kerners kalkuliertem Eklat moniert. Und sie selbst? Sie hat Wissen und Wahrheit ihrer Meinung nach offenbar gepachtet. «Das ohrenbetäubende, stereotype Rave-Gehämmere, das nicht mehr im Geringsten etwas mit dem einstmaligen Begriff von Musik zu tun hat, zerschmettert ihnen über zahllose Stunden Trommelfelle und Nervenkostüme», steht im Herman-Knigge nachzulesen. Doch die Benimmregeln hat diese Frau anscheinend schon lange vergessen.

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  • Paul Stettler am 05.08.2010 18:00 Report Diesen Beitrag melden

    Wer verlässt den Anstand?

    Die Art wie die Redaktion über EH herzieht ist unter der Gürtellinie. EH hat ungeschminkt die Wahrheit gesagt. Das wird von gewissen Leuten nicht ertragen und dann versucht man Kritiker in den Schmutz zu ziehen. Schämen sollte sich nicht EH sondern die Redaktion 20Min und ein grosser Teil der Kommentatoren!

    • Hansi Dampfi am 01.12.2010 13:32 Report Diesen Beitrag melden

      Bravo!

      Was EH sagt, eckt an und das passt vielen nicht! Es ist einfacher ihr nicht richtig zuzuhören und schlecht zu machen, doch es gibt halt immer mehrere Meinungen! Klar bin ich auch nicht mit allen Ausserungen einverstanden, aber mit EH scheint die Presse ein Opfer für die HETZE gefunden zu haben. Pfui!!!

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  • M.D. am 31.07.2010 16:51 Report Diesen Beitrag melden

    Gott hat eingegriffen, was den sonst....

    Wenn ich diese Beiträge lese, habe ich das Gefühl, hier von Sektenmitgliedern umgeben zu sein, das nenne ich eine kaputte Einstellung! Hallo wacht auf! Erstens sind 20 Menschen gestorben, und es ist doch komplett der falsche Zeitpunkt, diese noch dafür zu verurteilen! Oder hätten Sie es gern, wenn Ihr Kind an der Loveparade umgekommen wäre, dann zu lesen, es sei Gottes Rache gewesen??? Und nun zum super Vergleich mit dem Weltjugendtag, weil ja dort niemand totgetrampelt wurde.... Findet dieser auch auf einem geschlossenen Gelände statt, wo man nur durche einen Tunnel reinkommt??

  • Musicforlife am 29.07.2010 19:54 Report Diesen Beitrag melden

    unverschämt und verständnislos

    Es ist wirklich Schade, dass eine 51-Jährige Frau solche Worte äussert. 1. Ich nehme an sie war selber mal jung, auch wenn sie damals auf ihren Festen Schlager gehört hat, es gibt Leute für diese ist diese Musik auch nicht zum hinhören geeignet. Und über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. 2. Ist es unmöglich alle Besucher einer solchen Veranstaltung also Vollidioten zu bezeichnen, es gibt durchaus intelligente Menschen die Technomusik hören. Ja sogar Maturanden hören Techno. Zu guter letzt ist die Loveparade auch von Menschen über 20, 30, 40 sogar 50ig besucht worden.