Drag-Künstler

26. Oktober 2017 07:06; Akt: 26.10.2017 07:06 Print

«Ich wurde früher verprügelt»

von Bettina Bendiner - Geschlecht besteht nicht mehr nur aus Mann und Frau. Das wäre zu einfach. Das zeigen zwei Zürcher Drag-Künstler mit ihren unkonventionellen Bildern.

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Früher war die Welt vordergründig sonnenklar in zwei Einheiten aufgeteilt: Es gab Männer und es gab Frauen. Heute wird differenzierter über Geschlechter, deren Grenzen (oder eben Nicht-Grenzen) nachgedacht. Begriffe wie Gender Fluid oder LGBTQI gehören zum Alltag. Irgendwo im Bereich zwischen Mann und Frau stehen Drag-Künstler.

Traditionell stecken hinter den oft ausgeklügelten und perfekt auf Frau gestylten Figuren schwule Männer (nicht immer). Mit Transgender oder Transsexualität hat die Liebe zum Geschlechterspiel nicht zwingend zu tun. Oder einfach ausgedrückt: Nicht alle Drags wären lieber eine Frau. Hier geht es um das Spiel mit verschiedenen Geschlechterrollen oder -Stereotypen.

Shooting kostete Überwindung

Das Spiel perfektioniert haben Agyness Champagne und Vicky Goldfinger. Und weil sie beide von ihrem Nebenberuf fasziniert sind, haben sie sich auf ein mutiges Experiment eingelassen: Sie haben sich halb Frau, halb Mann fotografieren lassen. Etwas, was sie noch nie gemacht haben.

Beide hat das Überwindung gekostet. Normalerweise würden sie sich nicht so präsentieren, würden mehr verdecken, erzählen sie 20 Minuten. Und auch, wie sie zu ihrer Passion gefunden haben: Der Weg war für beide nicht einfach. Wie sie dazu kamen, was sie bewegt und wie sie mit Kritikern umgehen, haben Vicky (Samuel) und Agyness (Marc) im Gespräch verraten.

Vickys Geschichte:
Vicky Goldfinger wusste schon früh, dass in ihr nicht nur ein «schwuler Mann» schlummert. «Mit zehn bin ich an der Schulfasnacht als Britney Spears aufgetreten», erzählt Samuel. Der Schauspielstudent hatte Spass dabei, war richtig erfolgreich. Doch mit 13 hängte er seine «Mini-Playback-Show» an den Nagel. «Plötzlich kamen Kommentare von anderen Eltern. Ich hörte auf, weil ich dachte, ich sei nicht normal», erinnert sich der 26-Jährige. «Während der Pubertät spürte ich, dass ich ein schwuler Mann bin.» Mit 18 war alles klar. Vor zwei Jahren entdeckte er Drag für sich wieder. «Ich habe mit 13 eine Seite von mir begraben. Die ist jetzt wieder da.» Vicky sei aber keine andere Person. «Wir sind eins.» Mit dem Wunsch, eine Frau sein zu wollen, habe das aber nichts zu tun. «Es ist eine Kunstform, die Singen, Tanzen und Schauspiel verbindet. Das liebe ich.» Drag zeige eine Seite von ihm. Das mit den Geschlechtern sehe er aber offener. Die klischierte Definition eines schwulen Mannes greife ihm zu kurz. «Ich habe einfach gefunden, was für mich stimmt.»

Agys Geschichte:
«Ich bin ein ganz normaler, schwuler Mann», sagt Marc. Agyness Champagne ist ein Beruf. Der 27-Jährige hat vor etwa zwei Jahren angefangen, als Drag aufzutreten. «Viele fragen mich, ob ich nicht lieber eine Frau wäre, stempeln mich ab», erzählt er. Er kläre dann auch, spreche mit den Leuten. Die, die fragen, seien ja immerhin interessiert, lästern hingegen gehe gar nicht. «Aber eigentlich ist mir das egal. Ich finde es wichtig, dass man sich selbst wohlfühlt.» Früher fiel ihm das nicht so leicht. «In der Schule war ich ein Aussenseiter, wurde oft verprügelt», sagt der Stylist. Er habe trotzdem versucht, sein Ding durchzuziehen. Familie und Freunde hätten ihm immer den Rücken gestärkt. Seine Drag-Figur Agy sei übrigens jemand total anderes als er. «Agy ist eine Rolle für mich. Sie ist die weibliche Version von mir.» Rund eine Stunde braucht er, bis der Look perfekt ist. Er selbst sei jemand anderes, zurückhaltender. «Aber ich geniesse es, mit Agy eine andere Seite auszuleben. Mit Transgender hat das aber überhaupt nichts zu tun.»