Tattoossyle

14. August 2009 10:10; Akt: 12.08.2009 21:19 Print

Herz auf der HautHerz auf der Haut

Tattoos sagen mehr aus über den Menschen als seine Kleider. Friday hat die coolsten Tattoo-Fans besucht.

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Was ist das Coolste, das man derzeit haben kann? Einen Blazer mit Monsterschultern? Eine Jeansweste? Knallenge Lederleggins? Alles gut, aber am allermeisten richten sich unsere Augen im Moment auf: Tattoos! Es ist Sommer. Und in den Badis sehen wir sie endlich mal so richtig. Kunterbunte Fabelwesen, Vögel, «Hello Kitty»-Figuren und Blüten zieren die Haut selbstbewusster Menschen, die stolz auf ihre Tätowierungen sind. Und auf die man neidisch werden könnte, weil man selbst vielleicht zuviel Angst davor hat, sich tätowieren zu lassen.

Die neue Tattoo-Generation setzt voll auf Farbe und ausgefallene Motive. Das sieht man auch bei Promis wie Rihanna, Megan Fox oder Peaches Geldof. Wenn sie über den roten Teppich stolzieren, konzentrieren sich die Paparazzi nicht mehr nur auf das Kleid, das sie tragen, sondern auch auf das neuste Bild auf ihrer Haut. «Die Haut wird als Ausdruck von Kunst und Style eingesetzt», findet Maxime Büchi, 31, Gründer des Tattoo-Magazins «Sang Bleu» aus Lausanne, das aus den vielen Tattoo-Trash-Magazinen am Kiosk hervorsticht. Er provoziert und sagt: «Hey, an einem tätowierten Körper sind die Kleider das Accessoire - und nicht umgekehrt!» Und wenn Rihanna ein neues Tattoo hat, stehen ein paar Tage später sogleich ein Dutzend Mädchen in den Tattoo-Studios und verlangen exakt das Gleiche.

In unserer Gesellschaft waren Tattoos ursprünglich etwas für harte Jungs, Rocker und Knastbrüder. Heute sind junge Frauen zwischen 14 und 24 Jahren im Vormarsch, das zeigt auch eine Studie der Universität Leipzig (D). Und: «Die Mädchen blättern nicht einfach in Magazinen und finden dieses Herz oder jenen Schmetterling lustig, sondern haben ein klares Bild», erzählt Giada Ilardo von Giahi Body Art, dem grössten Tattoo-Studio der Schweiz. «Bunte Motive mit einer persönlichen Geschichte dahinter sind der Renner.»

Ein Tattoo ist wie ein modernes Tagebuch: Es zeigt, was man erlebt hat, wen man liebt, wer wir sind und was uns wichtig ist.


Ramon (22), Detailhandelsangestellter, Diegten BL
«Ich finde einen nackten Körper ohne Tattoos schlichtweg langweilig, wenn nicht sogar hässlich. Schon im Alter von fünf Jahren wünschte ich mir ein Tattoo. Mit 18 sass ich dann endlich auf dem Stuhl und freute mich so sehr, dass ich nicht mal den Schmerz spürte. Da ich täglich mit Kunden zu tun habe, war ich erst letzte Woche wieder Gesprächsthema bei einer internen Sitzung. Jetzt muss ich meine kurzärmeligen T-Shirts im Schrank lassen. Aber ich möchte lieber negativ auffallen als gar nicht. Die Wurzeln und Krähen haben für mich etwas Magisches und tragen mein Inneres nach aussen. Für meine sieben Tattoos habe ich bisher rund 7000 Franken investiert. Aber eins ist klar: Ich möchte noch mehr!

Andrea (22), Fotografin, Zürich
«Mir gefallen Flügel total, mein Vater ist Jäger und hat mir früher immer Federn mitgebracht. Sie sind nicht nur ein Symbol für Freiheit, sondern ich finde sie an einem Frauenkörper einfach sehr sexy. Als ich meine Diplomarbeit über Körperkult verfasste, wurde mein Interesse am Tätowieren geweckt. Während der Recherche habe ich viele interessante Menschen mit Tattoos kennengelernt. Sofort fand ich diese Individualisten sehr anziehend, und ich bin dann auch selbst auf den Geschmack gekommen. Heute muss ich feststellen, dass die meisten meiner Freunde tätowiert sind. Ich denke, das ist wohl kein Zufall! Meine Tattoos sind aber nicht nur eine Erinnerung, sondern ganz klar auch eine Verschönerung meines Körpers.»

Jasmin (24), «RockStar»-Promogirl, Zürich
«Die Leute gucken manchmal schon sehr verdutzt, wenn sie meinen Arm mit den bunten Katzen sehen. Einige finden meine Bambis auf den Schultern so süss. Es gibt aber auch welche, die meinen: ‹Ach Jasmin, Hello-Kittys kennt doch in ein paar Jahren niemand mehr.› So what? Sie erinnern mich später an gewisse Lebensabschnitte und meine Ansichten zu dieser Zeit. Schon als Kind habe ich viel gemalt und wollte einen bunten Menschen aus mir machen. Ich bin eher eine stille Person, meine Tattoos zeigen auch ohne Worte einen Teil von mir. Ich gebe es zu, ich bin etwas süchtig geworden nach diesen Verzierungen. Aber zum Glück habe ich Freunde, die mir Tattoos stechen können. Sonst könnte man meinen ganzen Lohn direkt ins Tattoostudio überweisen.»

Katinka (21), Redaktionsassistentin, Zürich
«Tja, ich bin ein riesengrosser Fan von Daft Punk, dem coolen Elektro-Duo aus Frankreich. Die beiden genialen Musiker verkleiden sich auf ihren Tourneen immer als Roboter. Mein Tattoo erinnert mich an das tolle Konzert, das ich vor zwei Jahren in New York miterleben durfte. Ich habe auch eine Hecke aus dem kultigen Neunzigerjahre Videogame ‹Super Mario Kart›, das Todesdatum meines besten Freundes und ein Barbie-Logo auf meine Arme machen lassen. Zu jedem meiner zehn Tattoos gibts eine Geschichte. Das Barbie-Logo ist vermutlich eine ironische Anspielung auf mich selbst: Ich bin wohl genau das Gegenteil dieser Puppe.»

Marc (21), IT-Spezialist, Zürich
«Ich habe mein Tattoo erst seit knapp drei Monaten. Die Message ‹Stay yourself› hat mich in schwierigen Zeiten immer unterstützt. Egal, wie ich mich äusserlich verändere – innerlich möchte ich mich selbst bleiben. Das Tattoo erinnert mich daran, denn zu viele Leute vergessen das immer wieder. Wichtig finde ich, dass Tattoos Teil deiner eigenen Geschichte sind. Wenn man seine Persönlichkeit damit verbinden kann, dann schafft das Tattoo Identität. Zwar werden sie nicht mehr so abgelehnt wie früher, doch sind Tattoos noch immer nicht überall in der Gesellschaft akzeptiert. Ich fände es cool, wenn beispielsweise auch mal ein Bundesrat ein Tattoo tragen würde.»

Annkey (23), KV-Angestellte, Zürich
«Mein erstes Tattoo habe ich mir vor vier Jahren auf der Ferieninsel Kos stechen lassen. Nein, ich war nicht betrunken! Doch diese Rose von damals habe ich jetzt mit viel schöneren Blüten überdeckt. Für mich sind Tattoos Lifestyle, und sie sind auch ein Bruch in meinem Aussehen. Die Leute sehen in mir das Blondchen mit den blauen Augen und rechnen nicht mit einer Tätowierung – genau deshalb liebe ich sie umso mehr. Am meisten nervt es mich, wenn die Leute sagen: ‹Was ist in zwanzig Jahren? Da wirst du es bereuen!› Es ist mir egal, weil ich den Moment lebe! Meistens werde ich aber positiv auf meine Tattoos angesprochen, vor allem von Frauen. Tattoos sind für mich Kunst – ein Bild, das ich immer dabeihabe.»