PRESSESPIEGEL

02. Juni 2008 09:17; Akt: 02.06.2008 13:49 Print

«Debakel für den Volkstribun Blocher»«Debakel für den Volkstribun Blocher»

Die Schweizer und die ausländische Presse werten das dreifache Nein bei den eidg. Abstimmungen als Ohrfeige für die SVP. Diese sei beim ersten Test als selbsternannte «Oppositionspartei» durchgefallen. Im Ausland hoffte man auf eine Trendwende.

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Am Abstimmungssonntag wurden alle drei Vorlagen abgelehnt. Zitate und Meinungen «Wir sind sehr froh, dass es zu diesem Resultat gekommen ist», sagt Justizministerin Widmer-Schlumpf. Sie wertet das Nein als Bekenntnis zum Rechtsstaat und zum Föderalismus. (Bild: Reuters/Pascal Lauener) «Ein Recht auf Einbürgerungen wird es auch künftig nicht geben», sagte die SVP-Bundesrätin vor den Medien weiter. «Wir hatten eine breite Front gegen uns», sagte SVP-Vizepräsident Adrian Amstutz. «Wir würden nochmals mit den gleichen Argumenten ins Feld ziehen», sagte der Zürcher Nationalrat Hans Fehr. «Der Streit um die Bündner SVP hat das Abstimmungsergebnis nicht beeinflusst», meint SVP-Präsident Toni Brunner. «Das Abstimmungsresultat ist eine Quittung der Bevölkerung an die SVP», sagt der St. Galler CVP-Nationalrat Thomas Müller. Der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen erklärte: «Wir konnten aufzeigen, dass wenig Fleisch am Knochen war bei der Initiative.» «Das Schweizer Stimmvolk gibt uns die Möglichkeit, das negative Bild der Migranten umzustossen», sagt Antonio Da Cunha, Präsident des Forums für die Integration der Migrant/innen. Die SP sah das Abstimmungsergebnis als endgültiges Aus für die «Lotterie bei den Einbürgerungsentscheiden». «Mit dem Nein ändert sich nichts», kommentiert Bundespräsident und Gesundheitsminister Couchepin das deutliche Wahlresultat. «Das klare Nein zeigt, dass das Volk den politischen Behörden mehr vertraut als dem System der Krankenkassen», findet CVP-Präsident Christophe Darbellay. Die SP sieht das Nein als «klare Absage an die Zweiklassenmedizin und die Privatisierung der Gesundheit» (im Bild: SP Vizepräsidentin und- Nationalrätin Jacqueline Fehr). Die Befürworter des neuen Verfassungsartikels, allen voran die Krankenkassen, zeigten sich enttäuscht und sprachen von einer verpassten Chance zum Leidwesen der Patientinnen und Patienten. Der Zürcher Nationalrat Toni Bortoluzzi fühlt sich «ein bisschen verschaukelt», nachdem die SVP ihre Prämiensenkungsinitiative zu Gunsten des Gesundheitsartikels zurückgezogen hat. «Das Volk und alle Kantone haben bestätigt, dass sich Bundesrat und Verwaltung weiterhin vor Abstimmungen moderat und angemessen ausdrücken können und auch sollen», stellt Pascal Couchepin fest. (Bild: Reuters/Ruben Sprich) «Es ist in vier Jahren leider nicht gelungen, die Bedeutung der Initiative in der breiten Bevölkerung zu diskutieren», resümiert der Präsident des Vereins «Bürger für Bürger», Markus Erb. Erb wertete darüber hinaus das Abstimmungsresultat «als Beweis dafür, dass die Behördenmanipulation» auch im jüngsten Fall wieder funktioniert habe. Das überparteiliche Nein-Komitee mit CVP, FDP, SP, Liberalen, Grünen, Grünliberalen und EVP begrüsst die klare Niederlage der Maulkorb-Initiative als Zeichen gegen ein Rede- und Denkverbot in der Schweiz (Archivbild vom 1. April). Die grüne Nationalrätin Ruth Genner freut sich über ein « tolle Ergebnis» - sie bekam mehr als doppelt so viele Stimmen wie SVP-Mann Mauro Tuena. Tuena räumt seine Niederlage ein und fand sein Wahlergebnis «gar nicht so schlecht». Er werde sehr wohl weiterhin in der Opposition präsent bleiben, meinte der Wahlverlierer. «Mit Ruth Genner wird die Kontinuität der rot-grünen Stadtratspolitik gewährleistet», sagt der Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber.

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Nach dem «Debakel für den Volkstribun Blocher», so «Spiegel online», wird bei ausländischen Kommentatoren auf eine Trendwende in der Schweizer Ausländerpolitik gehofft.

«Eine Woche vor Beginn der Fussball-Europameisterschaft hat das Schweizer Volk sich selbst die Peinlichkeit erspart, vor den Augen der Welt als Nation engstirniger Fremdenfeinde dazustehen», schreibt «Der Standard» aus Österreich.

«Das überraschend klare Nein zum Einbürgerungs-Volksbegehren, das der Willkür Tür und Tor geöffnet hätte, ist einerseits ein Bekenntnis der Schweizer zum demokratischen Rechtsstaat, zu Anstand und Respekt; und es ist andererseits eine schwere Niederlage für die rechtskonservative Volkspartei SVP», so die liberale Wiener Zeitung weiter.

«Die Presse» betont ebenfalls die «Abfuhr für Blocher-Partei bei 'Schweizermacher-Votum'». Auch dieses österreichische Blatt unterstreicht, dass ein Imageschaden abgewendet worden sei: «Damit schoss die Schweiz als Gastgeberland der Fussball-EM kein Eigengoal.»

Für «El País» ist das Verdikt der Schweizerinnen und Schweizer eine «grosse Überraschung». Die spanische Zeitung verweist dabei auf den «europäischen Kontext, wo man aussereuropäischen Einwanderern immer feindlicher gegenübersteht».

Blocher hat sich «verspekuliert»

Verschiedene deutsche Zeitungen betonen, wie «Der Tagesspiegel», den «Rückschlag» und die «herbe Niederlage («Badische Zeitung») für die SVP. Die Schweiz sage «Nein zur Rechten», titelt auch die italienische «La Reppublica».

Aus der Sicht von «Spiegel online» legt das Abstimmungsresultat nahe, dass sich alt Bundesrat Christoph Blocher «verspekuliert» habe. «Es ist allerdings noch viel zu früh, Blocher abzuschreiben», warnt der Autor - und verweist auf die voraussichtliche Abstimmung zur Personenfreizügigigkeit. Da bahne sich «der nächste grosse Kampf» bereits an.

«Testlauf» für Personenfreizügigkeit

Für die «Süddeutsche Zeitung» ist das Ergebnis ein «Testlauf» für die Freizügigkeitsabstimmung: «Jetzt sieht es danach aus, als würde die Schweiz (...) bei der Freizügigkeit bleiben.»

Die SZ sieht Blocher sogar «entzaubert: Die Neigung zu Populismus und Isolationismus hat ihre Grenzen erreicht». Aufatmen könne man in den Nachbarstaaten, «weil die sogenannte Einbürgerungsinitiative eine Attacke auf den Rechtsstaat und die Menschenrechte war», schreibt der Kommentator weiter.

Schweizer Zeitungen: «Waterloo für die SVP»

Das Volk habe der SVP einen «Lehrblätz» erteilt, schreibt der NZZ-Kommentator. «Nicht dass sie verloren hat, sondern wie, müsste der Partei zu denken geben, die sonst für sich in Anspruch nimmt, ihr Ohr ganz nah bei Volkes Stimme zu haben.»

Die SVP habe mit ihrer Kriminalisierungs-Kampagne gegen Einbürgerungen das nüchterne Urteilsvermögen vieler Schweizer unterschätzt.

Auch die Westschweizer Zeitung «24 Heures» sieht in den Abstimmungsergebnissen ein «Zeichen der politischen Reife». Ebenso die «Liberté»: «Ja, das Schweizer Volk hat diese 'Weisheit', welche ihm die SVP in ihren Sternstunden so gerne zuschreibt», so der Kommentator.

Genug von radikalen Tönen

Die «Neue Luzerner Zeitung» sieht in den Ergebnissen eine Richtungsänderung: Der Souverän «bescherte der seit vielen Jahren weitaus erfolgreichsten Partei des Landes ein Waterloo, welches die Umrisse eines politischen Stimmungsumschwungs verrät.»

Für den «Tages-Anzeiger» offenbart die Abstimmung, «dass der grössere Teil der Stimmenden genug hat von radikalen Tönen, welche die schweizerische Wirklichkeit und den Alltag der Menschen nicht wiederspiegeln».

«Die SVP hat mit ihrer Abstimmungskampage und dem Ausschluss der Bündner Kantonalsektion jene Mehrheit der Stimmenden herausgefordert, die sich eine schweizerische Tugend in der Politik zurückwünschen: den Willen und die Fähigkeit zum Kompromiss.»

Spuren hinterlassen

Ins gleiche Horn stösst der Berner «Bund»: «Der harte Umgang der SVP mit Bundesrätin Widmer-Schlumpf wird die politische Mehrheits-Schweiz zusätzlich mobilisiert haben: Man wollte ein Zeichen gegen die Blocher-SVP setzen; vor allem Bürgerliche dürften deswegen noch umgeschwenkt haben.»

Der Kommentator von «Le Matin» ist überzeugt, dass das Abstimmungsergebnis für die SVP «mehr ist als eine Kränkung: Eine Warnung oder vielleicht sogar (...) ein erster Halt». «Natürlich bedeutet diese Niederlage nicht den Zusammenbruch der SVP. Aber sie wird Spuren hinterlassen.»


Detaillierte Resultate und Reaktionen zu allen Vorlagen finden Sie im Abstimmungs-Dossier.

(sda)