Demoskop-Debakel
25. Januar 2010 16:41; Akt: 25.01.2010 17:08 Print
Die Grenzen der Prognosen
von Joel Bedetti - Nach dem Prognose-Debakel bei der Minarettinitiative ist mit der Nachbefragung schon wieder eine Studie aus Claude Longchamps Küche gekommen. Die Politologen nehmen ihren gescholtenen Kollegen mehrheitlich in Schutz, bemängeln aber die fehlende Transparenz seiner Studien.
Der gefallene Umfrage-Papst Claude Longchamp, hier 2003. (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)
Das Debakel war perfekt. Zwei Wochen vor der Abstimmung zum Minarettverbot porgonstizierte der Politologe Claude Longchamp 37 Prozent Befürworter. An der Urne waren 57 Prozent dafür. Die SRG beschloss, vorläufig keine Prognosen mehr von Longchamps Institut GFS zu bestellen.
An der Minarett-Initiative gescheitert: Politische Prognosen(Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)
Online besser als Telefonumfragen
54 Prozent Ja-Stimmen, 46 Prozent Nein-Stimmen zur Minarett-Initiative - das waren die Ergebnisse einer Umfrage von 20 Minuten Online im Vorfeld der Volksabstimmung an der sich 8399 Internetnutzer beteiligten. Damit lag die - zumindest nach bislang gängigen Standards - nicht repräsentative Umfrage dieser Zeitung lediglich drei Prozent neben dem tatsächlichen Ergebnis. Um ein Vielfaches exakter als die Werte anerkannter Meinungsforschungsinstitute. Sie lagen in ihren Umfragen durch die Bank mit ihrer Prognose weit neben der Realität. So prognostizierte die letzte SRG-Umfrage gerade einmal 37 Prozent Ja-Stimmen. Also 20 Prozent daneben. Ein Desaster für die Demoskopie.
Die Aussagekraft und Glaubwürdigkeit anonymer Online-Umfragen zeigte sich erneut in einer weiteren Umfrage unmittelbar nach dem Wahlsonntag. So gaben auf die Frage, wie sie abgestimmt haben bei der Minarett-Umfrage, 60 Prozent an, bei Ja ihr Kreuz gemacht zu haben. Also erneut lediglich drei Prozent Abweichung von den tatsächlichen Ergebnissen (weitere Interessante Aspekte der Umfrge gibt es hier). Die Erfahrung zeigt, dass im Nachgang von Abstimmungen sich sehr viele Wähler auf die «Gewinner»-Seite schlagen. Dieses Phänomen tritt in Online-Umfragen deutlich weniger zutage, weil anonyme Internetnutzer aus einer Falsch-Antwort keinen direkten Nutzen ziehen und auch nicht antworten, was gesellschaftlich gewünscht ist.
Heute morgen ist die traditionelle Nachstudie zur Minarettabstimmung veröffentlicht worden - durchgeführt wurde sie unter anderem wiederum von Longchamps Forschungsinstitut gfs. Kann man diesem Mann noch trauen?
Wer die Schweizer Politologieprofessoren nach der Glaubwürdigkeit von Claude Longchamp und seinen Studien fragt, kommt schnell zum Schluss: Claude Longchamp ist zwar keineswegs unumstritten. Die Fehler bei der Minarettabstimmung aber, so der Tenor der Experten, liege weniger an Longchamps Fähigkeiten, als dass es die Grenzen solcher Demoskop-Prognosen aufzeige.
Bestandesaufnahme, keine Prognose
Michael Hermann, Sozialgeograf an der Uni Zürich, sagt: «Es ist einfach sehr schwierig, das Verhalten von Menschen vorauszusagen.» Georg Lutz, Professor für Poltikwissenschaft an der Uni Bern, meint: «Ich sage nicht, dass jemand besser Prognosen machen kann. Ich sage aber, dass man sich der Grenzen solcher Umfragen besser bewusst sein muss.»
Deshalb nehmen die Politikwissenschaftler auch die Medien in die Verantwortung. Besonders das Schweizer Fernsehen, welche die Untersuchungen bei Longchamp jeweils bestellt, muss Kritik einstecken. «Die SRG verkauft Longchamps Umfragen, die nur Bestandesaufnahmen sind, als Prognose», sagt die Politologin Regula Stämpfli.
Dies sei eine zeitlang gut gegangen, weil die Umfragen den Abstimmungsergebnissen mehr oder weniger entsprachen. «Jetzt rächt es sich, dass beim Fernsehen der Unterschied zwischen Umfrage und Prognose nie zum Thema gemacht wurde», meint Stämpfli.
Ungewöhnliche Dynamik
Der Genfer Politologieprofessor Simon Hug vermutet, dass auch Longchamp damit nicht immer glücklich ist: «Ich habe das Gefühl, dass er oft gedrängt wird, mehr zu sagen, als er eigentlich kann.» Auch Hermann nimmt Longchamp in Schutz: «Er hat vor der Minarettabstimmung gewarnt, dass gerade diese Kampagne einen ungewöhnliche Dynamik habe.»
Die Medien hätten diesen Einwand aber kaum beachtet und lediglich die nackten Zahlen weitergegeben. Und weil Longchamp der einzige sei, der Prognosen abgebe, sei er auch der einzige, der Prügel beziehe, wenn sie daneben gingen.
Mehr Transparenz
Wirklichen Anlass zur Kritik gibt bei Claude Longchamp nur eine Sache: Die mangelnde Transparenz darüber, wie seine Umfrageergebnisse zustande kommen. Besonders dezidiert kommt die Kritik von den Universitätsprofessoren Simon Hug. Er meint: «Es ist fragwürdig, dass Longchamp seine Datenbasis und seine Methodik nicht veröffentlichen muss, obwohl die Umfragen von der SRG und damit mit öffentlichen Geldern finanziert werden.» In den USA und Frankreich würden Umfragedaten deshalb öffentlich gemacht.
Wenn die Daten offen lägen, würde man Longchamps Methodik nachvollziehen können, so Hug. «Es würde eine Debatte unter Politologen entstehen, dank der Fehler beseitigt und das System verbessert werden könnte.»
Kann man der heute veröffentlichten Nachanalyse also trauen?
«Ja», meint Regula Stämpfli: «Claude Longchamp bleibt ein solider Berufskollege, da man von ihm weiss, dass er aus Fehlern nicht nur viel lernt, sondern dann auch wirklich qualitativ Besseres herausbringt.»

































von: Emma am: 26.01.2010 11:00
von: dreamer84 am: 26.01.2010 08:38
von: Johann Balm am: 25.01.2010 22:31