Demoskop-Debakel

25. Januar 2010 16:41; Akt: 25.01.2010 17:08 Print

Die Grenzen der PrognosenDie Grenzen der Prognosen

von Joel Bedetti - Nach dem Prognose-Debakel bei der Minarettinitiative ist mit der Nachbefragung schon wieder eine Studie aus Claude Longchamps Küche gekommen. Die Politologen nehmen ihren gescholtenen Kollegen mehrheitlich in Schutz, bemängeln aber die fehlende Transparenz seiner Studien.

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Der gefallene Umfrage-Papst Claude Longchamp, hier 2003. (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)

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Das Debakel war perfekt. Zwei Wochen vor der Abstimmung zum Minarettverbot porgonstizierte der Politologe Claude Longchamp 37 Prozent Befürworter. An der Urne waren 57 Prozent dafür. Die SRG beschloss, vorläufig keine Prognosen mehr von Longchamps Institut GFS zu bestellen.

Heute morgen ist die traditionelle Nachstudie zur Minarettabstimmung veröffentlicht worden - durchgeführt wurde sie unter anderem wiederum von Longchamps Forschungsinstitut gfs. Kann man diesem Mann noch trauen?

Wer die Schweizer Politologieprofessoren nach der Glaubwürdigkeit von Claude Longchamp und seinen Studien fragt, kommt schnell zum Schluss: Claude Longchamp ist zwar keineswegs unumstritten. Die Fehler bei der Minarettabstimmung aber, so der Tenor der Experten, liege weniger an Longchamps Fähigkeiten, als dass es die Grenzen solcher Demoskop-Prognosen aufzeige.

Bestandesaufnahme, keine Prognose

Michael Hermann, Sozialgeograf an der Uni Zürich, sagt: «Es ist einfach sehr schwierig, das Verhalten von Menschen vorauszusagen.» Georg Lutz, Professor für Poltikwissenschaft an der Uni Bern, meint: «Ich sage nicht, dass jemand besser Prognosen machen kann. Ich sage aber, dass man sich der Grenzen solcher Umfragen besser bewusst sein muss.»

Deshalb nehmen die Politikwissenschaftler auch die Medien in die Verantwortung. Besonders das Schweizer Fernsehen, welche die Untersuchungen bei Longchamp jeweils bestellt, muss Kritik einstecken. «Die SRG verkauft Longchamps Umfragen, die nur Bestandesaufnahmen sind, als Prognose», sagt die Politologin Regula Stämpfli.

Dies sei eine zeitlang gut gegangen, weil die Umfragen den Abstimmungsergebnissen mehr oder weniger entsprachen. «Jetzt rächt es sich, dass beim Fernsehen der Unterschied zwischen Umfrage und Prognose nie zum Thema gemacht wurde», meint Stämpfli.

Ungewöhnliche Dynamik

Der Genfer Politologieprofessor Simon Hug vermutet, dass auch Longchamp damit nicht immer glücklich ist: «Ich habe das Gefühl, dass er oft gedrängt wird, mehr zu sagen, als er eigentlich kann.» Auch Hermann nimmt Longchamp in Schutz: «Er hat vor der Minarettabstimmung gewarnt, dass gerade diese Kampagne einen ungewöhnliche Dynamik habe.»

Die Medien hätten diesen Einwand aber kaum beachtet und lediglich die nackten Zahlen weitergegeben. Und weil Longchamp der einzige sei, der Prognosen abgebe, sei er auch der einzige, der Prügel beziehe, wenn sie daneben gingen.

Mehr Transparenz

Wirklichen Anlass zur Kritik gibt bei Claude Longchamp nur eine Sache: Die mangelnde Transparenz darüber, wie seine Umfrageergebnisse zustande kommen. Besonders dezidiert kommt die Kritik von den Universitätsprofessoren Simon Hug. Er meint: «Es ist fragwürdig, dass Longchamp seine Datenbasis und seine Methodik nicht veröffentlichen muss, obwohl die Umfragen von der SRG und damit mit öffentlichen Geldern finanziert werden.» In den USA und Frankreich würden Umfragedaten deshalb öffentlich gemacht.

Wenn die Daten offen lägen, würde man Longchamps Methodik nachvollziehen können, so Hug. «Es würde eine Debatte unter Politologen entstehen, dank der Fehler beseitigt und das System verbessert werden könnte.»

Kann man der heute veröffentlichten Nachanalyse also trauen?

«Ja», meint Regula Stämpfli: «Claude Longchamp bleibt ein solider Berufskollege, da man von ihm weiss, dass er aus Fehlern nicht nur viel lernt, sondern dann auch wirklich qualitativ Besseres herausbringt.»

Kommentare (22 Kommentare)
  • Es gibt ja auch noch eine andere
    These. Es seien überall "nachkorrigierte" Stimmzettel eingegangen. (Eigentlich ungültig, wurden sie trotzdem gezählt) Könnte ja sein, dass da einige Jungspontis mal wieder Altersheime besuchten oder gar sonst irgendwie "herumspielten". Nein, dieses Szenario ist gar nicht so absurd wie es klingt, und würde auch manches erklären.
    von: Emma am: 26.01.2010 11:00
  • einfach lächerlich
    der mann fragt immer nur etwa 1000 personen an. es leben 7 millionen menschen in der CH Davon sind mind. 5 Millionen wahltüchtig... das ist nicht mal 1 % wo der Herr die Bevölkerung fragt. und daraus wird dann eine Liste gemacht. lächerlich. jedesmal
    von: dreamer84 am: 26.01.2010 08:38
  • Abtreten Herr Longchamps!
    Ich habe genug von ihrem arroganten Auftreten in den Wahlsendungen von SF, ihren linken Parolen und ihrem hämischen Grinsen wenn sie im SF über die SVP Wähler herziehen.
    von: Johann Balm am: 25.01.2010 22:31
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