Terrormiliz

Islamischer Staat

Unsere Angst vor den Pop-Dschihadisten

von Ann Guenter
Das schreibt uns ein Leser:

«Nun ist es an der Zeit, dass Westeuropa die Augen weit aufsperrt, denn es ist noch nicht zu spät, etwas gegen die Invasion der Moslems zu unternehmen. Weshalb haben denn so viele Moslem-Jungs ein antisoziales Verhalten, obwohl sie in einer friedlichen westeuropäischen Gesellschaft aufgewachsen sind?»

Mails wie dieses erreichen uns täglich. Sie standen am Anfang dieses Spezials. Von einer «Invasion der Moslems», wie der Leser schreibt, kann keine Rede sein (siehe Diashow «Muslime in Europa», Kapitel 4). Von einem erhöhten Misstrauen gegenüber Muslimen hingegen schon. Es drückt in diesem Mail durch, zeigt sich zunehmend auf Schweizer Strassen und lässt deutsche Neonazis und Hooligans mittlerweile schon von sich behaupten, ein «kompletter Querschnitt der Gesellschaft» zu sein.

Der Flächenbrand aus dem syrischen Bürgerkrieg hat Europa längst erreicht. Ob aus Grossbritannien, Frankreich, Belgien, Deutschland, Österreich – noch nie zuvor reisten mehr jugendliche Muslime in einen dschihadistischen Krieg. Auch aus der Schweiz haben sich 56 Personen auf diesen Kriegspfad begeben, darunter der Sohn eines Universitätsrektors.

Entsprechend gross ist das Unbehagen, die Angst vor Extremisten und vor Anschlägen islamischer Terroristen: Viele Nicht-Muslime wollen wissen, inwieweit Muslime hier wirklich hinter Werten wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte stehen. Viele Muslime wiederum haben es satt, dem Terror-Generalverdacht ausgesetzt zu sein, weil sie in Europa ihren Glauben leben.

Der Grat zwischen dem Grundrecht auf Religionsfreiheit und dem Schutz vor Extremismus ist schmal. Gerade die Zivilgesellschaft und alle muslimischen Organisationen darin sind gefordert. Wie der Islamismus-Experte Ahmad Mansour sagt:

«Wenn wir die Säkularisierung in Europa aufrechterhalten und keine Schlachten haben wollen, wie sie auf den Strassen von Köln ausgetragen wurden, dann müssen wir in der Lage sein, in diese Diskussion reinzukommen und differenziert voneinander zu lernen. Muslime sind keine Fremdkörper in unserer Gesellschaft, sie gehören dazu. Wer das ablehnt, stellt sich auf dieselbe Stufe wie die Salafisten.»

Der IS Ein Unfall der Geschichte?

2Neuer Terror oder nichts Neues seit 9/11? 3Die IS-Kämpfer nah und fern 4Wieso ziehen Europäer in den Dschihad? 5Was, wenn sie zurückkommen? 6Die Zukunft des «Islamischen Staats»

Der syrische Bürgerkrieg bringt eine neue Generation von Terroristen hervor: die Anhänger der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) – ein Sammelsurium von islamistischen Radikalen aus aller Welt, welche im Irak und in Syrien die lokale, vorwiegend muslimische Bevölkerung unterwerfen oder töten.

Die Entstehung des IS geht auf den Militäreinsatz der USA ab 2003 im Irak zurück. «Dieser war es, der al-Kaida ermöglichte, aus ihren pakistanischen und afghanischen Zufluchtsorten heraus eine Präsenz im Irak zu gründen. Vor den Amerikanern gab es eine solche im Irak nicht», sagt der Grandseigneur des Schweizer Nahostjournalismus, Arnold Hottinger.

Im Irak hielt sich der IS jahrelang durch synchronisierte Attacken in städtischen Gebieten über Wasser. Zwei Umstände, die sehr clever genutzt wurden, kamen ihm zugute: Die Unruhen in Syrien, die sich zu einem Bürgerkrieg auswuchsen und die staatlichen Strukturen im Norden und Osten zusammenbrachen liessen. Und die ausgrenzende Politik des irakischen Regierungschefs Nuri al-Maliki, die dazu beitrug, dass die sunnitische Minderheit im Irak sich mit jeder Gruppierung verbündete, die sie stärkte.

Brutalität als Erkennungszeichen Ohne Syrien und al-Maliki wäre der IS nie zu seiner aktuellen Grösse aufgestiegen, schreibt die auf Terrorismus spezialisierte US-Beratungsgruppe «Soufan». Auch deswegen sei der selbsternannte Islamische Staat ein «Unfall der Geschichte».

Seine Macht legitimiert der IS durch sein im Juni 2014 ausgerufenes Kalifat, durch seinen Anspruch, bestehende Regierungen zu stürzen, und natürlich durch die Religion, die nur er «richtig» vertritt. Eines seiner hervorstechendsten Merkmale ist die Brutalität, mit der der IS Bevölkerungsgruppen und ganze Gebiete unterwirft.

Das könnte sich langfristig rächen: Solange der IS einzig auf Gewalt und Unterdrückung setzt, wird er sein Territorium nie effektiv kontrollieren oder auf die breite Unterstützung innerhalb der rund acht Millionen Menschen in den eroberten Gebieten setzen können.

IS-Terror in Syrien und im Irak
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Mehr als «nur» eine Terror-Organisation Gemeinhin wird der IS als Terror-Organisation oder Terror-Miliz bezeichnet. Die Begriffserklärung, was der IS genau ist, ist in der Forschung aber noch nicht abgeschlossen. «Der IS etabliert so etwas wie einen eigenen Staat. Das ist keine Kennzeichnung von Terrorismus», sagt Christian Tuschhoff, Experte für Internationale Politik an der Freien Universität Berlin, im Gespräch mit 20 Minuten.

Terroristen führten Attacken gegen die eigene oder eine ausländische Bevölkerung, um mit ihrer Anschlagspolitik eigene politische Ansprüche zu erzwingen. «Sie handeln immer aus einer Position der Schwäche heraus, gehören vorwiegend einer Minderheit an, stehen also in einem asymmetrischen Verhältnis zu anderen Akteuren und Gruppen.» Für Tuschhoff ist der IS daher eher «eine Art bewaffnete Guerillabewegung», die Kontrolle über Territorien und Bevölkerungen übernommen hat. Dazu kommt, dass der IS in zwei sogenannten gescheiterten Staaten – im bürgerkriegsversehrten Syrien und im nie zur Ruhe gekommenen Irak – Fuss fassen konnte. Auch das sei typisch für Guerillabewegungen.

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Eckpunkte zum «Islamischen Staat»

  • Die IS-Guerilla-Armee: Anfang Jahr gingen US-Analysten noch von rund 10’000 IS-Kämpfern aus. Heute sollen es bis zu 40’000 sein.
  • So viel Einwohner wie die Schweiz: Zwei Monate nach der Errichtung des sogenannten Kalifats im Sommer 2014 ist das von IS eroberte Gebiet mit seinem Zentrum Rakka grösser als das Vereinigte Königreich. Mit rund acht Millionen leben dort so viele Menschen wie in der Schweiz.
  • Vereint im Hass: Das im Sommer 2014 ausgerufene Kalifat hat die politische Landkarte verändert. Es lockt Sunniten aus der ganzen Welt an. Ihr gemeinsamer Nenner: der Hass auf Andersgläubige, auf Schiiten und Christen. Sunniten der verschiedensten Richtungen haben sich dem IS angeschlossen: ehemalige baathistische Funktionäre, Stammesälteste, Muslime aus dem Westen.
  • Das Ziel: Das grenzüberschreitende Kalifat soll erst der Anfang sein: IS will gewaltsam einen sunnitischen Gottesstaat aufbauen, der nicht nur Syrien und den Irak, sondern auch den Libanon, Israel und Jordanien umfasst. Im «Islamischen Staat» gelten die Gesetze der Scharia: Frauen werden unter Todesdrohungen gezwungen, einen Schleier zu tragen. Andersgläubige, auch Muslime, werden vertrieben oder müssen «Schutzgeld» zahlen.

Namens-Wirrwarr einer Terrormiliz

  • Al-Kaida im Irak: Ab 2004, Ableger der al-Kaida. Diese Terrororganisation sollte im Februar 2014 alle Verbindungen zu IS kappen.
  • ISIL oder ISIS: Ab April 2013. ISIL bedeutet «Islamischer Staat im Irak und in der Levante». Ein Synonym ist ISIS («Islamischer Staat im Irak und in Syrien»). Zur Levante gehören Syrien, Jordanien, Israel, Palästina, Libanon, Zypern und Gebiete in der Südtürkei.
  • IS: Ab 29. Juni 2014 nennt sich die Terrormiliz «Islamischer Staat». Der IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi rief ein «Kalifat» aus. Bagdadi selbst nennt sich seither «Kalif Ibrahim».

Neuer Terror oder nichts Neues seit 9/11?

1Der IS: Ein Unfall der Geschichte? 3Die IS-Kämpfer nah und fern 4Wieso ziehen Europäer in den Dschihad? 5Was, wenn sie zurückkommen? 6Die Zukunft des «Islamischen Staats»

Die Terrormiliz IS weckt Ängste. So wie es die erste transnationale Terrorvereinigung al-Kaida vor über zehn Jahren tat. Während die al-Kaida mit dem Tod Osama Bin Ladens 2011 ihren charismatischen Anführer und mit dem Arabischen Frühling auch an Einfluss verlor, erstarkten andere islamistische Gruppierungen und Netzwerke.

Dazu gehört auch der IS: Seit 2003 als Filiale der al-Kaida im Irak aktiv, erhielt die Gruppierung im syrischen Bürgerkrieg so viel Macht, dass sie sogar einen eigenen «Staat» ausrufen konnte. Führt der IS weiter, was al-Kaida mit den Anschlägen auf das World Trade Center begonnen hat? Oder kommt eine ganz neue Ära des Terrors auf uns zu? Ein Interview mit Terrorexperte Lorenzo Vidino.

«Statt wie die al-Kaida im Geheimen zu operieren, agiert der IS als ganz und gar nicht geheime Armee.»

Herr Vidino, ist der «Islamische Staat» mit seinem Kalifat ein neues Phänomen oder eine Weiterführung des Terrors, wie wir ihn von al-Kaida kennen?
Klar Letzteres. Der IS ist ein kleiner Teil einer islamischen Bewegung, die es seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt. Seit den 1970ern ist diese Bewegung gewachsen und hat dschihadistische Züge angenommen. Die Ausformung der Organisation von al-Kaida könnte man als einen Höhepunkt in dieser Bewegung sehen. Der IS hat sich darin als dschihadistisch-salafistische Organisation entwickelt, welche wie einst al-Kaida mit Gewalt und Enthauptungen Schlagzeilen macht. Der grosse Unterschied zur al-Kaida: IS wendet andere militärische Taktiken an. Statt wie die Kaida mit terroristischen Zellen im Geheimen zu operieren, agiert der IS mittlerweile als ganz und gar nicht geheime Armee.

Wie war und ist das Verhältnis des IS zu al-Kaida?
Der IS war eine al-Kaida-Untergruppe. Sie operierte vor rund zehn Jahren im Irak unter immer wieder ändernden Namen. Bereits 2006 traten Spannungen auf, denn Mitglieder des heutigen IS wollten sich nicht dem al-Kaida-Chef Osama Bin Laden unterordnen. Dabei ging es nicht um Unterschiede in der dschihadistischen Ideologie. Es ging allein um Macht in der Region. Um 2010/2011 herum verlor die damalige «al-Kaida im Irak», der heutige IS, an Einfluss. Man richtete sich auf Syrien aus und machte sich die Wirren des Bürgerkrieges zunutze. Mittlerweile operiert IS zwischen zwei so genannten «Failed States», Syrien und Irak. Mit dem Erfolg in diesen Gebieten kam es zur offiziellen Abspaltung von al-Kaida. Das war um 2013/14 herum, als es Zwist nicht nur zwischen IS und al-Kaida gab, sondern auch zwischen den einzelnen Gruppierungen wie der al-Nusra-Front und dem IS.

Die IS-Fahne

Schwächt der Konkurrenzkampf untereinander die einzelnen Gruppierungen?
Nicht unbedingt. So gibt es heute Gerüchte, wonach diese salafistisch-islamistischen Gruppen in Syrien über eine neue Allianz in der globalen dschihadistischen Bewegung nachdenken. Das ergibt ja Sinn, denn trotz interner Machtkämpfe haben sie die gleichen Visionen und Ziele.
(Update d. Red.: Der IS und der Al-Kaida-Ableger in Syrien, die al-Nusra-Front, wollen in Syrien künftig zusammenarbeiten, hiess es am 13. November. Terroranalysten haben für einen solchen Beschluss jedoch keine handfesten Beweise gefunden. Sie vermuten, dass syrische Rebellen dieses Gerücht streuten, um mehr westliche Unterstützung im Kampf gegen den syrischen Machthaber Assad zu erhalten.)

Was sind die Ziele einer solchen neuen Terror-Allianz?
Mit der Vereinigung aller dschihadistischen Kräfte in Syrien soll das Assad-Regime abgesetzt werden. Dazu soll die säkulare Opposition zerstört und die alawitische und christliche Minderheit vertrieben werden. Was folgt, ist die Errichtung eines am Salafismus orientierten sunnitischen Islamischen Staates in Syrien und letztlich ein Kalifat. Dieses soll bis an die östliche Mittelmeerküste reichen.

Lorenzo Vidino Der aus Mailand stammende Terrorexperte spezialisiert sich auf Themen wie Islamismus und politische Gewalt in Europa und Nordamerika. Er forschte am Zentrum für internationale Sicherheit an der ETH, lehrte an verschiedenen amerikanischen Universitäten und ist bei namhaften internationalen Think-Tanks tätig.

Die IS-Kämpfer nah und fern

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Terror im Salafistengewand

  • Islam ist nicht gleich Islam: In der zweitgrössten Religion haben sich viele verschiedene Gruppen herausgebildet, die sich in ihren Praktiken zum Teil erheblich unterscheiden. Es gibt zwei Hauptströmungen: Die Mehrheit der Muslime sind Sunniten. Diese sehen allein die Worte und Taten des Propheten Mohammed als verbindlich an. Für Schiiten sind zusätzlich die Ansichten von Mohammeds Schwiegersohn Ali massgeblich, den sie als den Nachfolger des Propheten ansehen.
  • Wie in allen Religionen gibt es auch im Islam ultrakonservative Strömungen: etwa den religiös-fundamentalistischen Salafismus. Salafisten sehen sich als einzig wahre Gläubige und streben eine geistige Rückbesinnung auf die «Altvorderen» (arab. Salaf «der Vorfahre») an.
  • Nicht alle Salafisten sind gewaltbereit. Dennoch ist das salafistische Gedankengut Nährboden für die Rekrutierung von Dschihadisten: Dschihadistische Salafisten propagieren den gewaltsamen Aufbau und die globale Ausdehnung eines islamischen Staates, feiern den «Kampf gegen alle Ungläubigen» und rufen zum Leben im so genannten Kalifat auf, das der IS in Syrien und Irak ausgerufen hat.
  • Der Bürgerkrieg in Syrien hat in Europa stark zum Wachstum der dschihadistisch-salafistischen Szene beigetragen. Fast alle islamistischen Terrorstrukturen entwickelten sich aus dem salafistischen Milieu heraus.
  • Schweizer Salafisten stehen im regen Austausch mit der deutschen Salafisten-Szene, wie sich auch beim Islamischen Zentralrat Schweiz in der Auswahl seiner radikalislamischen Gastredner zeigt. In der Schweiz sind radikale Salafisten vor allem in Bern, Zürich und Basel aktiv. Zahlen über diese Szene gibt es bislang keine. In Deutschland sieht der Verfassungsschutz einen klaren Zusammenhang zwischen der erhöhten Rekrutierung von Jugendlichen für den syrisch-irakischen Krieg und der deutschen Salafistenszene mit ihren Predigern und Gratis-Koranverteilern. Auch für die Schweiz gibt es dafür Anhaltspunkte. «Wir untersuchen das noch», sagt Jean-Paul Rouiller vom Genfer Terrorzentrum (GCTAT) zu 20 Minuten.
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Der IS hat Sympathisanten auf der ganzen Welt. Und er rekrutiert so viele Kämpfer wie noch keine islamistische Gruppierung vor ihm. über 15’000 ausländische Anhänger aus über 80 Ländern kämpfen für den IS, heisst es in einem UNO-Bericht von Anfang November.

Seit Ausrufung des sogenannten Kalifats ist die Zahl der ausländischen Kämpfer zusätzlich gestiegen: Heute sollen über 100 IS-Anhänger aus aller Welt dazustossen – pro Monat.

«Die Mehrheit der ausländischen Kämpfer kommt aus den arabischen Ländern. Was sie mit den IS-Anhängern aus westlichen Ländern gemeinsam haben, ist das tiefe Alter» sagt Terrorexperte Lorenzo Vidino zu 20 Minuten. Oft kommt Arbeitslosigkeit hinzu: «Denken wir etwa an Tunesien, von wo gemessen an der Bevölkerung überproportional viele IS-Anhänger stammen. Das liegt sicher auch an der hohen Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit seit dem Sturz des Machthabers Ben Ali. Oder an den Jemen, eines der weltweit ärmsten Länder.» Die Arbeitslosigkeit muss kein Merkmal sein: «Die IS-Anhänger aus Saudi Arabien etwa führten sicher ein eher komfortables Leben und kommen aus höheren Schichten.»

über 3000 IS-Kämpfer aus dem Westen «Die grosse Anzahl der Rekrutierten ist für Europa neu. Sie reflektiert natürlich die wachsende Zahl der Muslime in Europa. Zum Vergleich: Bei der US-Invasion des Iraks vor zehn Jahren kämpften dort rund 400 Kämpfer aus dem Westen», sagt Terrorexperte Vidino. Insgesamt kämpfen heute mehr Westler in Syrien und im Irak als in allen dschihadistischen Kriegen zuvor, von Afghanistan bis Somalia.

«Es zeigt sich, dass die jüngeren Radikal-Islamisten aus dem Westen sich dem IS anschliessen und die älteren eher Gruppierungen wie der al-Nusra-Gruppierung oder anderen lokalen al-Kaida-Filialen», sagt Jean Paul Rouiller vom Genfer Terrorzentrum (GCTAT) zu 20 Minuten.

Die Mehrheit der Kämpfer aus Europa ist gemäss Europol zwischen 20 und 30 Jahre alt. Eine Alters-Untergrenze gibt es nicht: Aus Belgien zog ein 13-Jähriger in den Dschihad, in Deutschland sorgte eine 16-jährige Gymnasiastin aus Konstanz für Aufsehen und in Österreich machten eine 16- und eine 17-Jährige Schlagzeilen.

Europäische Dschihadisten

Die 4 Dschihadisten-M Männlich, muslimisch, Migrationshintergrund, Misserfolge: Gerade in Europa fühlen sich Jugendliche von der IS-Propaganda angesprochen, auf welche diese «vier M» zutreffen können – aber nicht müssen. «Es gibt kein einheitliches Profil der Dschihad-Reisenden, das ist ein Unterschied zu den Anhängern von al-Kaida», sagt Will Van Gemert, stellvertretender Direktor der europäischen Polizeibehörde Europol zu 20 Minuten. «Leute aller Altersklassen und Schichten können mit IS sympathisieren.»

Das sieht man sehr schön am Beispiel Schweiz. «Der Sohn eines Rektors der Universität begeistert sich genauso für IS wie ein eingebürgerter Kosovare, der ein Vorstrafenregister hatte», sagt Terrorexperte Roullier zu 20 Minuten.

Secondos und Konvertiten «Vor zehn Jahren waren es Immigranten, also Muslime der ersten Generation, die gegen die Invasion im Irak kämpften. Heute sind es deren Kinder, also vor allem Secondos, die nach Syrien reisen. Auch so kommen die demografischen Änderungen in Europa zum Ausdruck», sagt Terrorexperte Vidino. Interessant: Ungefähr 25 Prozent aller Dschihad-Reisenden aus dem Westen sind Konvertiten mit Verbindungen in die salafistische Szene. Somit stammt ein grosser Teil der IS-Dschihadisten ursprünglich nicht aus der muslimischen Kultur.

Schweizer IS-Söldner Zwischen 2001 und September 2014 hat der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) 55 dschihadistisch motivierte Ausreisen verzeichnet. Innert eineinhalb Jahren hat sich gemäss NDB die Anzahl Dschihadisten-Ausreisen fast verdreifacht. Bis Mai 2013 hatte der NDB rund 20 registriert. 18 mutmassliche Dschihad-Kämpfer aus der Schweiz sind mittlerweile zurückgekehrt.

Der Grossteil der Gruppe aus der Schweiz hat Migrationshintergrund (Länder Ex-Jugoslawiens, Nordafrika, Naher Osten), ist unter Dreissig, besitzt nur eine beschränkte Aufenthaltsbewilligung. Wie hoch der Anteil von Schweizer Konvertiten unter den Dschihadreisenden ist, steht noch nicht fest. Anfangs kamen die meisten der jugendlichen IS-Anhänger aus der Romandie.

«Das hat sich mittlerweile ausgeglichen. Die Rekrutierung in der Deutschschweiz hat sich in der jüngsten Zeit intensiviert», sagt Rouiller vom GCTAT. Das liege daran, dass bei Polizeiaktionen in Belgien und Frankreich auch Netzwerke in der Romandie neutralisiert wurden. «In der Deutschschweiz sind radikalislamistische Netzwerke immer noch aktiv – es haben sogar noch neue Filialen eröffnet.»

Frauen und Mädchen beim IS

Rund 10 Prozent der im Westen Rekrutierten sollen Frauen sein. Aus Europa sollen schätzungsweise 200 Frauen in den syrischen Bürgerkrieg gezogen sein, schätzt Katherine Brown, Terrorexpertin am Londoner King's College.

«In Europa haben noch nie so viele Frauen und Mädchen mit einer Terrororganisation sympathisiert und sich ihr angeschlossen wie beim IS – das ist neu», sagt Wil Van Gemert von der Polizeibehörde Europol zu 20 Minuten. «Auch 2006 reisten Frauen aus Europa nach Pakistan oder Afghanistan, weil sie die Vision einer islamischen Gesellschaft hatten. Es gab dort etwa eine Kolonie mit rund hundert deutschen Dschihadisten, die ihre Frauen und Familien nachziehen liessen», relativiert Terrorexperte Vidino.

Für diese Entscheidung der Frauen gibt Terrorexpertin Brown mehrere Gründe an. Die IS-Herrschaft werde romantisch verklärt. Dazu tragen auch die kritischen politischen Debatten über den Islam in Europa bei, durch den sich viele Muslime ausgegrenzt fühlen. Einige Musliminnen wollten sich bewusst als Frauen für das selbsternannte Kalifat einsetzen: «Sie wollen Teil von etwas Neuem sein – als Mütter des Staates und als Frauen der Kämpfer.»

Welche Rolle spielen die westlichen Dschihadisten im IS-Kalifat?

Einmal im so genannten Kalifat angekommen – und darauf zielt die IS-Propaganda in erster Linie ab – übernehmen die Neuankömmlinge drei Aufgaben:

  • Die Qualifikationen nutzen: «Wenn ein Dschihadist in Deutschland Mechaniker war, dann setzt der IS dieses Know-how für seine Zwecke ein», sagt Terrorexperte Peter Neumann vom Internationalen Zentrum zur Erforschung von Radikalisierung und politischer Gewalt (ICSR) im Deutschlandfunk.
  • Propaganda des IS weitergeben: «Die gesamte westliche Propaganda des IS ist von Auslandskämpfern produziert», so Neumann.
  • Die dreckige Arbeit erledigen: «Wenn die Ausländer weder für das Erste noch für das Zweite von Nutzen sind, dann werden sie natürlich für besonders brutale Attacken verwendet – für Folter, für Selbstmordanschläge, für Enthauptungen», sagt Neumann. Viele Syrer verweigerten etwa die Beteiligung an den sehr brutalen Aktionen, weil sie sagen, das hat mit unserem Islam, wie wir ihn praktiziert haben, nichts zu tun. Das wüssten die Westler aber nicht. Denen werde gesagt, das sei hier so üblich. Die Folge ist eine Brutalisierung des Krieges: «Das ist das Problematische an diesen Auslandskämpfern. Sie machen diesen Konflikt schlimmer. Sie machen diesen Konflikt sektiererischer. Sie machen diesen Konflikt brutaler und deswegen haben sie einen sehr, sehr negativen Einfluss.»

Wieso ziehen Europäer in den Dschihad?

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Abgetrennte Köpfe, oft öffentlich ausgestellt, Berge von Leichen, vergewaltigte Frauen – derlei Gräuel sind in den Gebieten zu sehen, die von IS-Kämpfern erobert werden. Solche Bilder müssten jeden abschrecken, aber das tun sie nicht.

Im Gegenteil. In Syrien und im Irak kämpfen mittlerweile so viele junge westliche Islamisten wie in allen bisherigen dschihadistischen Kriegen zusammen. Doch warum ziehen im Westen sozialisierte Jugendliche in einen Krieg, der sie eigentlich nicht betrifft?

«Syrien ist leicht erreichbar, ganz anders als Somalia, Tschetschenien oder Afghanistan, wo man nur unter grossen Mühen und nur aufgrund von Kontakten vor Ort hingelangen konnte», sagt Terrorexperte Vidino zu 20 Minuten. Sicher, der Gang in den sogenannten Dschihad ist einfach geworden: Für einige hundert Franken fliegt man in die Türkei – die deutsche Islamistenszene nennt diese Flüge «Dschihad-Express» – und nimmt den Bus über die syrische Grenze. Die erleichterte Zugänglichkeit mag ein Grund sein, sich den IS-Reihen anzuschliessen, eine Erklärung aber ist es nicht.

Überschuss an jungen MännernEs gibt mehrere Erklärungsansätze, wieso junge Europäer in das syrisch-irakische Kriegsgebiet reisen. Einen Denkanstoss gibt auch der Soziologe Gunnar Heinsohn: Der Überschuss an jungen Männern ist der Grund für den Konflikt im Nahen Osten – und auch dafür, dass diese Junge sich einer Organisation wie dem IS anschliessen: «Mindestens ein Drittel der männlichen Bevölkerung in den arabischen Ländern ist 15 bis 29 Jahre alt. Auf zehn Alte, die eine Position freimachen, kommen 30 bis 60 Junge, die nach oben wollen. So wenden sich viele von der eigenen Perspektivlosigkeit ab und extremistischen Gruppen zu.»

Anteil der 19- bis 25-Jährigen an der Gesamtbevölkerung

Das gelte insofern auch für Europa, als dass sich hier in den Sozialhilfesektoren ein ähnlicher Jugendüberschuss (Youth Bulge) abzeichne, so Soziologe Heinsohn weiter: «Das männliche deutsche Durchschnittsalter liegt bei 46, im Hartz-IV-Sektor bei 26 Jahren. In Frankreich oder Grossbritannien, wo noch mehr Dschihadisten herstammen, sieht es ähnlich aus: Im Sozialhilfesektor dieser Länder gibt es einen überschuss an schlecht ausgebildeten jungen Männern.»

Zum Gespräch mit dem umstrittenen Soziologen Gunnar Heinsohn gehts hier:

Weitere Ansätze, die erklären, warum Europäer in den Dschihad ziehen:

Von humanitären Helfern zu ideologischen MördernViele reisten 2012 und 2013 aus altruistischen Gründen in den syrischen Bürgerkrieg. «Man sah die humanitäre Krise in Syrien, man wollte helfen. Da waren natürlich von Anfang an schon recht ideologische Typen dabei, aber das waren nicht alle», sagt Terrorexperte Neumann.

Mit dem unheimlichen Erfolg des IS wuchs die ideologische Motivation hinter den Reisen. Das durch brutalste Eroberungen errichtete «Kalifat» in Syrien und im Irak steht jetzt im Mittelpunkt: als ideologisches Projekt für jene, die an die Ideologie des IS glauben.

Dschihad-Lagerfeuer-RomantikEin weiteres Reisemotiv: Vom vermeintlich sinnentleerten Leben im Westen hinein ins Abenteuer und die Ausbildung zum «Gotteskrieger» als eine Art Pfadilager mit Paradies-Garantie.

Dazu suggeriert die IS-Propaganda den jungen Männern, sie würden mit dem Aufbau eines Kalifats an einem «historischen Projekt» mitwirken, das die Weltgeschichte nachhaltig beeinflussen könnte. Sie zelebriert die Zusammengehörigkeit und die Möglichkeit, in der Schlacht gegen Assad und die anderen «Ungläubigen» zum Helden zu werden.

«Der IS verkauft sich als Kämpfer für die Gerechtigkeit, der den Islam auf moralische Art und Weise verkörpern will. Er predigt, der Westen sei moralisch verwerflich und ungerecht», sagt der palästinensisch-israelische Islamismus-Experte Ahmad Mansour im Interview mit 20 Minuten. «Was für eine Doppelmoral! Schaut man sich den IS und seine Ideologie genauer an, wird klar: IS-Anhänger predigen zwar Gerechtigkeit – doch in den Gebieten, in denen er herrscht, werden Andersdenkende getötet, Frauen vergewaltigt, Ehen erzwungen und Jugendliche ausgenützt.»

«Der Gotteskrieg als eine Art Pfadilager mit Paradies-Garantie.»

«Pop-Dschihadisten»:Gefährliche Jugendkultur in EuropaMilitanter Islam ist «cool». Längst hat sich in Europa eine Form von Jugendkultur ausgebildet, die von militanten Islamisten schwärmt. Eine islamische Gegenkultur zur westlichen Gesellschaft: Radikale Prediger werden verehrt wie Popstars und die Symbole nicht nur von IS, sondern auch von Terrorgruppen wie al-Kaida haben Kultstatus.

Islamismus-Experte Mansour spricht dabei von «Pop-Dschihadisten». Diese Bezeichnung soll nichts verniedlichen: «Salafismus, Islamismus sind seit einigen Jahren zu einer Jugendkultur geworden. Das ist nicht einfach eine Protestbewegung gegen die Mehrheitsgesellschaft oder die Eltern», sagt Mansour. «Das ist eine sehr gefährliche Bewegung mit einer ausschliessenden, faschistischen Ideologie und verlockenden Jugendkultursymbolen.»

Der Einstieg in diese Szene erfolgt meist in der Jugend, das durchschnittliche Alter liegt schon bei 16 bis 19 Jahren. Diese Nachwuchs-Dschihadisten haben eine starke Neigung, ihre radikalen Gedanken in die Tat umzusetzen.

Islamismus als Jugendkultur: Anhänger des radikal-islamischen Predigers Pierre Vogel.

Radikalisiert werden die jungen Europäer über das Internet. Nebst Politpropaganda locken brutale Animationsfilme und Kampfgesänge: IS ruft die «einzig wahren Muslime» auf, die goldene ära des Dschihad nicht zu verpassen, für das sogenannte Kalifat bis hin zum Mittelmeer zu kämpfen. Es ist Gehirnwäsche wie in einer Sekte.

Aber auch Freunde aus der islamischen Gegenkultur spielen eine grosse Rolle bei der Radikalisierung – und salafistische Gratis-Koran-Verteiler. In Deutschland alarmierte die umstrittene Koran-Verteilaktion «Lies!» schon vor Jahren den Verfassungsschutz: Salafisten benützen den Koran dabei als Vehikel, um für ihre radikale Auffassung des Islam zu werben. Heute warnt die Behörde: Jeder fünfte nach Syrien und in den Irak Ausgereiste radikalisierte sich durch dieses Projekt. Auch an der Zürcher Bahnhofstrasse sollen Salafisten im Namen dieser Aktion den Koran verteilen.



Die ARD-Sendung «extra 3» macht sich über Hooligans wie Salafisten gleichermassen lustig.
(Quelle: YouTube/extra 3)

Gleiche Gesellschaft, andere Welt Fest steht: Am Ende der Radikalisierung steht die komplette Abwendung von den Werten der Gesellschaft, in der die Jugendlichen aufwuchsen. Woher kommt dieser Hass auf den Westen? «Die Frage ist nicht so sehr, warum hassen sie die westliche Gesellschaft, sondern warum fühlen sie sich hier nicht zuhause?», sagt Terrorexperte Peter Neumann.

Als wichtige Faktoren nennt Islamismus-Experte Ahmad Mansour: eine altersbedingte Orientierungslosigkeit, familiäre Konstellationen sowie die Suche nach Werten, Gemeinschaft und vermeintlicher Gerechtigkeit. Die grosse Mehrheit der Jugendlichen mit Dschihad-Ambitionen fühle sich als Versager, als Outsider und schwarzes Schaf der Gesellschaft. «Dieses Gefühl entfremdet sie von der Welt.»

Derlei Erklärungen fegt die «Weltwoche» als «Therapeutismus westlicher Intellektueller» vom Tisch: «Die Dschihadisten töten nicht, weil sie wütend sind oder gekränkt. Sie töten, weil sie können.» Ein wenig erkenntnisfördernder Ansatz. Er blendet aus, dass die Radikalisierung der Jungen daheim beginnt. Und er ignoriert, dass die westlichen Dschihadisten zu einer islamistischen Jugendbewegung gehören, welche Sinnfragen beantwortet, die ohnehin Teil der Adoleszenz sind: Sie bindet jene ein, die sich nicht eingebunden fühlen und schafft Sicherheit, indem sie die überlegenheit des Islam über alle westlichen Werte stellt. Nebenbei: Angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Europa muss sich niemand wundern, dass Jugendliche in existentiellen Sinnfragen versinken und sich zunehmend chancenlos wähnen.

Muslime in Europa: Zahlen und Fakten

«Die Dschihad-Kämpfer sehen die Vorteile nicht, die sie in westlichen Gesellschaften haben», sagt auch der Politologe Christian Tuschhoff. Er verweist auf die Demokratisierungstheorie. Demnach muss eine Bürgerschicht entstehen. Sie trägt die Demokratie, weil sie von ihr profitiert. «Aber junge Leute, die schlecht in der Schule sind, keinen Ausbildungsplatz erhalten, auch ausgegrenzt werden, sind eben keine Träger der Demokratie», sagt Tuschhoff. «Sie haben im Gegenteil nichts zu verlieren. Modernisierung oder Demokratie haben für sie keinen Wert. Es ist uns nicht gelungen, sie einzubinden. Sie leben in derselben Gesellschaft, aber in einer anderen Welt.»

Allerdings erschwere die muslimische Gemeinschaft selbst eine Integration: «Muslime bieten westlichen Staaten oft keine Ansprechpartner. So sind etwa in Deutschland nur fünf Prozent der Muslime in Verbänden organisiert. Das macht sie schwer einbindbar», sagt Tuschhoff.

Der IS gehört zum Islam

Je grauenhafter die Taten des IS und seiner Anhänger, desto stärker geraten Muslime unter Generalverdacht. Auch in der Schweiz, wo hier aufgewachsene junge Muslime als «Terroristen» beschimpft werden. Denn der Islam, so denken nicht wenige, ist eine an sich aggressive Religion und der IS mit seinem Weltherrschaftsanspruch ein Ausdruck davon.

Wasser auf diese Mühlen sind Koranpassagen wie «Tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet» (Sure 9,5). Daraus leiten nicht nur das Heer von Hobbyislamkritikern, sondern auch die Dschihadisten selbst ab, dass der Islam eine kriegerische Religion sei.

Im Koran steht aber auch: «Es gibt keinen Zwang im Glauben» (Sure 2, 256). Auf diesen Vers beriefen sich etwa die 126 muslimischen Gelehrten, die Ende September in einem offenen Brief an den IS-Chef Abu Bakr al-Baghadi das Vorgehen seiner Terrortruppe verurteilten. Ein Klassiker in der Islamdebatte, der wiederum auf eine friedliche Religion schliessen lässt.

Je nachdem, was gesucht wird, ob martialisch oder friedlich, man findet im Koran die passende Stelle. Oder wie die deutsche «Tageszeitung» treffend schreibt: «Religion ist immer Interpretation und immer das, was die Gläubigen daraus machen». Dazu gehört auch der Dschihadismus und die gestörte IS-Ideologie.

«Religion ist immer das, was die Gläubigen daraus machen.»

Grundsätzlich sollten wir nicht von «dem Islam» sprechen. Islamismus-Experte Ahmad Mansour: «Es gibt unterschiedliche Interpretationen und es gibt viele Muslime, die ihre Religion ganz anders leben, als es die Vertreter irgendwelcher islamischer Verbände vorschreiben.»

Allerdings: «Bestimmte Inhalte des Mainstream-Islamverständnisses begünstigen die Radikalisierung und führten dazu, dass Jugendliche für IS ansprechbar werden», hebt Mansour hervor. Es reiche deswegen nicht aus, wenn Muslime aus aller Welt gebetsmühlehaft wiederholten, dass der «Islamische Staat» und sein Terror mit Islam nichts zu tun hätten. Mansour fordert vielmehr eine vertiefte innermuslimische Auseinandersetzung mit dem Thema – und eine zeitgemässe Interpretation des Islam, gerade auch innerhalb der muslimischen Verbände und Organisationen.

«Was hilft es, wenn sich jemand vom IS distanziert, aber zugleich alle kritischen Stimmen diffamiert, die in Bezug auf den Islam anders denken und Neuerungen fordern?» Denn einige muslimische Verbände in Europa spielen laut Mansour ein gefährliches Spiel: «Auf der einen Seite geben sie sich als Partner des Staates und wollen den Islam repräsentieren. Auf der anderen Seite sind sie nicht bereit, Inhalte in Frage zu stellen, die in Moscheen, in den Familien und Verbänden weit verbreitet sind und die Islamismus und Radikalisierung begünstigen können.»

Zum Gespräch mit dem Islamismus-Experten Ahmad Mansour gehts hier:

Was, wenn sie nach hause kommen?

1Der IS: Ein Unfall der Geschichte? 2Neuer Terror oder nichts Neues seit 9/11? 3Die IS-Kämpfer nah und fern 4Wieso ziehen Europäer in den Dschihad? 6Die Zukunft des «Islamischen Staats»

Die Rückkehrer aus dem Kriegsgebiet machen dem Westen Sorgen. Eine erste Welle von ihnen ist bereits wieder daheim. Etwa Mehdi Nemmouche: Der Franzose kehrte im April aus Syrien zurück, im Mai erschoss er in Brüssel vier Zivilisten. Auch in der Schweiz sollen gemäss Nachrichtendienst bereits wieder bis zu 16 Dschihadreisende heimgekehrt sein.

Einer von neun Dschihadisten trage sich bei seiner Rückkehr mit Anschlagsplänen, schreibt der Terrorexperte Thomas Hegghammer in einer Studie. Hochgerechnet auf die rund 3000 westlichen Dschihadreisenden hiesse das, dass 330 Heimkehrer Anschläge planen könnten.

«Ich weiss nicht, was ich von solchen Zahlen halten soll, denn das ist statistisch schwer zu erfassen. Wie auch immer die Zahlen genau aussehen – es ist eine Minderheit, die Anschläge im Westen plant», sagt Jean-Paul Rouiller vom Genfer Terrorzentrum GCTAT zu 20 Minuten. «Sechs von zehn Dschihad-Reisenden kommen nicht mehr zurück. Sie sind tot oder in Ausbildungslagern in Afghanistan, Jemen und Somalia. Von den vier, die mit grosser Wahrscheinlichkeit noch spezialisierter heimkehren, trägt sich mehr als einer mit Anschlagsplänen.»

Anschlag eines Rückkehrers in Brüssel

Bestrafen und betreuen Alle Dschihadisten, die nach Europa zurückkommen, sind psychisch geschädigt. Wie sollen wir mit den Rückkehrern umgehen? Terrorexperte Rouiller: «Das ist keine einfache Frage. Es ist schwer abzuklären, wer was in Syrien getan hat. Sicher müssen die bestraft werden, die sich lange in Syrien aufhielten. Und sicher müssen die Rückkehrer psychologisch betreut und begleitet werden.»

Viele westliche Dschihad-Rückkehrer sind Digital Natives, die jetzt auch Erfahrung auf dem Schlachtfeld gesammelt haben. Sie könnten zuhause sowohl Rekrutierungspropaganda betreiben als auch mit Waffen oder Sprengstoff umgehen. Entsprechend könnte ein kleiner Teil von ihnen riesige Auswirkungen in ihren jeweiligen Heimatländern haben. Kaum ein Land hat ausreichend nachrichtendienstliche Ressourcen, um Rückkehrer flächendeckend zu überwachen. «Wenn nicht morgen, so muss Europa doch in ein paar Jahren mit islamistischen Terroranschlägen rechnen», sagt Terrorexperte Lorenzo Vidino.

Zum Gespräch mit Lorenzo Vidino gehts hier:

«Ein Albtraum für die Sicherheitsbehörden»

Das gilt auch für die Schweiz: «Ich gehe davon aus, dass die, die zurückkommen, auch Anschläge in der Schweiz vorhaben. Die Schweiz kann immer spontanes Ziel sein», sagt Rouiller vom GCTAT. «Das Land muss seine Sicherheit entsprechend anpassen. Denn wegen der noch nie da gewesenen Anzahl westlicher Kämpfer und des nach wie vor ungebrochenen Reisetrends werden mehr zurückkommen als je zuvor.»

«In nächster Zeit werden nicht weniger Menschen aus der Schweiz in den Dschihad ziehen.»

Die Social-Media-Aktivitäten von IS-Anhängern legten nahe, dass zumindest in nächster Zeit nicht weniger Menschen aus der Schweiz und anderen westlichen Ländern in die dschihadistischen Kriege in Syrien und im Irak ziehen würden. «Die Propaganda des IS wirkt immer noch anziehend, der IS rekrutiert weiterhin aktiv. Einmal beim IS angekommen, sollen die Kämpfer bleiben», sagt Terrorexperte Jean-Paul Roullier.

Die seit August durchgeführten Luftanschläge könnten allerdings eine Kursänderung bewirken. So hat der IS-Sprecher (Kampfname «Abu Mohammad al-Adnani», «Regierungsvertreter» im syrischen Teil des «Kalifats», siehe Infografik) die Anhänger Anfang Herbst aufgerufen, vorerst nicht mehr nach Syrien zu kommen. Stattdessen sollten die ausländischen IS-Anhänger in spontanen Aktionen Anschläge in ihren Heimatländern ins Auge fassen. «Damit erhöht IS den Druck auf die Herkunftsstaaten. Das ist natürlich ein Albtraum für die westlichen Sicherheitsbehörden», sagt Rouiller.

«Schweizer Dschihadisten-Task-Force» In der Schweiz hat das Phänomen dschihadistisch motivierter Reisen seit Anfang Jahr eine «noch nie dagewesene Dimension» erreicht, wie das Bundesamts für Polizei (Fedpol) Mitte November mitteilte. Darauf reagieren die Behörden jetzt mit einer neu gegründeten Task Force. Darin sind neben dem Fedpol auch der Nachrichtendienst, die Bundesanwaltschaft, das Departement für auswärtige Angelegenheiten, das Grenzwachtkorps, das Bundesamt für Migration und die Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten vertreten sind. Auch das Bundesamt für Justiz und die Flughafenpolizei Zürich beteiligen sich.

Primäres Ziel dieser Task Force ist es, Dschihad-Reisende an der Ausreise und an der Begehung von Straftaten in Konfliktgebieten zu hindern. In der Task Force tauschen die beteiligten Behörden ihre Informationen aus und koordinieren die Anstrengungen im Kampf gegen den Dschihad-Tourismus. Daneben hat die Gruppe den Auftrag, einen Massnahmenkatalog für die operativen Behörden zu erarbeiten. Damit ist die Schweiz im Vergleich zu den Nachbarländern spät dran: In Deutschland, Österreich, Frankreich gibt es längst staatliche Beratungs- und Anlaufstellen für besorgte Eltern und ihre gefährdeten Kinder.

Die Zukunft des «Islamischen Staats»

1Der IS: Ein Unfall der Geschichte? 2Neuer Terror oder nichts Neues seit 9/11? 3Die IS-Kämpfer nah und fern 4Wieso ziehen Europäer in den Dschihad? 5Was, wenn sie zurückkommen?

Geheimdienste und die Uno haben den Kampf gegen den IS hinter den Kulissen längst aufgenommen: In ihrem Visier stehen die Finanzquellen der Terrormiliz. Denn anders als die al-Kaida, die ihr Geld für Terroranschläge nutzte, braucht der IS viel Geld, um den Staatshaushalt in seinem «Kalifat» zu verwalten und seine Kämpfer zu bezahlen.

Dafür hat er mehrere zentrale Geldquellen. Dazu gehört, dass er die Bevölkerung in den eroberten Gebieten schröpft: Christen in Mosul etwa mussten Besitz und Vermögen dem IS übergeben, bevor sie fliehen durften. Diese lukrative Kriegsbeute sei einer der Gründe, wieso der IS gleichzeitig verschiedene Fronten öffnet und ständig neue Feldzüge beginnt, erklärt ein Politologe auf Spiegel Online.

Genauso wichtig sind die Erdölgeschäfte, mit denen sich der IS finanziert. Sie machen die Terrororganisation aber auch verwundbar. Ein Spezialisten-Team der Uno, das «Al Qaida/Taliban Monitoring Team», spürt Geschäftsleute und Millionäre aus Katar und Saudi-Arabien auf, die dem IS zum Beispiel beim Verkauf von Öl behilflich sind. Eine Namensliste soll noch im November dem Weltsicherheitsrat vorgelegt und Sanktionen gegen diese Terrorfinanciers eingeleitet werden: Deren Vermögen soll eingefroren und sie selbst mit internationalen Einreise- und Flugverboten belegt werden.

Dabei sind trockengelegte Geldquellen nicht das einzige Problem, das auf den IS zukommen dürfte: Seine Kämpfer haben in den eroberten Gebieten die Bauern vertrieben und die Getreidesilos konfiszierten. Viele Anbaufelder liegen mittlerweile brach. Die Uno befürchtet eine Hungersnot. Sollten die Geldströme nachlassen und dann auch keine Getreideimporte möglich sein, wird sich zeigen, «ob der IS mit seinen 40’000 Milizionären in der Lage ist, acht Millionen Sunniten unter Kontrolle zu halten», wie die «Welt» schreibt.

«Bagdadi lebt» Die nach wie vor unbestätigte Nachricht, wonach IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi bei einem US-Luftangriff getötet worden sei, führte zu Spekulationen, dass der IS am Ende sei. Das ist natürlich Quatsch, Nachfolger Bagdadis gibt es mehrere.

«Bagdadi lebt», ist der Nahostexperte Shashank Joshi vom Royal United Service Institute in London fast sicher. «Die Audioaufnahme, die der IS kurz nach den Todesmeldungen veröffentlichte, legt das nahe. Darauf ist zweifelsfrei Bagdadi zu hören. Er nimmt darin Bezug auf aktuelle Ereignisse, was darauf hinweist, dass die Aufnahme eben erst aufgezeichnet wurde», sagt Joshi zu 20 Minuten. Eine Garantie sei das natürlich nicht. Die irakische Armee, welche den Tod Bagdadis gemeldet hatte, sei natürlich an Erfolgsmeldungen interessiert.

IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi.

Ob mit oder ohne Bagdadi – in den kommenden sechs Monaten rechnet Joshi ohnehin nicht mit einer Schwächung des IS. «Im Irak kämpfen noch immer zu wenig Bodentruppen gegen den IS.» Mit substanzieller Verstärkung aus dem Westen ist vorerst nicht zu rechnen. Die USA schicken zu den 1600 Soldaten zwar weitere 1500 als «Berater» in den Irak. Doch das Irak-Debakel unter Barack Obamas Vorgänger steckt den Amerikanern zu tief in den Knochen, so dass US-Bodentruppen auf irakischem Boden illusorisch bleiben dürften.

In Syrien steht der Westen vor dem alten Dilemma: Wie soll man mit dem syrischen Diktator umgehen, der den Vormarsch der IS-Terrormilizen überhaupt erst ermöglicht hat? Zum einen ist Baschar al-Assad ein indirekter Verbündeter im Kampf gegen die Dschihadisten, zum anderen ist er der Feind der moderaten Rebellen. Und ein Sturz Assads würde die IS-Extremisten auf Kosten der gemässigten Kräfte eher stärken als schwächen.

«Zur pervertierten Untergrundgruppierung verkümmern» Und doch: Der IS dürfte auf dem Zenit seiner Macht angekommen sein, ist der britische Nahostexperte überzeugt: «Die Gruppierung wird den Einfluss über ihre Territorien langfristig nicht aufrechterhalten können. Auch rechnen wir mit Rissen und Rivalitäten innerhalb des IS. Und früher oder später dürfte auch der Widerstand der Sunniten und der Stammesführer gegen die Gewaltherrschaft des IS zunehmen.»

Ein kurzes Leben prognostiziert er entsprechend dem IS-Kalifat. «Mit dem Verlust an Territorium geht auch Glaubwürdigkeit und damit die weltweite Anziehung verloren.»

Unter der Voraussetzung, dass der IS langfristig keine militärischen Erfolge verbuchen kann, dürfte er früher oder später zur gleichen «pervertierten Untergrundgruppierung» verkümmern, die er im Irak einmal war.

Team

Autorin: Ann Guenter
Produktion,
red. Mitarbeit:
Katrin Moser
Umsetzung: Stefano Paccagnella
Infografik: Ethel Keller
Fotos: AFP, DPA, Keystone/AP

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