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Dschihad-Touristen

«Diese zornigen Jünglinge hungern nach Triumph»
Wieso reisen in Europa aufgewachsene Männer nach Syrien und in den Irak? Für Soziologe Gunnar Heinsohn liegt es an einem überschuss junger Männer und einer missbrauchten Religion.

Herr Heinsohn, wieso ziehen in Westeuropa sozialisierte junge Männer in den Dschihad nach Syrien und in den Irak?

Da geht vielleicht einer von tausend. Aber viel mehr spielen mit dem Gedanken. In den Kriegsgebieten gibt es einen überschuss an jungen Männern, wie Europa ihn bis 1915 auch hervorgebracht hat. Mindestens ein Drittel der männlichen Bevölkerung ist 15 bis 29 Jahre alt. Auf zehn Alte, die eine Position freimachen, kommen 30 bis 60 Junge, die nach oben wollen. So wenden sie sich von der eigenen Perspektivlosigkeit ab und extremistischen Gruppen zu. Diese zornigen Jünglinge hungern nicht nach Brot, sondern nach Triumph und Bedeutung.

Haben Sie ein Beispiel eines westeuropäischen jungen Mannes?

Etwa der Mörder des US-Journalisten James Foley. In Grossbritannien war Abdel-Majed Abdel Bary (23) ein zweitklassiger Rapper, der seinen ärger in Liedern ausdrückte. Doch in der Musik bewirkte sein Unmut nichts. In Syrien hingegen schon: Hier wurde er zum Henker und zum Herausforderer der US-Präsidenten. Schnell erreichte er Status, Privilegien und die Bewunderung potentieller Bräute.

Deutschland hat einen ausgeprägten Geburtenrückgang. Da gibt es keinen überschuss an jungen Männern. Und doch stammt ein relativ hoher Anteil der selbst ernannten Dschihadisten von dort. Wie passt das zusammen?

Richtig, gesamtgesellschaftlich kann man in Deutschland nicht von einem Youth Bulge (überschuss junger Männer, Anm. d. Red.) sprechen. Im Sozialhilfe-Sektor aber schon. Hier können die schlecht ausgebildeten Eltern um attraktive Positionen kaum konkurrieren. Sie nutzen aber die Option auf staatlich finanzierte Kinder, von denen viele selbst schulisch scheitern. Am meisten gewinnen dabei die Mädchen, die über das Gebären auch für sich Unterhalt gewinnen, während ihre Brüder ja nicht durch vermehrtes Zeugen zu Geld kommen können. Wenn sie die Minimalbildung hinter sich haben, fehlt ihnen die Kompetenz für sozialen Aufstieg. Das männliche deutsche Durchschnittsalter liegt bei 46, im Hartz-IV-Sektor bei 26 Jahren. In Frankreich oder Grossbritannien, wo noch mehr Dschihadisten herstammen, sieht es ähnlich aus: Im Sozialhilfe-Sektor dieser Länder gibt es einen überschuss an schlecht ausgebildeten jungen Männern.

Gunnar Heinsohn Der ursprünglich in Polen geborene Heinsohn ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe sowie emeritierter Professor für Sozialpädagogik an der Universität Bremen.
2003 publizierte Heinsohn «Söhne und Weltmacht. Terror im Aufstieg und Fall der Nationen». Darin geht er von der These aus, dass es bei einem starken Ungleichgewicht zwischen karrieresuchenden jungen Männern und verfügbaren gesellschaftlichen Positionen zu Konflikten komme. Ein solcher so genannter Youth Bulge muss der Anteil der 15- bis 29-Jährigen mindestens 30% an der männlichen Gesamtbevölkerung ausmachen. Um die Thesen des Buches entstand eine ausgedehnte Debatte.
Also haben die Sozialstaaten Mitschuld daran, dass Junge in den syrischen Bürgerkrieg ziehen?

Ja. Das wurde mancherorts auch erkannt. In Grossbritannien und den Niederlanden gibt es finanzielle Obergrenzen für Sozialhilfe-Familien, so dass weitere Kinder den Eltern kein zusätzliches Geld bringen und später in der Gesellschaft weniger zornige Jünglinge zu erwarten sind. In Deutschland wäre eine solche Kappung aber verfassungswidrig.

Die jungen Dschihadisten Europas sind aber nicht nur Sozialhilfe-Empfänger...

Durchaus nicht. Doch besser gebildete junge Männer rechtfertigen sich ähnlich. Ein Zwanzigjähriger aus dem Sozialhilfe-Milieu mag sich über sein Schicksal damit trösten, dass er keineswegs ein Versager, sondern ein «entrechteter Muslim» sei. Höher Qualifizierte mögen sich etwa bei einer Beförderung übergangen fühlen. Wo ein Einheimischer seine Wut dann schlucken muss, mag ein Migrant sagen: «Ich wurde übergangen, weil ich Muslim bin.» Plötzlich fühlt er sich nicht mehr allein, sondern sieht sich mit den muslimischen Mitgliedern aus dem Sozialhilfe-Milieu in einer Schicksalsgemeinschaft. Und hinter der sieht er ganze islamische Nationen ebenfalls als Opfer von Benachteiligung. Nun erkennt er die Kraft von 1,5 Milliarden und alsbald 2 Milliarden Muslimen weltweit. Dann wächst sehr schnell die Begeisterung, es einmal der ganzen Welt zeigen zu können.

Welche Rolle spielt die Religion für die jungen Männer, die in den Dschihad ziehen?

Es geht nicht um alte heilige Bücher. Friedrich Nietzsche trifft den Nagel auf den Kopf: «Erwägt man, wie explosionsbedürftig die Kraft junger Männer daliegt, so wundert man sich nicht, sie so unfein und so wenig wählerisch sich für diese oder jene Sache entscheiden zu sehen: Das, was sie reizt, ist der Anblick des Eifers, der um eine Sache ist, und gleichsam der Anblick der brennenden Lunte – nicht die Sache selber. Die feineren Verführer verstehen sich deshalb darauf, ihnen die Explosion in Aussicht zu stellen und von der Begründung ihrer Sache abzusehen: Mit Gründen gewinnt man diese Pulverfässer nicht!» Nietzsche schrieb dies, als der Erste Weltkrieg heraufdämmerte und Westeuropa ausgeprägte Youth Bulges aufwies. Auch den jungen Dschihadisten geht es um den «Anblick des Eifers, der um die eine Sache ist», um den Anblick der «brennenden Lunte».

Die Religion ist also nur ein Vorwand, um für eine angeblich gerechte Sache in den Krieg zu ziehen?

Ich denke schon. Die jungen Männer, die in Syrien und im Irak durch Grausamkeit verstören, wollen nicht als Mörder bezeichnet werden. Mehrheitlich sind sie normale, junge Männer mit einem Ungerechtigkeitsempfinden. Doch wenn sie sich einer Gruppe anschliessen, die für das Erlangen von Land und Macht zum Genozid schreitet, meldet sich die innere Stimme mit der tausendmal gehörten Mahnung «Du sollst nicht töten». Dann beruhigen Theologen die Zaudernden. Sie zitieren Suren aus dem Koran. Etwa: Nicht du hast die Ungläubigen getötet, sondern Allah. Die Religion soll das Schuldgefühl dadurch abschwächen, dass die Gottheit und nicht der nette junge Mann tötet, an den sich die Daheimgebliebenen erinnern. Ohne die passend gemachte Religion wäre er als Schwerverbrecher das Niedrigste. Nun übertrifft er die Glaubensbrüder im Eifer für die Werke des Höchsten.

Zurück zur Youth-Bulge-Theorie. In Afrika und auf der Arabischen Halbinsel machen die unter 30-Jährigen teilweise über 70 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Mehr Youth Bulge geht nicht. Wenn Extremismus und Terrorismus auch aufgrund dieser demografischen Ausprägung gedeihen können, was kommt dann in den nächsten Jahren auf uns zu?

Bisher zeichnen sich Youth-Bulges durch recht typische Verläufe aus: Bei einem überschuss an jungen Männern kommt es zu Krieg, Revolutionen, Völkermorden. Wenn allerdings während dieser Zeit des Kämpfens und Tötens die Geburtenraten fallen, stellt sich wieder ein Gleichgewicht zwischen Ambitionen und Positionen ein. In Nordwestafrika fiel die Geburtenrate von sechs bis acht auf zwei bis drei Kinder, so dass es mittlerweile in Marokko oder Algerien kaum noch «unversorgte Söhne» gibt, die bei Islamisten ihr Heil suchen. Oder die niedrige Geburtenrate zwischen 1950 und 1995 in Südamerika, die zur Folge hatte, dass junge Rekruten für die Guerilla schlicht nicht mehr geboren wurden. Schaut man, was nach dem Töten anders ist als vor und während des Tötens, dann sind es nicht Glaubens- und Einkommensunterschiede, sondern schnell absinkende Geburtenraten.

Nicht gerade aufbauend. Von schnell absinkenden Geburtenraten weltweit soll bis 2025 nicht die Rede sein.

Es gibt Grund für Optimismus. 1970 gab es 121 Nationen, in denen 40 Prozent der Bevölkerungen jünger als 15 Jahre waren. 2012 gibt es nur noch 39 solche Länder. Die meisten liegen in Afrika und einige auf der Arabischen Halbinsel. Doch eine Zeitdauer wie in Europa, dessen Youth-Bulges die Welt von 1492–1945 in Atem gehalten haben, befürchte ich nicht. Denn auch in diesen 39 Nationen liegen die Geburtenzahlen bereits unter ihren Höchstmarken und sollten weiter fallen. Dort dürfte es in einigen Jahrzehnten also auch ruhiger werden.

Anteil der 19- bis 25-Jährigen an der Gesamtbevölkerung
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