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Sind die Gräueltaten des IS Ausdruck eines Kampfes zwischen «dem» Islam und dem Westen? Und wie beantwortet ein Politologe und Historiker die Frage, wieso Europäer für den so genannten «Islamischen Staat» (IS) in den Krieg ziehen? Ein Gespräch mit Christian Tuschhoff von der Freien Universität Berlin.

Herr Tuschhoff, angesichts des Krieges in Syrien und im Irak geistert Samuel Huntingtons These wieder durch die Medien: Der islamische gegen den westlichen Kulturkreis. Dem IS geht es ja um die Vorherrschaft des Islam. Ist da also etwas dran?

Christian Tuschhoff: Nein. Huntingtons Theorie besagt grundsätzlich, dass es nach dem Kalten Krieg zu einem «Aufeinanderprallen der Zivilisationen» kommt. Bei diesem Konflikt stünden sich der westliche und der islamische Kulturkreis als homogene Blöcke gegenüber.
Fälschlicherweise unterstellte Huntington den Zivilisationen quasi Akteursqualität und charakterisierte kulturelle Identität als vorgegeben und nahezu unveränderbar.

Entsprechend gibt die Entwicklung Huntington Unrecht: Nicht nur kämpfen islamische Staaten heute an der Seite des Westens gegen IS, auch der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten oder der Zerfalls eines Teils der arabischen Staatenwelt macht deutlich, dass es den Islam als einen homogenen Block ebenso wenig gibt wie das Christentum. Studien haben überdies ergeben, dass Konflikte heute gerade nicht zwischen verschiedenen Zivilisationen stattfinden, sondern eher innerhalb.

Unwidersprochen bleibt hingegen eine der zentralen Thesen Huntingtons, wonach zeitgenössische Kriege so genannte Bruchlinienkriege sind...

Richtig. Bruchlinienkriege sind Kriege zwischen Gemeinschaften wie Staaten oder Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen. Sie sind tendenziell endlos und von extremer Gewalt geprägt. Auch in Syrien oder Irak gibt es einen Bruchlinienkrieg: Hier stehen sich auf beiden Seite Muslime gegenüber, wobei die Gemeinsamkeiten durch den Islam kleiner sind als die Bruchlinie zwischen Sunniten und Schiiten und zwischen Salafisten und Gemässigten. Anders gesagt: Der Krieg in Syrien/Irak ist ein Bürgerkrieg, der auf einer innerreligiösen Bruchlinie beruht.

Kommen wir zur Kernfrage: Wo sehen Sie die Gründe dafür, dass junge Europäer in den Krieg nach Syrien und in den Irak ziehen?

Vermutlich haben die Ideen der Aufklärung diese Kämpfer nicht erreicht. Sie sehen und erfahren die Vorteile nicht, die sie in westlichen Gesellschaften haben.
Ich verweise hierbei gerne auf die Demokratisierungstheorie: Demnach muss eine Mittelschicht aus freien Unternehmern, Anwälten, Architekten und so weiter entstehen, welche die Demokratie tragen, weil sie von ihr profitieren können. Aber junge Leute, die schlecht in der Schule sind, keinen Ausbildungsplatz erhalten, auch ausgegrenzt werden, sind eben keine Träger der Demokratie. Sie haben im Gegenteil nichts zu verlieren. Modernisierung oder Demokratie haben für sie keinen Wert. Es ist uns nicht gelungen, sie einzubinden. Sie leben in derselben Gesellschaft, aber in einer anderen Welt.

Warum gelingt es denn nicht, diese Leute einzubinden?

Für viele andere Jugendliche sind die Familie, die Schule, der Arbeitgeber, Vereine und ähnliches Schnittstellen, die ihnen einen Zugang zur Gesellschaft ermöglichen und die Ausbildung einer Identität festigen. Doch gerade Familie und Schule versagen hier heute.

Das Versagen von Institutionen wie Familie und Schule trägt also dazu bei, dass Muslime in der westlichen Gesellschaft nicht genug eingebunden sind...

Es kommt noch mehr dazu: Die geringe Institutionalisierung der muslimischen Gemeinschaft. Muslime bieten westlichen Staaten oft keine Ansprechpartner. So sind in Deutschland nur fünf Prozent der Muslime in Verbänden organisiert. Das macht sie schwer einbindbar. Dabei macht es politisch einen grossen Unterschied, ob Staat und Kirche miteinander kooperieren können, gerade in einer so korporatistisch organisierten Struktur, wie wir sie in Westeuropa haben. Wo Christen sich seit jeher in Kirchen und Gemeinden organisiert haben, sind Muslime durch die Ummah vereint, die weltweite Einbindung in diese Religionsgemeinschaft. Doch so kann man keine lokale Bedeutung erlangen.

Anders als das Christentum hat der Islam im Westen also Mühe, politisch tragfähige Brücke zwischen Staat und Gesellschaft zu schlagen...

...und dennoch bleibt die Frage: Wie erreicht ein Staat all seine Bürger – und zwar jenseits von Wahlen? Aus der Sicht des Politologen konstituieren stabile politische System ein enges Verhältnis zwischen Staat und Bürger. Kirche, Vereine, Gewerkschaften und so weiter bilden dabei wichtige Nahtstellen. Derlei Schnittstellen zwischen jungen Muslimen und dem Staat müssen auch heute geschaffen werden. Nur so gelingt eine funktionierende Integration. Wenn wir heute etwas falsch gemacht haben, dann das, dass keine geeigneten Schnittstellen geschaffen wurden, um junge Muslime aus der Isolation zu holen. Einige von ihnen leben bei uns in einer Parallelwelt.

Kommen Sie jetzt auf das, was die Schweizer «Weltwoche» als «Therapeutismus» bezeichnet, der aus «fanatischen Tätern bedauernswerte Opfer der westlichen Gesellschaft» macht?

Von einer solch vereinfachten Schwarz-Weiss-Denke halte ich nichts. Keine Sozialwissenschaft, und dazu gehört auch die Politologie, bietet gesetzesähnliche Erklärungen an. Es kann ja nicht um das Abtun von Erkenntnis aus der Forschung gehen.

 Christian Tuschhoff Tuschhoff ist Privatdozent für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich des internationalen Terrorismus, der deutschen Aussen- und Sicherheitspolitik sowie den Transatlantischen Beziehungen.
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