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«Erhöhte Anschlagsgefahr zieht keine grössere Konsequenzen nach sich» Herr Vidino, Ende September haben Extremisten in Algerien im Namen des IS einen Franzosen enthauptet. Kommt jetzt ein global vereinigter Terror auf uns zu?

Nein. Der Westen ist seit dem 11. September 2001 Ziel von Extremisten. Ein Bericht von Europol zeigt: Seit 2001 werden in Europa jedes Jahr zwischen fünf und sechs Anschläge vereitelt und es gibt in diesem Zusammenhang an die 200 Verhaftungen pro Jahr. In dieser Kontinuität gibt es natürlich immer wieder Ausschläge und neue Phasen, wie etwa damals, als der Westen 2003/2004 in den Irak einmarschierte. Das zog eine breitere Radikalisierung nach sich, welche in die Anschläge in Madrid und London mündete, die aber nicht zu einer weltweiten Kampagne des Terrors gehörten. Kurz: Wir sehen seit 13 Jahren das gleiche Phänomen mit gelegentlich erfolgreichen und vielen verhinderten Anschlägen.

Der weltweite Terror durchläuft also keine neue Dynamik. Dennoch scheint die Gefahr eines Anschlages im Westen erheblich gestiegen...

Das stimmt. Aufgrund der Vorgänge in Syrien und Irak und des Eingreifens des Westens ist jetzt nicht mehr die Frage, ob, sondern wann es zu einem Anschlag kommt. Das gilt auch für die Schweiz. Wenn wir von Terrorismus sprechen, sprechen wir immer von kleinen, aber wichtigen Zahlen. So sind von den 20 bis 25 Millionen Muslimen, die in Westeuropa leben, rund 3000 in den Krieg gereist. Das sind 0,01 Prozent oder noch weniger. Damit erübrigen sich alle Diskussionen um die Integration von Muslimen in Europa.

Von der sicherheitspolitischen Warte aus betrachtet kann aber auch ein Einzelner grossen Schaden anrichten. Das zeigte schon ein Anders Breivik. Und gerade die Syrien-Rückkehrer dürften sich im Krieg und in den IS-Reihen weiter radikalisiert haben. Nicht alle mögen sie Anschläge im Sinn haben. Doch wir wissen auch nicht, ob jemand als sogenannter Lone Wolf in Erscheinung tritt – so wie jener Syrien-Rückkehrer, der im jüdischen Museum in Brüssel Menschen erschoss. Oder ob einige von ihnen strukturierte Anschläge verüben, die im Auftrag einer Organisation wie dem IS von langer Hand geplant wurden.

Welche Auswirkungen hat diese latente Gefahr auf die Sicherheitspolitik in Europa?

Ich denke nicht, dass die erhöhte Anschlagsgefahr grössere Konsequenzen nach sich zieht, zumal die Dynamiken sich nicht geändert haben. Den IS gibt es schon lange. Jetzt begeistern sich junge Muslime gerade für diese Organisation, weil sie ein sogenanntes Kalifat ausgerufen hat. Ausserdem haben sich in rund 15 Jahren die Sicherheitsmechanismen stark verbessert. Das grosse Problem aber ist und bleibt die überwachung der Heimkehrer. Es ist fast unmöglich, diesen Menschen Verbrechen nachzuweisen, die sie in Syrien und Irak möglicherweise begangen haben. Im Gegensatz zu manchen Ländern im Nahen Osten, können demokratische Länder Menschen nicht einfach aufgrund ihrer Ideologie verfolgen oder ohne konkrete Beweise festnehmen.

 Lorenzo Vidino Der aus Mailand stammende Terrorexperte spezialisiert sich auf Themen wie Islamismus und politische Gewalt in Europa und Nordamerika. Er forschte am Zentrum für internationale Sicherheit an der ETH, lehrte an verschiedenen amerikanischen Universitäten und ist bei namhaften internationalen Think Tanks tätig.
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