Ausstellung in Basel

06. April 2018 05:50; Akt: 08.04.2018 10:17 Print

«Ausgeflippte Leute brauchen auch einen Ort»

Freiräume prägen die Basler Stadtentwicklung seit den 1960er-Jahren, wie eine Ausstellung zeigt. Ex-Stadtentwickler Thomas Kessler warnt aber vor einer «Verspiesserung».

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«Die normalen Leute finden das einfach empörend. Aber ich finde, ausgeflippte Leute brauchen auch einen Ort», sagt ein Teenager in die Fernsehkamera. Er steht auf dem Gelände der Alten Stadtgärtnerei. 30 Jahre ist es her, das der Beitrag gedreht wurde. Im gleichen Jahr, im Morgengrauen des 21. Juni 1988, stürmte die Polizei mit Gummischrotgewehren das Areal und vertrieb die rund 100 Besetzer. Gleichentags demonstrierten rund 2000 Personen in der Innenstadt, eine Menge Glas ging zu Bruch.


Ausschnit aus «Alte Stadt ohne Gärtnerei?», 1988, von Martin Streckeisen/Schweiz. Sozialarchiv Zürich

Obengenannte Filmsequenz ist an der Ausstellung 68-88-18 im Clarahaus zu sehen, die sich sich diesem turbulenten Kapitel Stadtgeschichte widmet. Sie thematisiert die Freiräume, die die Basler Stadtentwicklung in den letzten 50 Jahren prägten. Das Team um die Kuratoren Benedikt Wyss, Dominique Rudin und Claudio Miozzari hat umfangreiches Videomaterial dazu gesammelt und aufbereitet, das in 50 Räumen auf 850 Quadratmetern präsentiert wird.

«Der Begriff Zwischennutzung prägt meine Umwelt schon seit Jahren», sagt Wyss. Der 34-jährige zählt sich zur Generation NT-Areal, jene Zwischennutzung, die ihn in seiner Jugend begleitete. «Für viele war das lange Zeit ein Ort, wo die Stadt atmen kann», sagt er. Der Begriff Zwischennutzung ist seither nicht mehr aus dem Vokabular der Stadtentwickler wegzudenken.

Autonome Räume kontrolliert heute der Staat

Der ehemalige Basler Stadtentwickler Thomas Kessler hat selbst mehrere Zwischennutzungen begleitet – auch das NT-Areal – und beobachtet die Entwicklung kritisch. «Wir sind in eine Phase der staatlichen Fürsorglichkeit eingetreten», sagt er. Der Grund:
Zwischennutzungen sind heute staatlich durchorganisiert. Das führt auch zu Konflikten, wie an der Uferstrasse, wo die vom Kanton auserkorenen Zwischennutzer den Wagenplatz zurückdrängten.

Mit autonomen Räumen, wie sie im Zuge der Jugendunruhen der 1980er-Jahre noch erobert wurden, haben moderne Zwischennutzungen nichts mehr gemein. «Zwischennutzungen sind heute zum Normalfall geworden», so Kessler. «Man muss aufpassen, dass es rundherum nicht zu spiessig wird und Zwischennutzungen zu Inseln werden», warnt er.


Eine App macht das Ausstellungsbuch zum Multimedia-Erlebnis. (Video: 20 Minuten)

(lha)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kodo am 06.04.2018 07:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wenn schon, dann für alle

    Die heutigen Freiräume werden vom Staat kontrolliert und finanziert. Die Frage stellt sich warum sind diese Freiräume immer linksdominiert? Wenn eine nach rechts orientierte Vereinigung nur schon eine Waldhütte mieten will gibt es einen Aufschrei, die Polizei verhindert die Zusammenkunft. Im Gegensatz dazu können die Linken in vom Staat finanzierten Gebäuden sich zurückziehen und Pläne zu Überwindung des Kapitalismus aushecken. Gewaltlos sind diese Freiräume nicht.

  • Tommy am 06.04.2018 10:08 Report Diesen Beitrag melden

    Was soll das mit den Freiräumen?

    Ich verstehe gar nicht was diese ewigen "Freiräume" von allen anderen Orten unterscheiden soll. Mag ja sein dass man in den 60gern noch dafür kämpfen musste dass man irgendwo einfach rumhängen kann ohne von der Polizei schikaniert zu werden. Aber heute sind ja alle Räume frei. Ich wüsste gar nicht was für Freiheiten ich überall sonst überhaupt vermissen könnte. Verstehe echt das Grundprinzip von was das überhaupt sein soll kein bisschen...

  • Dogcop am 06.04.2018 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    LEX

    Sehr spannend. Die Freiräume, die von unserer LEX Szene benutzt bzw. Bewohnt werden, bezahlt also der Staat. Das heisst, ich mit meinen Steuern. Ich arbeite noch für diese ...... und bezahle Ihnen Strom und Wasser. Das muss aufhören. Oder ich zahle meine Steuern woanders.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dogcop am 06.04.2018 18:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    LEX

    Sehr spannend. Die Freiräume, die von unserer LEX Szene benutzt bzw. Bewohnt werden, bezahlt also der Staat. Das heisst, ich mit meinen Steuern. Ich arbeite noch für diese ...... und bezahle Ihnen Strom und Wasser. Das muss aufhören. Oder ich zahle meine Steuern woanders.

  • coldasgold am 06.04.2018 15:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der beste Freiraum von Behörden zerstört

    Ja liebe Behörden, und was ist mit dem Podium? Dieser grossartige und innovative Freiraum wurde vom Baudepartement mit aller Brutalität plattgemacht. Eine riesen Heuchelei ist das hier.

  • Basler am 06.04.2018 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    Kessler? Warum?

    Interessiert sich wirklich noch jemand, was Herr Kessler von sich gibt?

  • GuDu am 06.04.2018 11:00 Report Diesen Beitrag melden

    @Kodo

    richtig, absolut richtig. Brillante Analyse der Sachlage. Was Demokratie ist, wird von Links bestimmt und deren Blickwinkel ist nun mal nur links.

  • Tommy am 06.04.2018 10:08 Report Diesen Beitrag melden

    Was soll das mit den Freiräumen?

    Ich verstehe gar nicht was diese ewigen "Freiräume" von allen anderen Orten unterscheiden soll. Mag ja sein dass man in den 60gern noch dafür kämpfen musste dass man irgendwo einfach rumhängen kann ohne von der Polizei schikaniert zu werden. Aber heute sind ja alle Räume frei. Ich wüsste gar nicht was für Freiheiten ich überall sonst überhaupt vermissen könnte. Verstehe echt das Grundprinzip von was das überhaupt sein soll kein bisschen...