Schiesserei wegen Drogen?

14. März 2017 18:21; Akt: 14.03.2017 18:57 Print

«Basel ist eine Hochburg der albanischen Mafia»

Ein Streit um Drogen soll das Motiv für den Anschlag auf Albaner im Kleinbasel gewesen sein. Für den Mafia-Experten Jürgen Roth ist dies nicht unwahrscheinlich.

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Auf diesem Foto sind die beiden Toten, der 28-jährige Mirjan B. (Zweiter von links) und der 39-jährige Orges S. (Erster von rechts) zu sehen. Festim D. (24, Erster von links) ist ausser Lebensgefahr. Ermal K. (Zweiter von rechts) sass am Tatabend mit seinen drei Freunden zusammen. Er wurde als Einziger nicht getroffen. Dieses Bild entstand wenige Tage vor der Schiesserei im Café 56. Ein Bekannter von Mirjan B. sagt: «Seine Familie hat mich am Freitagmorgen angerufen. Sie alle waren schrecklich aufgelöst und haben geweint. Ihnen war bereits von anderen Personen mitgeteilt worden, dass Mirjan eines der Opfer ist, jedoch wussten sie nicht, ob er tot oder schwer verletzt ist.» Grossaufgebot: Einsatzkräfte der Basler Polizei vor dem Café 56 am Donnerstagabend. (9. März 2017) So sah es vor dem Café 56 einen Tag danach aus. Die Rollläden bleiben zu. Am Donnerstagabend wurde gleich eine Grossfahndung eingeleitet: Strassensperren, Polizisten und viele Scheinwerfer im Kleinbasel. (9. März 2017) Das Forensikteam von Basel untersucht die Einschusslöcher in den Scheiben des Café 56. (9. März 2017) Auch im Innern der Bar wird nach Spuren gesucht. (9. März 2017) Der Tatort wird von der Polizei abgesperrt. (9. März 2017) Auf Spurensuche: Ein Forensikteam der Basler Behörden untersucht den Tatort. (9. März 2017) Verschont geblieben: Die Bar direkt neben dem Café 56 war zum Zeitpunkt der Schiesserei offen. (9. März 2017) Die Situation um das Café 56 wenige Stunden nach der Schiesserei. (9. März 2017) In grelles Licht getaucht: Die Polizei beleuchtet den Tatort mit einem Scheinwerfer. (9. März 2017) Die Basler Polizei sucht nach Zeugen. (9. März 2017)

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Bei einer Schiesserei in einer Bar im Kleinbasel wurden am Donnerstag zwei Albaner getötet und einer schwer verletzt. Laut Insidern steht die Bluttat in Zusammenhang mit dem Diebstahl einer grösseren Menge von Drogen. Einem Drogendealer sollen zwei Kilogramm Heroin gestohlen worden sein. Mindestens ein Opfer der Schiesserei soll am Diebstahl beteiligt gewesen sein. Die Attacke sei ein Vergeltungsschlag gewesen. Jürgen Roth, Investigativjournalist aus Deutschland und Kenner der organisierten Kriminalität, beurteilt in einem Interview das Motiv hinter der Bluttat.

Sie recherchieren seit Jahrzehnten über die organisierte Kriminalität. Sind Sie schon mit vielen Fällen in Kontakt gekommen, die sich so wie in Basel abgespielt haben?
Ja, es kommt europaweit immer wieder zu solchen Vorfällen. Albanische Clans sind bekannt für solche Gewalttaten. Aussergewöhnlich hierbei ist jedoch, dass es in der friedlichen Schweiz passiert ist. Wobei man aber auch sagen muss, dass Basel schon seit Jahren eine Hochburg albanischer Mafiaclans ist.

Was muss man sich darunter vorstellen?
Die albanische Mafia ist im Rotlichtbereich tätig. Da geht es um Mädchensklaverei, aber auch um Drogen, vor allem um Heroin. Auch Waffen und Gewalt spielen eine grosse Rolle. Seit den 1980er- und 1990er-Jahren ist die albanische Community in der Schweiz gewachsen. Damit verbunden ist auch die Verbreitung der albanischen Mafia in der Schweiz. Stützpunkte sind vor allem Zürich und Basel. Basel auch, weil die Nähe zu anderen Hauptstützpunkten der albanischen Clans im deutschen Lörrach und in Frankreich genutzt werden kann. In Lörrach ermittelt die Polizei seit Jahren gegen die albanische Mafia. Dort wickeln sie ihre Geschäfte vorwiegend in Gaststätten ab.

Bei dem Fall in Basel könnte ein mögliches Motiv ein Drogendiebstahl sein. Ist das plausibel?
Ja, wenn die albanische Mafia solche Gewalttaten verübt, handelt es sich meist um Racheakte – entweder in Zusammenhang mit Blutrache oder mit Drogengeschäften. Und wenn es tatsächlich so ist, dass jemand einem Clan Drogen gestohlen hat, sind tödliche Konsequenzen nicht selten.

War es also eine «normale» Konsequenz, dass man jemanden deswegen umbringt oder umbringen lässt?
Ja. Aber hier muss man von «dummer Gewalt» sprechen: Durch solche Vorfälle wird die Polizei auf die Strukturen hinter dem Clan aufmerksam. Deshalb finden solche Taten meist in der Heimat statt.

Wieso hat man jetzt in der Schweiz zugeschlagen?
Weil die albanische Mafia womöglich auf ein bestimmtes Ereignis reagiert hat. Das hätte auch in Deutschland oder Frankreich stattfinden können.

Die Täter gingen unmaskiert in eine Bar und schossen auf die Männer. Das Vorgehen kennt man ja eigentlich aus Mafia-Filmen. Ist dieses öffentliche Vorgehen in der Realität üblich?
Ja, natürlich. Es gehört zum Kodex der albanischen Mafia, dass man sich nicht maskiert. Das öffentliche Vorgehen gehört zu den kulturellen Gesetzmässigkeiten innerhalb albanischer Clans.

Unter welchen Umständen wird dieses Vorgehen angewendet?
Wenn die Ehre beleidigt oder beschmutzt wird. Das kann beispielsweise sein, wenn ein kriminelles Geschäft gefährdet wird.

Welche Botschaft wird dadurch gesendet?
Das hängt vom Motiv ab. Wenn es nun tatsächlich um einen Drogendiebstahl ging, dann könnte die Botschaft sein: Wenn du so was mit uns machst, sieht es schlecht für dich aus.

Will man sich dadurch als Drogengang oder Drogenchef, der hier offenbar bestohlen wurde, den Respekt wieder verschaffen?
Wenn es so war, dann ist es sicher das zentrale Motiv. Wenn Drogen von einem Clan gestohlen werden, will man sich dafür rächen und auch anderen zeigen, dass sie sich hüten müssen.

Was denken Sie, was die Täter für Leute sind? Waren sie Auftragskiller oder Mitglieder einer Drogenmafia?
Darüber könnte ich nur spekulieren. Es ist alles möglich in diesem kriminellen Milieu.

Was haben die Täter ihrer Meinung nach getan getan, nachdem sie in der Bar geschossen hatten? Wohin könnten sie geflüchtet sein?
Ich gehe davon aus, dass sie versuchen, in ihre Heimat zurückzukehren, also vermutlich nach Albanien oder Kosovo. Es kann aber auch sein, dass sie sich nach Lörrach zurückgezogen haben. Klüger wäre es aber für sie, wenn sie in ihre Heimat gehen würden.

Weil sie dort nicht belangt werden können?
Ja, dort drohen ihnen keine Konsequenzen. Die Justiz funktioniert nicht so wie bei uns. In Albanien spielt Korruption im Justizsystem eine entscheidende Rolle. Und: Wenn die Täter in den albanischen Bergen verschwinden, kümmert es dort keinen Menschen, wo sie sind.

Wie ist die albanische Mafia organisiert?
Sie formiert sich um starke Familienbindungen beziehungsweise Clan-Strukturen. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Familienclans. Doch es gibt auch Stadt-, Bezirks- und regionale Clans. Diese Clans werden von gemeinsamen Machtzentren, die sich normalerweise in Albanien oder Kosovo befinden, gesteuert oder zumindest koordiniert.

Was macht sie gefährlich?
Sie sind teilweise auch politisch sehr einflussreich. Dies ist in erster Linie auf den Jugoslawienkrieg zurückzuführen. Damals waren die Ministerpräsidenten und Regierungschefs von Albanien, Serbien und dem heutigen Kosovo in die Drogengeschäfte verstrickt. Auch heute nehmen diese Personen Einfluss auf die Drogengeschäfte. Zudem hat die albanische Mafia ein grosses Bargeldvermögen, das sie wiederum in illegale Geschäfte investieren kann. Ausserdem verfügen sie über ein grosses Waffenarsenal und eine gute Ausbildung im Umgang mit Waffen. Und die Polizei weiss wenig über ihre Struktur. Das ist auch eine Herausforderung für Ermittler.

Auch bei der Aufklärung der Schiesserei in Basel?
Wenn man nur den Mord untersucht, ist das bestimmt einfacher, als wenn man die Strukturen dieses Clans aufdecken will.

Könnten die albanische Drogenmafia in der Schweiz zunehmend Einfluss nehmen und auch für die Bevölkerung ein Problem werden?
Nein, genauso wenig wie die italienische Mafia. Die Bevölkerung muss nicht viel befürchten. Meist finden solche Racheakte in der eigenen Community statt.

(jen)