Strassenschlacht in Basel

22. Mai 2018 19:28; Akt: 23.05.2018 05:01 Print

«Hooligans suchen das Überraschungsmoment»

Hooligans passen sich den Sicherheitskonzepten der Behörden an, sagt Gewaltforscher Alain Brechbühl. Das erkläre auch den Überfall der Zürcher Hooligans in Basel am vergangenen Samstag.

Am Samstag kam es in Basel zu einer heftigen Strassenschlacht. (Video: Telebasel)
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Wieso prügeln sich Basler Ultras mit Zürcher und Karlsruher Hooligans nach einem Spiel des FC Basel gegen den FC Luzern?
Alain Brechbühl: Es ist eine Verlagerung der Gewalt festzustellen, vor allem weg von den Stadien. Manche gewalttätigen Gruppierungen fechten ihre Konflikte sogar unabhängig vom Terminkalender ihrer Fussballvereine aus. Das heisst, es kann auch unter der Woche und nicht am Spieltag selbst zu Ausschreitungen kommen oder eben rund um ein Spiel, bei dem die Mannschaften der sich prügelnden Gruppierungen gar nicht auf dem Feld stehen.

Wie kommt es denn zu dieser Verlagerung der Gewalt?
Das ist schwer zu sagen. Sie könnte aber eine Folge der verschärften Sicherheitsmassnahmen rund um Fussballspiele sein. Beispiele dafür sind die Videoüberwachung, die erhöhte Polizeipräsenz und das Hooligan-Konkordat. Die gewaltsuchenden Fans suchen das Überraschungsmoment. Sie passen sich den Sicherheitskonzepten und Strategien der Behörden an. Es kommt also dort zu Gewalt, wo die Gefahr kleiner ist, erwischt zu werden. Das zeigt, wie komplex die Problematik heute ist. Auf jede Reaktion der Behörden folgt eine Gegenreaktion der gewaltbereiten Fans.

Heisst das, wir müssen uns auf Krawalltourismus im Schweizer Fussball gefasst machen?
Dieser Krawalltourismus ist kein neues Phänomen im Fussball. Schweizer Fanszenen pflegen oft einen internationalen Austausch zu anderen Fangruppierungen. Auch friedliche Fan-Freundschaften sind gang und gäbe. Fanclubs treffen sich, besuchen gegenseitig die Spiele der Vereine. Und so kommt es, dass auch gewalttätige Gruppierungen sich in Kämpfen unterstützen.

Vergangenen Samstag ereigneten sich in Basel wüste Szenen: Hooligans traten unter anderem auf am Boden liegende Personen ein und demolierten Autos. Wird die Gewalt unter Fussballfans in der Schweiz immer brutaler?
Die Bilder vom letzten Samstag sind sehr heftig, keine Frage. Aber man muss die Gewalt immer im Kontext betrachten. Soweit momentan bekannt ist, wurden die Autos von Beteiligten angegriffen. Andere Autos hingegen blieben unversehrt. Damit wäre die Gewalt gezielt ausgeübt worden.

Wenn man in die Vergangenheit zurück schaut muss man zudem sagen: Gewalt unter Ultras und Hooligans war schon immer brutal. Heute rückt sie aber stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Sie wird mit dem Handy gefilmt und in den Medien und auf Social Media verbreitet. Dadurch ist sie uns präsenter. Dass sich die Auseinandersetzungen heute brutaler gestalten, lässt sich pauschal nicht sagen. Überraschend ist, wann und wo sich die Beteiligten prügeln.

Die Basler Ultras wurden am Samstag offenbar von ihren Gegnern auf eigenem Territorium überrascht. Verabreden sich gegnerische Gruppierungen nicht normalerweise zu Schlägereien?
Doch, das tun sie auch heute noch. Es gibt nach wie vor den traditionellen «Feld-Wald-Wiesen-Fight», wie man ihn vom klassischen Hooliganismus her kennt. Aber: Von diesen bekommt die Öffentlichkeit in der Regel nichts mit, weil keine Bilder davon kursieren. Eine Zuordnung der neueren Zwischenfälle zu den klassischen Kategorien «Ultra» und «Hooligan» fällt aber schwer, da sich die Grenzen bei den fehlbaren Fans teils aufgelöst zu haben scheinen. Und so ist es auch unberechenbar, wann und wo es zu Gewalt kommt.

Was bleiben denn den Behörden für Möglichkeiten, das Gewaltproblem in den Griff zu bekommen?
Als erstes ist eine konsequente Strafverfolgung der gewaltsuchenden Täter wichtig. Diese braucht es auch, um eine abschreckende Wirkung zu erzielen. Zweitens zeigt sich in anderen Ländern wie Schweden, Dänemark oder England, dass der Dialog zwischen Behörden und Fans entscheidend ist. In der Schweiz sind die Fronten stark verhärtet. Sie müssen aufgeweicht werden, damit die Behörden mit Fans kommunizieren, Vorurteile abgebaut und gegenseitiger Respekt aufgebaut werden kann. Gemäss der Forschung aus dem Ausland isoliert dies mittel- bis langfristig gewaltsuchende Personen von den restlichen Fans.

Wie kann denn in einer solch aufgeheizten Situation ein Dialog zustande kommen?
Dies muss Schritt für Schritt geschehen. Repression darf nicht auf die breite Masse von Fans, sondern sollte gezielt auf einzelne Personen abzielen. Sicherheitskonzepte müssten vermehrt auf Dialog ausgerichtet werden. Das macht das Vorgehen aus Sicht der Fans legitimer und verhindert, dass ganze Fankulturen kriminalisiert werden. So lässt sich Vertrauen aufbauen und man kann hoffen, dass sich Behörden und Fans wieder annähern und es in Zukunft zu weniger Gewalt kommt.

(daf)