Weil am Rhein (D)

27. März 2018 05:45; Akt: 27.03.2018 05:45 Print

Lastwagen-Elend vor der Schweizer Grenze

Weil sie es vor dem Sonntagsfahrverbot nicht in die Schweiz schaffen, stranden etliche Lastwagen jedes Wochenende auf der Autobahn ennet der Grenze. Die Zustände sind prekär und illegal.

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Am Samstag um 22 Uhr wird der Grenzübergang Basel/Weil am Rhein (D) für Lastwagen geschlossen. Chauffeure, die es bis dahin nicht in die Schweiz geschafft haben, sitzen bis Montag 5 Uhr in Deutschland fest. Einigen wenigen gelingt es, sich auf den Zollhof vor der Grenze oder auf eine Raststätte zu retten. Wer Pech hat, bleibt in einer mehrere Kilometer langen Kolonne auf der Autobahn stecken. Auf dem Warte- oder Pannenstreifen ohne sanitäre Anlagen – bis am Montag.

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Ob auf einem Parkplatz oder auf der Autobahn, eigentlich dürften die LKW-Fahrer laut dem Europäischen Gerichtshof dort gar nicht ihre Ruhezeiten absitzen, schreibt Verkehrsexperte Jan Bergrath auf Eurotransport.de. Wegen mangelnder Kontrollen und akutem Platzmangel seien sie aber immer wieder «dazu verdammt, ihr Wochenende auf der Autobahn zu verbringen.»

Tiefe Mindestlöhne und Zeitdruck

Der Grund dafür liegt in der Schweizer Gesetzgebung. Schwere Motorwagen dürfen ohne Sondergenehmigung weder nachts noch sonntags unterwegs sein. «Wer sich nicht über die Grenze rettet, sitzt in der Falle», sagt Bergrath. Zurückfahren kann man auf der Autobahn bekanntlich nicht. Für einen Weiler Transportunternehmer ist klar: «Die Schweiz lagert das Problem auf deutschen Boden aus.»

Die Fahrverbote gelten seit bald 20 Jahren und dürften kein Unternehmen überraschen. Diese sieht auch Bergrath in der Pflicht: «Die Unternehmen müssen die Touren so planen, dass die Lastwagen nicht am Wochenende in die Schweiz fahren», sagt er. Ob es sie kümmert, ist fraglich. Laut Bergraths Recherchen engagieren viele Speditionen osteuropäische Fahrer zu heimischen Mindestlöhnen von 300 bis 500 Euro plus Spesen und setzen sie unter Zeitdruck.

«Schalter nicht ausreichend besetzt»

«Es mangelt schlichtweg an Platz für die LKWs», stellt Thomas Müller, Leiter des Verkehrskommissariats Weil am Rhein, gegenüber der «Oberbadischen» fest. Zudem würden etwaige Entlastungsmassnahmen auf Widerstand bei den Gemeinden stossen.

«An deutschen Feiertagen ergibt sich auf Schweizer Seite die gleiche Problematik», bestätigt die Eidgenössische Zollverwaltung auf Anfrage. Als Gegenmassnahme stünden 120 zusätzliche Stellplätze sowie «ein Verkehrskonzept mit verschiedenen Massnahmen zur Verfügung». Laut dem Weiler Transportunternehmer ist die Organisation in der Schweiz viel besser: «Fahrzeuge werden in den Vorstauraum zurückgeleitet und nicht auf der Strasse stehengelassen. Und es wird viel konsequenter kontrolliert», sagt er.

Er übt aber auch Kritik an den Schweizer Behörden: Er wisse aus eigener Erfahrung, dass die Schalter am Zoll nicht ausreichend besetzt sind. So komme es bereits unter der Woche zum Rückstau, der am Wochenende eskaliere. «Es ist erschreckend, dass sich die LKWs schon am Samstagnachmittag kilometerweit stauen.»

Prekäre Umstände

Die Leidtragenden sind am Ende die Fahrer. Der «Stern» hat sich in der Reportage «Slums auf Rädern» mit ihrer prekären Situation auseinandergesetzt. Viele würden ihr Dasein auf der Autobahn fristen, weitab von ihrer Heimat. Viele versuchten, die Realität im Alkoholrausch zu ertränken. «Sie verwahrlosen auf den Raststätten», sagt Bergrath, der bei den Recherchen mithalf.

Tatsächlich werden auch an der Schweizer Grenze immer wieder schwer alkoholisierte Lastwagenfahrer angehalten, wie diese Fälle mit jeweils 2,1, 2,6 und 3 Promille zeigen.

(las)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Loasi am 27.03.2018 05:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alternativen nutzen

    Na dann fahrt halt aussen rum, oder lasst euch verladen. Es werden ja eh die wenigsten die Schweiz als Ziel haben. Die meisten werden wohl nur durchfahren.

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  • Drake am 27.03.2018 06:10 Report Diesen Beitrag melden

    Ab auf die Geleise

    Für etwas gibt es doch die Schiene

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  • Peter am 27.03.2018 06:08 Report Diesen Beitrag melden

    Selber schuld

    Seit 20 Jahren ist das so, also ein Deutsches altes Problem. Es ist klar, mit den Billiglöhnen ist das natürlich nicht einkalkuliert. Dieses Problem wird sicher mit dem Rahmenabkommen verknüpft und somit werden wir mit Schwertransport über das Wochenende überflutet. Die Leitragenden sind die Bevölkerung und die Chauffeure die zu einem unterdurchschnittlichen Lohn arbeiten müssen. Auch hier gilt das Sprichwort: Geiz ist Geil, einfach auf eine andere Art.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dr. Fährimaa am 27.03.2018 15:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unzumutbare Zustände

    Dann lasst Euch mal was einfallen. Das ist ja wirklich katastrophal und eine Zumutung, nicht nur für die LKW Chauffeure. Teilweise ist die Ausfahrt kaum zu passieren, weil alles zugestellt ist. Auch die Chauffeure sind absolut nicht zu beneiden. CH hat dieses Problem zwar nach D verlagert, beide Seiten interessiert das aber herzlich wenig. So eine stehende Kolonne teilweise ohne Beleuchtung ist nämlich auch ein Risikofaktor auf der Autobahn, nicht nur für Ortsunkundige.

  • Waldläuferin am 27.03.2018 14:57 Report Diesen Beitrag melden

    Druck von rechts oder links?

    Ist es nicht eigenartig, dass das Thema just vor den Verhandlungen über das Rahmenabkommen aufgegriffen wird??

  • Fork33 am 27.03.2018 14:22 Report Diesen Beitrag melden

    Auf die schine

    Die schweiz lagert das problem nach deutschlnd aus? Wehr verhindert dass der gütterverkehr auf die schine kommt ist der verhrsacher

  • Baumann am 27.03.2018 14:04 Report Diesen Beitrag melden

    Wo ist das Problem?

    Oder sollen wir uns dafür auch noch schuldig fühlen, dass die Schweiz noch nicht ganz zum Transitland für die EU verkommen ist?

  • Marc Schütz am 27.03.2018 13:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Güterzüge extrem laut

    Wieso verladen ? Stellt euch die lauten Güterzüge in der Nacht vor. Da sind Lastwagen ja flüsterer.

    • Eduard J. Belser am 28.03.2018 07:56 Report Diesen Beitrag melden

      Markant leiser geworden

      Quatsch! Ich wohne 50 Meter neben der nachts von Güterzügen intensiv befahrenen Jurasüdfussstrecke und kann im Sommer problemlos bei offenem Fenster schlafen. Auch die Güterzüge sind markant leiser geworden. Die Bahn hat ihre Hausaufgaben gemacht. Ein Problem sind noch einzelne, nicht lärmsanierte Güterwagen aus dem Ausland. Was mich hingegen nervt sind die Schnuderbuben, die mit geleasten, tiefergelegten BMWs mit lautem Auspuff nachts herumröhren.

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