Strafgericht BL

19. Mai 2017 05:46; Akt: 19.05.2017 05:46 Print

«Versetzen Sie sich in die Situation der Frau»

Bei einer privaten Poolparty soll es zu einer Vergewaltigung gekommen sein. Die drei beschuldigten jungen Männer bestehen darauf, dass alles einvernehmlich geschah.

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War der Sex einvernehlich oder nicht? Darüber muss die Dreierkammer des Baselbieter Strafgerichts urteilen. (Bild: Kanton Baselland/Tom Bisig)

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Was in der Nacht auf den 5. September 2012 so genau geschah, daran wollen oder können sich die drei Kumpel Erkan (33)*, Roman (25)* und Martin (24)* nicht mehr so genau erinnern. Der Hauptangeklagte Martin schmiss an jenem Abend eine Poolparty in seinem Elternhaus. Freunde waren dort und auch einige junge Frauen. Mit einer, Anna*, hatte Martin bereits eine Sex-Beziehung. Die Runde spielte ein Trinkspiel und als Martin gegen 1 Uhr morgens mit Anna ins Elternschlafzimmer entschwand, waren alle schon ziemlich angetrunken.

Was dann geschah, schildert die Anklage wie folgt: Nachdem die beiden bereits angefangen hatten, sich auszuziehen, stiessen die Kumpel Erkan und Roman durch den Wandschrank, der mit dem Nebenzimmer verbunden ist, zu den beiden hinzu. «Komm wir machen einen Dreier oder Vierer», soll Martin vorgeschlagen haben. Anna dachte an einen schlechten Witz und soll nein gesagt haben. Trotzdem waren in der Folge alle in sexuelle Handlungen involviert.

Plötzlich sei die Stimmung gekippt. Martin soll Anna geschlagen haben. Er spricht von lediglich leichten Klapsen. Sie soll sich zu wehren versucht haben, er drang ungeschützt in sie ein, sie brach in Tränen aus. «Ich glaube, es macht ihr keinen Spass mehr», soll einer der Kumpels gesagt haben. Daran konnte sich am Donnerstag vor dem Strafgericht in Muttenz aber keiner erinnern.

«Die Stimmung war easy»

Nachdem Gerichtspräsident Andreas Schröder die Rekonstruktion des Tatablaufs, wie er vom Opfer geschildert wurde, dargelegt hatte, reagierte Martin schockiert. «Diese Darstellung ist krass, mir fehlen die Worte», entgegnet er. «So war es nicht.»

Ja, wie war es dann? «Einvernehmlich», gaben der Haupt- und die beiden Nebenbeschuldigten zu Protokoll. Die Stimmung sei «easy» gewesen. Und ihr guter Kollege Martin sei nicht so einer, so die beiden anderen. «Und dass da einfach so zwei Kollegen ins Zimmer platzen, ist das nicht speziell?», fragte Schröder. Nein, es sei alles normal zu und her gegangen, so die Beschuldigten. «Versetzen Sie sich mal in die Situation der jungen Frau, können Sie das?» Sie hätte ja nein sagen können, wird entgegnet. Martin könne ausschliessen, gewalttätig geworden zu sein.

«Er hat mir weh getan»

Für Anna spielte sich das alles ganz anders ab. Nach dem Vorfall habe sie im Zimmer weinend einen Kollegen angerufen, damit er sie abholen kommt, und sei davongeschlichen. Die drei Kumpel waren schon wieder bei den anderen Gästen und feierten weiter. Der Kollege gab in einer Einvernahme zu Protokoll, dass Anna aufgelöst zu ihm ins Auto gestiegen war. Sicher 20-mal habe sie wiederholt, dass Martin ihr weh getan habe. Er wollte sie zu einer Anzeige überreden. Sie wollte aber nicht zur Polizei.

Das tat sie erst im März 2014. Forensische Beweise, die ihre Version der Geschehnisse stützen, gibt es keine mehr. Ihre Aussage steht nun gegen jene der drei Kumpel. Nach der Tat bekam sie massive psychische Probleme. Lehrabbruch, stationäre Therapie und eine bis heute andauernde Behandlung. Sie macht Schadenersatz über 154'000 und 20'000 Franken Genugtuung geltend.

Freispruch oder Gefängnis

Die Anklage fordert für den Hauptbeschuldigten eine Freiheitsstrafe von drei Jahren, wovon 10 Monate unbedingt abzusitzen wären. Für die beiden Mitttäter fordert die Staatsanwältin bedingte Freiheitsstrafen über 16 und 18 Monate. Die Verteidiger der Angeklagten plädieren hingegen auf Freispruch. Das Urteil wird am Montag gesprochen.

*Namen geändert

(lha)