Häusliche Gewalt

09. November 2017 12:47; Akt: 09.11.2017 12:47 Print

«Trennungsabsicht kann in Tötungsdelikt enden»

Ein Bosnier misshandelte seine Partnerin, bis sie beinahe starb. Miko Iso, die Leiterin der Basler Fachstelle Häusliche Gewalt, weiss warum Opfer oft zu lange warten, bis sie Hilfe suchen.

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Ein 39-jähriger Bosnier hat über mehrere Jahre seine drei Jahre jüngere Freundin brutal misshandelt. Vergewaltigungen, Schläge, Tritte, die Anklage spricht gar von versuchter vorsätzlicher Tötung. Der Fall wird aktuell vor dem Basler Strafgericht behandelt, am Donnerstagabend fällt das Urteil. Die Anklage fordert eine mehr als sechsjährige Freiheitsstrafe mit anschliessendem Landesverweis.

Miko Iso, Sie leiten die Fachstelle Häusliche Gewalt im Basler Justiz- und Sicherheitsdepartement. Wieso suchte das Opfer in diesem Fall nicht schon früher Hilfe bei der Polizei?
Opfer von häuslicher Gewalt haben in der Regel sehr ambivalente Gefühle gegenüber ihrem Partner. Einerseits lieben sie ihn und stehen vielleicht auch in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm, andererseits fürchten sie sich vor ihm. Nach einer Gewalteskalation zeigt die gewalttätige Person zudem oft Reue und verspricht Besserung. Frauen, die durch chronische Gewalt traumatisiert sind, haben oft kein Selbstwertgefühl mehr und erleben sich als hilflos und ohnmächtig. Viele sind sie gar nicht mehr fähig, selbstverantwortlich Entscheidungen zu fällen. Dazu kommt, dass Opfer manchmal keine Hilfe suchen aus Angst vor einer weiteren Eskalation – bis hin zur Todesangst.

Die Frau zog bereits eine frühere Anzeige gegen ihren Partner zurück. Ist dieses Verhalten typisch bei Opfern von häuslicher Gewalt?
Rückschritte und ambivalentes Verhalten von Gewaltopfern kommen sehr oft vor. Es kann sein, dass der Täter wieder Reue zeigt und Besserung verspricht. Die Frau will nicht, dass er bestraft wird, weil das vielleicht auch negative Auswirkungen wie Jobverlust oder finanzielle Schwierigkeiten auf die Familie haben kann. Ein Opfer kann aber auch unter Druck gesetzt worden sein und die Aussagen aus Angst zurückziehen. Um eine gewaltbelastete Beziehungen zu beenden, ist ein längerer Prozess nötig. Es kommt erschwerend dazu, dass bereits nur die Äusserung von Trennungsabsichten Hochrisikophasen darstellen, die schlimmstenfalls in Tötungsdelikten enden können.

Was raten Sie Opfern von häuslicher Gewalt?
Wir empfehlen Opfern von häuslicher Gewalt, sich Hilfe zu holen. Bei akuter Gewalt sollen sie die Polizei rufen oder ins Frauenhaus gehen. Es gibt zudem verschiedene Beratungs- und Unterstützungsangebote, wie die Opferhilfe beider Basel, das Männerbüro oder die Universitären Psychiatrischen Kliniken, deren Kontaktdaten wir als Notfallkarten verteilen. Oft sind wiederholte Interventionen von Polizei, Angehörigen oder Freunden nötig, um die Opfer darin zu unterstützen, ihre Selbstachtung und Entscheidungsfähigkeit wiederzugewinnen.

Welche Mittel hat die Polizei, um die Opfer vor den Tätern zu schützen?
Indem die Kantonspolizei Basel-Stadt bei einem Vorfall häuslicher Gewalt den Täter für zwölf Tage aus der gemeinsamem Wohnung wegweist und ihm jegliche Kontaktaufnahme und Annäherung verbietet, wird ein klares Signal gegen häusliche Gewalt gesetzt. Danach findet eine Gefährderansprache statt, bei der ein Täter mit seiner Tat konfrontiert und zu einer Gewaltberatung eingeladen wird. Aktuell ist das Justiz- und Sicherheitsdepartement daran, eine Revision des Polizeigesetzes vorzubereiten, um die Bekämpfung der häuslichen Gewalt weiter zu verbessern. Damit soll der Handlungsspielraum der Kantonspolizei vergrössert werden.

(lha)