Basel

25. Juli 2017 05:49; Akt: 25.07.2017 05:49 Print

«Ich habe mich krank gearbeitet»

Fahrdienstmitarbeitende fühlen sich von den BVB ausgepresst. Die Gewerkschaft vpod verlangt, dass die Sparmassnahmen beim Unternehmen sofort gestoppt werden.

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Was läuft in einem Betrieb falsch, wenn sich fast zeitgleich 60 Angestellte krank schreiben lassen, wie es gerade bei den BVB der Fall ist? Liegt es am schlechten Arbeitsklima, das bereits durch die GPK kritisiert wurde oder führen Mitarbeitermangel und die damit einhergehenden Überlastungen der Angestellten per se zu mehr Krankheitsfällen?

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«Ich fahre selber Linienbus und viele von meinen Arbeitskollegen werden ständig krank», sagt Leser N.R. Er sieht den Grund im ungesunden Lebensstil, den der Job mit sich bringt. «Die Essenszeiten sind nicht regelmässig, du musst um 10 Uhr Mittagessen können und um Mitternacht Abendessen. Als Busfahrer lebst du nicht gesund.»

BVB bestreiten Einkommensverlust

Ein anderer Leser schreibt kurz und knapp: «Ich habe mich auch krank gearbeitet bei den BVB.» Alles hätte sich verändert, erzählt Heinz W: «Füher war es eine Berufung, Bus zu fahren, heute ist es ein Job. Durch clevere Schummeleien und Ausreizen der Gesetze verdienen wir einiges weniger an Zulagen als noch vor ein paar Jahren.» Bis zu 500 Franken weniger würden am Ende des Monats rausschauen.

Die BVB bestreiten den Einkommensverlust. «Die rechtliche Anpassung der Zulagen betraf lediglich den Zuschlag von 50 Prozent auf freiwillig geleistete Dienste. Seit dem 1. Juli werden dem Fahrdienst auf innert 48 Stunden angewiesene Überstunden 25 Prozent Zuschlag erteilt, was im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten liegt», so BVB-Sprecher Benjamin Schmid.

«Zufriedenheit ist höchstes Ziel»

Schmid betont zudem, dass eine gute Mitarbeitendenzufriedenheit das höchstes Ziel der BVB bleibe. «Bezüglich den Angestellten im Fahrdienst bedeutet das zum Beispiel, dass wir die Mehrzahl der eingereichten Dienständerungswünsche berücksichtigen können.»

Der vpod Region Basel setzt sich für die Rechte der BVB-Mitarbeiter ein. Gut 20 Prozent der BVB-Angestellten seien Mitglied der Gewerkschaft – zurzeit würden vermehrt Anfragen eingehen.Toya Krummenacher, Gewerkschaftssekretärin und Grossrätin, kennt die Krankheits-Geschichten aus erster Hand. «Der Fahrdienst wird immer höheren Belastungen ausgesetzt», sagt sie.

Sicherheit geht vor

Die Drämmler und Busfahrer würden eine ausgeprägte Loyalität an den Tag legen, wenn es darum gehe, gute Dienstleistungen zu erbringen. «Wenn sie zu Hause bleiben, weil sie sonst Sicherheitsstandards nicht mehr einhalten können, ist das zwingend.» Und Krummenacher weiter: «In einem Betrieb, in dem gerne gearbeitet wird, geht man auch mal mit einem Husten zur Arbeit.» Stimme jedoch der Umgangston und die Wertschätzung der Mitarbeiter nicht, sehe die Realität anders aus.

In ihren Augen gibt es nur eine Möglichkeit, die «Abwärtsspirale» aufzuahalten. «Das Sparprogramm muss sofort gestoppt werden.» Zudem fordert der vpod den sofortigen Rücktritt des BVB-Direktors Erich Lagler.

Alarmglocken

Menschen hätten ein gutes Gespür dafür, wann sie auf der Arbeit nicht mehr leistungsfähig sind und sich zurücknehmen müssen, weiss Heinz Schüpbach, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie. «Der Arbeitnehmer will zwar einen guten Job machen, aber nicht auf die Kosten seiner Gesundheit», erklärt Schüpbach den inneren Konflikt. «Ich kann mich nicht mehr verausgaben, als ich mich erholen kann.»

In einem Betrieb mit einer gesunden Kommunikationsbasis sollte auf einen solchen Fall hin ein klärendes Gespräch folgen. «Bleibt der Mensch zu Hause, weil dieses Gespräch nicht stattfindet, müssen die Alarmglocken angehen», sagt er.

(jd)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • CHBürger am 25.07.2017 06:27 Report Diesen Beitrag melden

    Augen auf und handeln

    Da stellt sich unweigerlich die Frage: Warum fühlen sich die Schweizer nicht mehr wohl im eigenen Land und werden immer kränker ? Ja, Menschen haben ein gutes Gespür wenn's nicht mehr stimmt!

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  • Me am 25.07.2017 07:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hut ab

    Das Problem besteht nicht nur bei den BVB- weiss es auch von Stadtbus Winterrhur sowie den VBZ. Die Busfahrer tun mir leid! Immer mehr Zeitdruck, lange Arbeitstage mit geteilten Diensten sowie meckernden Kunden! Jeder müsste einmal einen Tag als Buschauffeur arbeiten damit gesehen wird was die leisten und was der Job mit sich bringt. Ich könnte es nicht..Hoffe der BVB reagiert!

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  • Beobachtung am 25.07.2017 06:43 Report Diesen Beitrag melden

    Gesundheit und Fitness das Wichtigste

    für ein erfülltes Leben. Das war immer so und wird immer so sein. Um so mehr erstaunt es, dass in der Schweiz die Dauer-Überbelastung im Beruf erlaubt ist sowie andere in den Selbstmord treiben nicht strafbar ist. Was lernen wir daraus? Unser Rechtstaat schützt uns nicht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Daniel Kern am 25.07.2017 11:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    BVB oder VBZ, bei beiden das gleich Problem

    Ich verstehe meine Basler Kollegen. Bei uns in Zürich, sprich VBZ ist es nicht besser. Wir haben mehr Stress, wegen dem zunehmenden Verkehr, die Erholungsphasen, sprich Pausen, sind teils zu kurz. Was wiederum zu mehr Stress und Unzufriedenheit gegenüber dem Arbeitgeber führt. Auch die seit dem 1.1.17 eingeführte Zulagenregelung der Stadt, was eine Lohnkürzung von bis 350 Fr. bewirkt, ist alles andere als motivierend. Und dabei spielt es keine Rolle, ob man Bus oder Tram fährt.

  • manuel.b am 25.07.2017 11:24 Report Diesen Beitrag melden

    kapitalismus

    ja so läuft es auch in meiner Branche... gespart wird am falschen ort wichtige Arbeitskräfte werden gekündigt und nicht neu ersetzt und in der oberen Etage werden neue im Büro eingestellt mit einem höheren lohn wozu es die aber braucht weiss niemand

  • Nikinio am 25.07.2017 11:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Handlungsbedarf

    Schade... ich war immer Fan der BVB schon von Kleinkind auf... dass die BVB Führung widerspricht ist auch Frech... 60 Leute werden nicht einfach so aus Spass sich Krank schreiben lassen. Die Fahrer machen einen Super Job, ich habe fast immer zuverlässig und Pünktlich mein Trämli. Deshalb habe ich auch mit 24 noch nie über den Führerschein nachgedacht.

  • Mel S am 25.07.2017 10:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Falsch gerechnet

    Kranktrötzler erreichen nichts ausser das ihre noch gesunden Arbeitskollegen noch schlechtere Bedingungen erleben müssen weil die Arbeitskraft der Trötzler fehlt.

  • [HazE]Büsi am 25.07.2017 10:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hahaha geht zu Migros und Coop etc

    Dort sieht man die Arbeiter mit Fieber arbeiten! Weil einem ja gedroht wird ab zu vielen Kranktagen, und bei denen sind das schon 19Tage im Jahr, dass man die Kündigung erhält! Überall wird mit der Kündigung gedroht nur dass die Arbeiter machen was der Chef will